Wer in internationalen Zusammenhängen an Belgien denkt, wird damit nicht spontan eine große Tradition in katholischer Sozialethik und Sozialdoktrin assoziieren. Belgien ist aus der Sicht vieler Europäer ein relativ unbekanntes Land (Schmitz-Reiners 2006), das nur gelegentlich durch Skandale oder durch schwierige Regierungsbildungen ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit gerät. Nur wenigen Belgiern wird heute noch bewusst sein, dass ihr Land durchaus auf eine beachtliche Geschichte des Sozialkatholizismus mit Wurzeln im 19. Jahrhundert, einer prägenden Gestalt wie Joseph Cardijn im 20. Jahrhundert und der intensiven Mitwirkung von belgischen Bischöfen und Theologen an der Vorbereitung und Durchführung des Zweiten Vatikanischen Konzils (Soetens 1996) zurückblicken kann. Wie ein Popstar gefeiert wird der 2009 von Benedikt XVI. heiliggesprochene Pater Damian, mit bürgerlichem Namen Jozef De Veuster (1840–1889). Sein Einsatz für die Leprakranken auf den Inseln des heutigen US-Bundesstaates Hawaii gilt weltweit als überzeugendes Beispiel christlicher Nächstenliebe, die ohne feierliche Worte und umfassende Lehrgebäude auskommt. Heute wird Damian inoffiziell auch als Patron der Aidskranken verehrt.
Amosinternational, Heft 4/2013, 36