Priesterausbildung zwischen Tradition und Moderne

Die Tatsache, daß immer wieder junge Priester ihr Amt aufgeben, stellt auch eine Anfrage an die Priesterausbildung dar. Gerd Heinemann unterzieht die derzeitige Priesterausbildung einer kritischen Prüfung und unterstreicht dabei besonders die Notwendigkeit einer Inkulturation in die moderne Lebenswelt.

Es ist eine schmerzhafte Erfahrung wohl in allen deutschsprachigen Diözesen, daß in den letzten Jahrzehnten immer wieder junge Priester in ihren ersten Dienstjahren ihr Amt aufgegeben haben. Wer sie gekannt oder gar begleitet hat, kann bezeugen, daß die meisten - soweit dies von außen beurteilt werden kann - in ehrlichem Ringen, in offener Bereitschaft und mit nicht geringem Idealismus ihre Entscheidung für den Priesterberuf getroffen hatten und so zu Hoffnungsträgern für die Seelsorge ihres Bistums geworden waren. So sehr ein Abschied vom Amt immer als ein ganz persönlicher Schritt aus individuellen Gründen und biographischen Motiven vollzogen wird, ist es dennoch berechtigt und auch geboten, die Priesterausbildung in der derzeitigen Gestalt kritisch anzufragen.

Wir können nicht übersehen, daß insgesamt in unserer heutigen Gesellschaft offenkundig weniger als in früheren Zeiten persönliche Lebensplanungen gelingen, daß häufiger Ehen scheitern, Beziehungen zerbrechen, Mitmenschen unerwartet aus ihrem bisherigen Lebensprojekt aussteigen. Ein solcher Trend zu Brüchen in der Biographie, zum "Leben im Fragment" macht vor kirchlichen Berufen nicht halt. Wenn wir diese Entwicklung aber nicht schicksalhaft hinnehmen wollen, dann darf sich die Priesterausbildung der Überprüfung nicht entziehen.

Wer einen Einblick in das Leben der Priesterseminare und Theologenkonvikte seit der nachkonziliaren Zeit gewinnt oder auch nur die Protokolle der jährlichen Tagungen der Seminarregenten und Konviktsdirektoren sichtet, kann sich davon überzeugen, wie die Ausbildungsleiter um eine dem hohen Anspruch angemessene zeitgemäße Gestalt der Priesterausbildung gerungen haben. Die unter der maßgeblichen Mitarbeit der Deutschen Regentenkonferenz verfaßte und von der Deutschen Bischofskonferenz 1978 in Kraft gesetzte deutsche "Rahmenordnung für die Priesterbildung"(1) bezeugt, mit welch differenzierter Umsicht und gewissenhafter Aufmerksamkeit der Weg der Berufung zum Leben und Dienst des Priesters, der mindestens sieben Jahre dauert, gestaltet wird. Alles Bemühen zielt darauf ab, daß der Kandidat nach langer Selbstprüfung und sorgfältiger Eignungsklärung aus innerer Freiheit eine persönliche, verbindliche und tragfähige Entscheidung fällt. Man sollte annehmen, daß der junge Mann, gut gerüstet, sich als Priester in der Welt bewähren kann. Und doch müssen wir erleben, daß nicht wenige junge Priester nicht sehr lange nach ihrer Weihe in eine Berufskrise geraten, die oft mit einer Glaubens- und Lebenskrise verbunden ist und die nicht immer, aber öfters zu einer für viele schmerzlichen Amtsaufgabe führt.

In solcher Krise verdichtet sich, was Paul VI. "das Drama unserer Zeitepoche" genannt hat: "Der Bruch zwischen Evangelium und Kultur"(2). Es geraten zwei Lebenswelten aneinander: die aus Kindheit und Jugend mitgebrachte Lebenswelt und die im Priesterseminar vermittelte kirchlich-priesterlich sozialisierte Lebenswelt. Hier bricht elementar und existentiell in einer und derselben Person die Entfremdung durch, die wir generell zwischen der vor allem jüngeren Generation und unserer Kirche erleben.

Die Lebenskultur des Priesternachwuchses

Der Entwicklungspsychologie verdanken wir die gesicherte Erkenntnis, daß der Mensch seine kulturelle Prägung vorrangig in seiner Kindheit, in geringerem Maß auch noch in der pubertären Jugendzeit erhält. Danach, im jungen Erwachsenenalter, in das die Studienzeit fällt, ist kaum noch eine originäre kulturelle Prägung möglich, dagegen eine Entfaltung früher empfangener Prägung oder aber auch eine kritische Auseinandersetzung damit.

Was die - nicht sehr zahlreichen - Bewerber für den Priesterberuf in der heutigen Zeit an persönlicher Lebensprägung in die Priesterausbildung mitbringen, ist nicht über einen Kamm zu scheren. Immer seltener kommen die Kandidaten aus einem gläubigen und "intakten" Elternhaus mit vertrauter Glaubenspraxis in der Feier der Gottesdienste, der Sakramente und des Kirchenjahrs sowie im Gebetsleben. Nicht wenige haben erst im jungen Erwachsenenalter einen heißen Draht zum Glauben gefunden, etwa im Zivil- oder Militärdienst oder in einem schon erworbenen Beruf; sie sind auf der Suche nach einem sinnerfüllten Leben, ohne oft schon zu einem vertieften Mitleben in einer kirchlichen Gemeinde oder Gemeinschaft gefunden zu haben; ihr Zugehen auf den Priesterberuf stößt bei ihren Familien und Freunden meistens auf Befremden und Ablehnung.

Auch wenn sie die Jüngerschaft Jesu als ein möglicherweise lohnendes Lebensprojekt entdeckt haben, sind sie nach wie vor vom Fühlen, Empfinden, Denken ihrer Generation geprägt. Ihre Lebenskultur ist fundamental verschieden von der Lebenswelt der mittleren und älteren Generation und äußert sich in einem anderen Lebensstil und -rhythmus, in einer neuen Wertung der Erlebnis- und Freizeitwelt, in völlig anderer Schulerfahrung, in veränderter Sexualität, in einem hohen Bedürfnis nach Subjektwerdung und Autonomie, nicht zuletzt in einer veränderten Welt der Sprache, der Symbole und der Rituale. Diese Lebenskultur hat ihren Nährboden in einem entkirchlichten Milieu, das sich spätestens seit der Zeit der Aufklärung entwickelt und seit den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts zum vollen Durchbruch gefunden hat.

In dieser Generation der jüngeren Erwachsenen tritt der Bruch zwischen der zeitgenössischen Kultur und dem kirchlichen Leben voll zutage. Was Bischof Klaus Hemmerle 1983 über die Beziehung von Jugend und Kirche gesagt hat, trifft mehr oder minder auch auf unsere Priesteramtskandidaten und jungen Priester zu: "Auch unter jenen, die der Kirche zugetan sind und in ihr sogar mittun, klaffen Abgründe zwischen Lebenserfahrung und Lebenshaltung einerseits und der Botschaft und Norm, welche die Kirche verkündet, andererseits." "Und auch die Jugend, die in der Kirche ist, die sozusagen in ihr auf sie zukommt, bringt solche Fremde in sich mit und muß mit der Fremde der Kirche fertigwerden."(3)

Zwei Welten stoßen aufeinander

Mit Beginn ihrer Ausbildung tauchen die Priesteramtskandidaten in eine ihnen weitgehend unbekannte Welt ein. Sie ziehen in den meistens übergroßen "Kasten" des Konvikts oder Seminars ein und finden dort eine völlig fremde kirchliche Lebenskultur vor, die sich vor allem äußert in einem anderen Lebensrhythmus und Umgangsstil, in einer ungewohnten Sprach- und Symbolwelt. Das Ambiente, oft verstärkt durch altehrwürdige Gänge und Hallen sowie durch die Ausstattung mit kirchlicher Kunst, signalisiert eine religiöse Sonderwelt, die bislang im Leben der Kandidaten nicht vorgekommen ist, die sie zugleich zu einem guten Teil ihrer bisherigen vertrauten Umwelt entrückt und die ihnen doch zutiefst fremd bleibt. Die pflichtmäßigen mehrwöchigen Gemeinde-, Sozial-, Fabrik- und Schulpraktika sind zwar dazu bestimmt, die heutige Lebenswelt differenziert wahrzunehmen, um von dieser Erfahrung her Zugänge zur Theologie, Spiritualität und Pastoral zu suchen; aber diese Praktika während der Semesterferien hinterlassen in nur geringem Maß nachhaltig wirksame Spuren, wenn die Kandidaten wieder in die Seminar- oder Konviktswelt zurückgekehrt sind.

Ein Teil der Bewerber stößt sich an dieser Sonderwelt und steigt bald oder auch später aus der Ausbildung aus. Ein anderer Teil läßt sich bereitwillig auf diesen Bildungsgang ein und erlebt ihn möglicherweise sogar als eine Entlastung, weil er unter seinesgleichen lebt und darum nicht ständig seinen Weg der Berufung vor Außenstehenden rechtfertigen muß. Die Gemeinschaft trägt, auch wenn sie oft nicht als ideal erlebt wird; eine ebenso förderliche Stütze ist die intensive Begleitung und Beratung. So kann nach langem Ringen und Prüfen ein ehrliches Ja zur Priesterweihe gesprochen werden.

Mit der Weihe wird der Neupriester aus dieser "betreuten" Sonderwelt in die offene Landschaft einer Pastoral inmitten einer weitgehend kirchendistanzierten Gesellschaft entlassen. Auch wenn in der Mehrzahl der Diözesen die ersten Priesterjahre noch eine aufmerksame Begleitung erfahren, muß nun der junge Priester auf eigenen Füßen stehen und sich bewähren. Da der regulierende Rahmen der Priesterausbildung entfällt, macht sich auf unterschiedliche Weise die lebenskulturelle Prägung aus Kindheit und Jugend wieder bemerkbar, die in der Zeit der Priesterausbildung zurückgedrängt und von der kirchlichen Sonderwelt des Theologenkonvikts und Priesterseminars überlagert worden war. Die erneut empfundene Partizipation an der modernen Lebenskultur einerseits und die übernommene priesterliche Lebensführung einschließlich der damit verbundenen Verpflichtungen und Erwartungen andererseits stoßen unvermittelt und konfliktiv aufeinander. Diese Spannung kann zu einer Zerreißprobe führen, die eine der Hauptursachen ist für die bald nach der Priesterweihe auftauchende Berufs- und Glaubenskrise, aus der eine Amtsniederlegung folgen kann.

Hier tritt zutage, daß die Priesterausbildung offenkundig nicht hinreichend auf die mitgebrachte Lebenswelt der Kandidaten eingeht, sie nicht wirklich umfassend wahrnimmt und kennenlernt, um dann einen Prozeß der Klärung und kritischen Auseinandersetzung mit ihr in Gang zu setzen gemäß dem Pauluswort: "Prüft alles und behaltet das Gute" (1 Thess 5, 21). Statt dessen wird eine Ausbildungsund Lebensform "übergestülpt", die trotz zahlreicher Erneuerungen in der Grundgestalt und in vielen Elementen aus der Zeit vor der Aufklärung stammt, ohne nähere Berührung mit dem Denken und Lebensgefühl der Gegenwart.

Die nachkonziliare Perspektive

Daß die vorgegebene Prägung der Priesteramtskandidaten durch die zeitgenössische Lebenswelt ein zentraler Ausgangspunkt ihrer Ausbildung sein müßte, findet in den konziliaren wie nachkonziliaren Dokumenten zur Priesterausbildung keinen ausdrücklichen Niederschlag, trotz der fundamentalen Neuorientierung der Kirche in ihrem Verhältnis zur zeitgenössischen Lebenskultur in der Pastoralkonstitution "Die Kirche in der Welt von heute" des Zweiten Vatikanischen Konzils (53-62). So eindringlich in der deutschen Rahmenordnung für die Priesterbildung dem zukünftigen Priester die aufmerksame Beachtung des Zeitgeschehens und das stets neue Vertrautwerden mit dem Denken und Empfinden der heutigen Menschen nahegelegt wird, so wenig wird wahrgenommen und damit ernst gemacht, daß die Kandidaten selbst zu einem sehr großen Teil von dieser Lebenskultur mit ihren Licht- und Schattenseiten geprägt sind.

Im nachsynodalen Apostolischen Schreiben "Pastores dabo vobis" vom 25. März 1992(4), das die Beratungen der römischen Bischofssynode von 1990 zum Thema "Priesterbildung unter den gegenwärtigen Verhältnissen" zusammenfaßt, spricht Johannes Paul II. ausdrücklich die Aufgabe an, die Herkunft und Prägung der zukünftigen Priester aufzugreifen: "Gott ruft seine Priester immer aus einer bestimmten menschlichen und kirchlichen Umgebung, von der sie unweigerlich geprägt werden" (5) . Er stellt die Frage: "Welche Probleme und zugleich welche positiven Anstöße vermittelt das heutige soziokulturelle und kirchliche Umfeld in Kindern, Heranwachsenden und Jugendlichen, die für ihre ganze Existenz einen Lebensentwurf im Priesterberuf reifen lassen sollen? Welche Schwierigkeiten und welche neuen Möglichkeiten bietet unsere Zeit für die Ausübung eines priesterlichen Dienstes?" (5) Leider werden aus diesen Fragen in den folgenden Kapiteln des Dokuments keine Konsequenzen für die Ausbildung gezogen.

Das geschilderte Defizit, die Außerachtlassung der lebensmäßigen Herkunft der meisten Theologiestudenten im Ausbildungsgang, verdeutlicht brennpunktartig die tiefgreifende, allenthalben bedrängend spürbare Entfremdung zwischen Kirche und Gesellschaft, Glauben und Leben. "Trotz zahlreicher Ansätze in diesem Jahrhundert bestimmt nach wie vor ein Verständnis von Kultur und Kunst theologisches Denken und kirchliche Praxis, das im Mittelalter verhaftet bleibt."(5)

Es gibt widerstrebende Kräfte gegen eine Begegnung und Auseinandersetzung mit unserer "nachchristentümlichen" Kultur, das heißt gegen eine Inkulturation in unseren von christlicher Geschichte geprägten, aber inzwischen großenteils der Kirche entfremdeten Lebensraum. So steht in einem römischen Dokument von 1994 über Liturgie und Inkulturation: "Ebenso wird man darauf achten müssen, daß sich in den Ländern mit mehr oder weniger christlicher Tradition nach und nach eine Kultur etabliert hat, die von Gleichgültigkeit oder Desinteresse gegenüber der Religion gekennzeichnet ist. Angesichts dieser Situation sollte man nicht von Inkulturation der Liturgie reden."(6) Ob eine solche Einschätzung nicht die Aufmerksamkeit für die "Zeichen der Zeit" (Lk 12, 54 ff.) vermissen läßt, durch die Gott sich auch in kirchenentfremdetem Zeitgeschehen zu erkennen geben kann? Die gegenwärtige wie jede Lebenskultur ist nicht ganz und gar permissiv; sie ist auch nicht durch und durch gut, sondern ambivalent und bedarf der Unterscheidung der Geister (vgl. 1 Joh 4, 1).

Inkulturation in der Priesterausbildung

Inkulturation will nicht eine verängstigte Abkapselung gegen die moderne Lebenswelt durch eine fahrlässige Anpassung an diese austauschen. Inkulturation bedeutet - gerade auch im Blick auf die kulturelle Vorprägung des Priesterkandidaten - ein Dreifaches: "Annahme des Menschen, wie er ist; Krisis falscher, verengter, bloß in sich verharrender Verhaltensweisen; Öffnung fürs Ganze, Öffnung über sich hinaus."(7) "Worauf es ankommt, ist die Entdeckung der neuen 'Bildwelt' von Leben und Beziehung und ihr Ernstnehmen als geradezu unverzichtbaren Zugang zum Evangelium ... (Es) ist an unserer Situation völlig neu, daß ein vormals prägendes und 'inkulturiertes' Evangelium in unserer Welt immer mehr 'dekulturiert' erscheint und einer neuen Inkulturation bedarf, die nicht eine bloße Wiederholung der alten sein kann."(8)

Die Kontroverse, ob wir als Kirche in unserem Lebensraum einer neuen Inkulturation bedürfen, spitzt sich in der Frage zu, ob ein junger Mann, der aus einemkirchenfernen Milieu stammt, aber den Ruf oder Wunsch zum Priesteramt entdeckt hat, sich zu einem kirchlichen Christentum bekehren muß, das sich in Sprache, Symbolformen und Sozialisation fast ausschließlich gegen die "Moderne" abschirmt und eine Gestalt aus der Zeit vor der Aufklärung bewahrt hat. Mutet man einem solchen Kandidaten möglicherweise etwas zu, was in früheren Zeiten Völkern der Dritten Welt zugemutet wurde, wenn Missionare etwa im afrikanischen Busch gotische Kathedralen oder Kirchen bauten?

Auch für die Priesterausbildung gilt, daß die Einlassung auf die biographische Lebenswelt des Kandidaten, also der Prozeß der Inkulturation, keine Einbahnstraße ist. Die Vermittlung des Glaubens als Begegnung mit einer ausschnittweise modernen Lebenskultur ist ein wechselseitiger Austausch: Nur wer sich selbst bewegt und vom Gegenüber bewegen läßt, kann dieses Gegenüber auch bewegen. Wer gibt, muß auch empfangen können. "Die Kirche hat, zugespitzt formuliert, zur jungen Generation zu sagen: Laß mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe."(9)

Immer weniger ist es möglich, die Verhaltensmuster, Lebensperspektiven und Orientierungen der jüngeren Generation in die überkommenen Formen einzupassen. Die Zukunftsfähigkeit der Kirche hängt nicht zuletzt davon ab, daß die Priesterausbildung nicht bloße Hüterin der Tradition, sondern in Treue zum Vermächtnis und zur Sendung der Kirche ein innovativer Ort ist, wo um die Vermittlung von Evangelium und heutiger Lebenskultur gerungen wird.

Der Anfang des Weges

Bewerber, die mit dem Wunsch vorstellig werden, Priester werden zu wollen, sind für die Verantwortlichen, die diesen Wunsch entgegennehmen, ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Vor der Annahme als Priesteramtskandidat kann nur eine erste sorgfältige Klärung erfolgen, ob der Wunsch nach dem geistlichen Beruf ernst gemeint ist und bezüglich der geistigen und psychischen Voraussetzungen keine Bedenken vorliegen, die es angeraten sein lassen, den Ausbildungsweg nicht zu beginnen. Die Hintergründe und Motive für das Interesse am Priesteramt sind noch verborgen; meistens weiß der Bewerber selbst noch nicht, was ihn im tiefen Innersten zu diesem Ziel antreibt.

Die Annahme als Priesteramtskandidat muß ein volles, vorbehaltloses Ja zu diesem Menschen sein, so wie er ist (vgl. 2 Kor 1, 17-20). Mit diesem uneingeschränkten Willkommen ist gewiß keine Zusage für die Priesterweihe verbunden; denn der Kandidat steht am Anfang eines weiten Weges; er hat einen ganz ernst zu nehmenden Ruf vernommen und bricht nun auf - so wie Abraham, der nicht wußte, wohin ihn Gott führen würde. Die Annahme des Bewerbers, dessen mitgebrachte Prägung und Lebenswelt so sehr unbekannt und fremd ist, ist sicher ein Wagnis; aber die verantwortlichen Ausbilder sollten nicht vergessen, daß der neu Hinzutretende ein vielleicht noch größeres Risiko eingeht, indem er sich auf die ihm befremdliche Welt des Ausbildungsweges einläßt, ohne sicher zu sein, was diese Ausbildung mit ihm macht.

Mit dem ersten Schritt der Annahme beginnt ein Prozeß des wechselseitigen Kennenlernens. Verständlich ist, daß der Kandidat sich scheut, sein Innerstes den Ausbildungsverantwortlichen und den Mitstudenten zu öffnen. Ängste sind im Spiel; behutsamer Umgang und Bewahrung der Diskretion sind geboten. Dennoch ist das Kunststück aufgegeben, daß all das, was aus der modernen Lebenskultur an Lebensgefühl, Sprachempfinden, Ausdrucksformen, Wertvorstellungen das Innere des Kandidaten erfüllt, allmählich zur Sprache kommen und auf ein einfühlendes Verstehen stoßen kann. "Not tut der immer wieder neue Versuch, nicht nur von sich her, sondern vom anderen her zu denken."(10) Das setzt unter allen Beteiligten, Studenten, Ausbildungsleitern und Begleitern ein Klima des Freimuts voraus, wo ohne Angst vor Sanktionen "ins Unreine" gesprochen, Zweifel geäußert und kritische Fragen gestellt werden können. Wenn die Priesterausbildung ein wirklicher Lernort der Vermittlung von Evangelium und Leben, von Glauben und zeitgenössischer Lebenskultur ist, muß sie in rechter Weise den Charakter eines Labors haben, wo christliches Leben erprobt und eingeübt werden kann und auch Korrekturen möglich sind.

Ein katechumenaler Weg

Nur in seltenen Fällen bringen die Kandidaten eine voll entfaltete kirchliche Glaubenspraxis mit und sind mit dem liturgisch-sakramentalen Leben bereits vertraut. Nicht wenige stammen aus einem kirchenentfremdeten Milieu und haben Grenzerfahrungen mit dem Fortschrittsglauben, Ernüchterung mit der Inhaltsleere autonomer Freiheit sowie Enttäuschungen in zerbrochenen Beziehungen und Vereinsamung erlebt; in ihrer Suchbewegung sind sie auf die Frage nach Gott oder gar auf das Evangelium gestoßen. Und da sie diese gefundene Spur nicht mehr losläßt, haben sie jetzt den Versuch unternommen, Priester zu werden, um ihrem Leben einen tiefen Sinn zu geben. Die Palette der Quellgründe, aus denen heraus die jüngeren Männer den Ruf verspüren, ist äußerst vielfältig.

Diese Vielfalt ist ein Reichtum, aber auch eine große Herausforderung: Die Priesterausbildung ist heute - wenn sie es nicht schon früher war - ein katechumenaler Weg geworden. Priester werden ist heute ein Weg, Christ zu werden. Sofern dies in der Kirche bewußt geworden ist, liegen darin große innovative Chancen für die Zukunftsfähigkeit des kirchlichen Lebens, erfordern aber auch Konsequenzen für die Ausbildung. So ist dafür Sorge zu tragen, daß sich die Spiritualität der Kandidaten organisch entwickeln kann und nicht in vorprogrammierter Form übergestülpt wird. Das Hineinwachsen ins geistliche Leben, in die Mitfeier der Eucharistie, ins Betenkönnen braucht seine Zeit, damit darin immer auch der Bezug zur eigenen Lebenswelt gewahrt wird. Das gegenwärtige Theologiestudium an den katholisch-theologischen Fakultäten setzt vielfach noch eine kirchlichgläubige Sozialisation der Theologiestudenten voraus und verfehlt damit deren Lebenswirklichkeit. Die heutige Theologie kann selbst nur dadurch gewinnen, daß sie sich zu einer katechumenalen Hinführung zum kirchlichen Glauben auf wissenschaftlichem Niveau unter starker Einbeziehung der Studenten entwickelt.

Leben in Gemeinschaft und der Weg des einzelnen

Ein zeitweises Leben in Gemeinschaft ist unverzichtbar; denn der Ruf Jesu zur Nachfolge ist immer ein Ruf in die Gemeinschaft der Jünger. Sie macht Kirche konkret erfahrbar als Lebens- und Lernort des Glaubens, in den der Kandidat hineinwachsen will. Zum Christ- und Priesterwerden gehört notwendig, sich in Vorgegebenheiten einordnen und einbringen zu können in der spannungsreichen Balance zwischen Einfügung und Selbstand. Angesichts der unterschiedlichen Herkunft der Kandidaten und ihres meist ausgeprägten Individualismus ist eine nicht leichte Aufgabe in der Gemeinschaft die wohlwollende Zulassung und Annahme der anderen in ihrer Andersheit. Gerade mit diesen gilt es, in einen persönlicheren Austausch über die eigenen Glaubenserfahrungen zu treten, da der Kirche nur als Erzählgemeinschaft die Vermittlung von Glauben und Leben gelingen kann. Aus solchem gemeinsamen Suchen und Ringen um die Welt des Glaubens erfährt dann die gemeinsame Feier des Glaubens in der Liturgie ihren "Sitz im Leben". Schließlich will die Einübung in die kirchliche Gemeinschaft im Miteinander-Auskommen- und Füreinander-Einstehenkönnen eine Gefährtenschaft einüben, ohne die das Wirken des Priesters unfruchtbar bleibt(11).

Das Gemeinschaftsleben in den Priesterseminaren und Theologenkonvikten hat in der Vergangenheit auch erhebliche Schattenseiten erkennen lassen. Die Rahmenordnung für die Priesterbildung weist auf spezifische Gefährdungen hin (47). Die Großgemeinschaften haben Möglichkeiten des Rückzugs vor einer notwendigen wissenschaftlichen, spirituellen und menschlichen Auseinandersetzung sowie Nischen für Cliquenbildung geboten. Ebenso konnte sich eine Versorgungsmentalität mit einem Anspruchsdenken entwickeln; Phänomene des Hospitalismus und Infantilismus wurden erkennbar. Ein Vorzug der inzwischen kleiner gewordenen Gemeinschaften ist, daß der einzelne nicht mehr so leicht vor der Auseinandersetzung mit den anderen und darum auch mit sich selbst ausweichen kann. Dennoch ist eine Reduzierung des Hausservice und eine Beschränkung der Versorgung auf das unbedingt Notwendige geboten.

Damit der erwachsene Selbstand gefördert wird, ist die Balance zwischen den Ansprüchen des Gemeinschaftslebens und der Freigabe des einzelnen Kandidaten als fruchtbare Spannung zu gestalten. Zum einen lebt eine Gemeinschaft davon, daß der einzelne nicht total in ihr aufgeht, sondern einen umfassenden persönlichen Freiraum findet, aus dem er auch schöpferisch Neues wiederum in die Gemeinschaft einbringen kann. Zum anderen finden sich in der Gemeinschaft Jüngere und Ältere, noch relativ Unreife und schon Erwachsene, mit Abitur oder abgeschlossenem Studium oder gar Berufspraxis, mit unterschiedlich entfalteter Glaubenspraxis, mit sehr differenzierten Begabungen und Charismen; darum muß, ohne den Gemeinschaftsbezug aufzugeben, für jeden einzelnen eine persönliche Ausgestaltung des Bildungswegs in Absprache mit dem Ausbildungsverantwortlichen möglich sein. Denn was für den einen hilfreich und förderlich ist, kann dem anderen schaden; im Zusammenspiel des Ganzen muß jeder seinen eigenen unableitbaren Berufungsweg gehen können.

Erfahrung von Autorität in der Kirche

Nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern gleichermaßen in unserer Kirche stößt ein formaler Anspruch von Autorität und Gehorsam auf Widerstand und Ablehnung. "Autorität und Verantwortung sind notwendig, aber nicht als ein bloßes Sagen, wie es geht, sondern als gelebte Zuwendung, als vollmächtige Nähe, die sich einläßt, die sich nicht spart, sondern eben: mitgeht."(12) Der Führungsstil des Ausbildungsleiters, des Konviktdirektors oder Seminarregens, ist ein zentrales exemplarisches Lernfeld für evangeliumsgemäße Autoritätsausübung ("Bei euch aber soll es nicht so sein", Lk 22, 26, vgl. Mt 23, 8-11) und einen entsprechenden Erwachsenengehorsam. Unerträglich wäre ein von Mißtrauen geprägtes Überwachungssystem. Dem Ja der Annahme als Priesteramtskandidat entspricht ein volles Vertrauen, das der Regens oder Direktor dem Kandidaten schenkt und das in diesem ein Zutrauen zu sich und seinen von Gott geschenkten Gaben zu wecken vermag. Und ohne die Leitungsverantwortung zu überspielen, wird der Leiter das Vertrauen des Studenten zu gewinnen suchen, mit dem sehr behutsam umzugehen ist; denn ein Mißbrauch des Vertrauens reißt Wunden auf, die oft ein Leben lang fortschwelen. Damit das Vertrauen wächst und Bestand hat, wird der Regens oder Direktor seine lautere Absicht möglichst transparent machen, daß er dem Studenten zur Findung und Entfaltung seines ureigenen Lebenswegs behilflich sein will ohne den Hintergedanken einer Vereinnahmung und Rekrutierung für den kirchlichen Dienst.

Für den Leiter stellt sich oft die schwierige Aufgabe, der er sich aber nicht entziehen darf, daß er dem Kandidaten - gerade auf dem Hintergrund seiner Prägung durch die ambivalente Lebenskultur - konfrontierende Reibungsflächen zu bieten hat zu einem oft schmerzhaften, aber notwendigen Prozeß der Unterscheidung der Geister. Doch die Voraussetzung für das Gelingen einer solchen Konfrontation ist: "Wer Änderungen herbeiführen möchte, muß zuallererst einmal lernen, sich von denen ändern zu lassen, denen er helfen will." Eine in tiefer Einfühlung und großer Transparenz erfolgte Konfrontation hat das gemeinsame Suchen und Ringen um das, was Gott in dieser Situation will, zum Ziel. "Studenten wachsen in dem Augenblick über sich hinaus, wo sie entdecken, daß sie ihrem Lehrer etwas Neues zu sagen imstande waren, ohne daß der Lehrer sich bedroht fühlte, sondern daß er im Gegenteil dankbar dafür war."(13)

Der Leiter der Priesterausbildung darf damit rechnen, daß die aus der heutigen Lebenskultur hervorgehenden Priesteramtskandidaten einen ernstzunehmenden Glaubenssinn mitbringen (gemäß der Konstitution "Lumen Gentium" des Zweiten Vatikanischen Konzils 12); sonst hätten sie den Ruf Gottes in ihrem Leben nicht vernehmen können. Schon der heilige Benedikt weist in seiner Regel den Abt an, den Rat aller Brüder einzuholen, "weil der Herr oft einem Jüngeren eingibt, was besser ist"(14). So wird Priesterausbildung zu einer wechselseitigen Lerngemeinschaft aller Beteiligten.

Geistliche Begleitung und menschliche Lebenshilfe

Da jeder Bewerber seine unverwechselbare individuelle Lebens- und Glaubensgeschichte in den Ausbildungsgang einbringt, ist eine qualifizierte persönliche geistliche Begleitung geboten, die zugleich den menschlichen Reifungsprozeß und das Glaubenswachstum im Auge hat. Diese unverzichtbare Hilfe durch den Spiritual oder einen anderen dazu geeigneten Berater wird den Wurzelgrund des Lebens und der Berufung zu erhellen suchen. Die eigene Biographie von früher Kindheit an tiefer kennenzulernen, ermöglicht eine reifere Selbstannahme sowohl in den geglückten wie in den gebrochenen und unabgeschlossenen Lebensanteilen. Nur wer es gelernt hat, sich selbst zu bejahen, kann zur wirklichen Nächsten- und Gottesliebe finden. Auch läßt das biographische Lernen in den tieferen Schichten des Bewußtseins die eigentlichen, nicht selten überlagerten Motive für den Priesterberuf aufspüren: zum Beispiel Freude an der Liturgie, Verlangen nach einer Sinngebung des Lebens, eine tiefe Gottessuche, aber auch: sublimes Machtstreben, elitäres Bewußtsein, Klerikalismus, Verdrängung uneingestandener Ängste.

Vermehrt ist auch die Hinzuziehung psychologischer Berater angeraten. Die (Pastoral-)Psychologie ist - nach strengen Maßstäben verantwortet - nicht ein Ausbildungselement, das die Spiritualität, das Hineinwachsen ins geistliche Leben stört, behindert, zu Teilen ersetzen will oder auch additiv neben dem geistlichen Leben ihr (Un-)Wesen treibt. Vorwürfe wie: "Das ist reiner Humanismus", "Verfall in eine hoministische Priesterausbildung" verkennen, daß der Beitrag der Pastoralpsychologie zur Ausbildung der Seelsorger an entscheidenden Punkten das geistliche Leben fördern und vertiefen will und kann. Gerade wo es um das inkarnatorische Prinzip der Einwurzelung des Wortes Gottes in die menschliche Existenz geht, ist auf die Bedingungen der Empfängnisfähigkeit des Menschen für den wirkmächtigen Samen Gottes in Wort, Sakrament und Gemeinschaft sorgfältig zu achten.

Aus den Rückblicken auf die Biographie und der Klärung der Motivationen erwächst die Aufgabe, eine persönliche geistliche Lebensordnung und Tagesgestaltung auszubilden, in der die Gottsuche und Gottverbundenheit in der eigenen alltäglichen Lebenswelt ohne Verkrampfung verankert ist. Ein besonders achtsames Augenmerk gilt dabei der freien Übernahme der Ehelosigkeit; die Motive zu dieser Lebensentscheidung sollten ebenso aus der persönlichen Lebensgeschichte erhellt werden.

Je mehr der Kandidat da abgeholt worden ist, woher er kommt, und je mehr in ihm der Sinn für Gott geweckt und entfaltet worden ist, desto mehr wird er den Menschen in unserer Gesellschaft nahe sein können in diakonischer Pastoral. Es geht in der Ausbildung darum, daß der zukünftige Priester zu einer engen Verknüpfung von Gottverbundenheit, Selbstannahme und Menschennähe findet. Noch einfacher gesagt: Es geht darum, daß er die Kunst erlernt, wirklich zu leben, wirklich zu lieben, wirklich zu glauben in heutiger Zeit.

Die Priesterausbildung wird sich - in der Spannung zwischen Tradition und Moderne - darum bemühen müssen, die Priesteramtskandidaten in ihrer innersten Existenz, Mentalität und Lebenssituation zu verstehen, um von ihnen her und mit ihnen die Ausbildung zu gestalten und als Weg der Nachfolge Jesu Christi zu entfalten. Auch dann gibt es - gerade in den heutigen Umbrüchen kirchlichen Lebens - keine Gewähr, daß Krisen in den jungen Priesterjahren ausbleiben. Aber es besteht die berechtigte Hoffnung, daß in der Ausbildung hinreichende Fundamente in der Vermittlung von kirchlichem Glauben und persönlicher Lebensprägung grundgelegt sind, um solche Krisen und Selbstvergewisserungsphasen gewinnbringend in den priesterlichen Lebensweg zu integrieren.

Stimmen der Zeit (1997) 759-769

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