Rahel: Eine Geburt ist kein Kinderspiel

Rahel, die geliebte Frau Jakobs, um die er jahrelang arbeiten musste, stirbt bei der Geburt des heiß ersehnten zweiten Sohnes. Auch heute noch sind die Risiken von Schwangerschaft, Schwangerschaftsabbruch und Entbindung nicht gering, vor allem nicht in armen Ländern mit schlechter Gesundheitsvorsorge.

Rahel ist die große Liebe des biblischen Jakob. Wie bitter muss es für sie, die ihn ebenso liebte, gewesen sein, als ihr Vater, Laban, Jakob zuerst ihre ältere Schwester Lea zur Frau gab. Erst musste die Ältere verheiratet sein; dann konnte Jakob auch die Jüngere, die geliebte, zur Frau neh­men. Wie belastend diese Situation ist, lässt sich auch heute unschwer vorstellen. Und dann muss Rahel erleben, wie Lea, deren Magd und auch ihre eigene Magd von „ihrem“ Jakob schwanger werden. Sie selbst aber muss lange warten, bis sie end­lich Josef zur Welt bringt.

Sie wird ihn arg verwöhnt haben, diesen Sohn, auf den sie so lange gehofft hat. Und die Bibel berichtet, dass auch sein Vater Jakob ihn verwöhnt hat. Es wird erzählt, dass Josef ein ziemlich hochnäsiger Kna­be war, dessen Selbstverliebtheit die älte­ren Brüder schließlich dazu brachte, ihn auf brutale Weise verschwinden zu lassen. Rahel aber ist überglücklich über diesen Sohn. Und sie wünscht sich einen zweiten. Tatsächlich wird sie wieder schwanger. Doch „es kam sie hart an über der Geburt“, wie die Bibel erzählt.

Nicht jede Geburt verläuft leicht und ein­fach. Ein Kind kann in Steißlage liegen, es kann quer liegen, die Nabelschnur um den Hals gewickelt haben. Die Mutter kann unerwartet viel Blut verlieren. Eine Geburt ist kein Kinderspiel, auch nicht im 21. Jahrhundert und auch nicht in den reichen Industrienationen. Mutterschaft – Schwangerschaft, Abbruch von Schwan­gerschaften und Gebären – und die ent­stehenden Konsequenzen sind für Frauen immer noch das Hauptrisiko, krank oder in ihrer Gesundheit geschädigt zu wer­den oder gar zu sterben. Dass Mütter oder Säuglinge vor, während oder nach der Ge­burt sterben, ist in den wohlhabenden In­dustrienationen zwar eine Seltenheit ge­worden. In der sogenannten Dritten Welt gehört dieses grausame Schicksal dage­gen zum Alltag.

529.000 Frauen sterben weltweit pro Jahr während der Schwangerschaft, bei der Ge­burt oder im Wochenbett. Weniger als ein Prozent dieser Frauen kommen aus den reichen Industrienationen: In den reichen Industrieländern stirbt eine von 4085 Frau­en durch Schwanger­schaft und Geburt, in Zentralafrika eine von 13 Frauen! Hauptgrün­de sind heute wie zu Rahels Zeiten Blutungen, lebensbedrohliche Infektionen, Eklampsie (plötzlicher Bluthochdruck und Krämpfe) oder auch unsachgemäß durchgeführte Abtreibun­gen. Mehr als 300 Millionen Frauen in Entwicklungsländern leiden zudem unter kurz­ oder langfristigen Erkrankungen, die durch Schwangerschaften und Gebur­ten bedingt sind. Auch in dieser Hinsicht ist bisher zu we­nig erreicht worden. In vielen Ländern – vor allem in Afrika, Zentralasien und in Kriegsgebieten – ist noch nicht einmal die medizinische Minimalversorgung gesichert. Es mangelt an Trinkwasser und an einer ausreichenden Ernährung. Viele Frauen und Mütter hungern, ebenso wie ihre Kinder. Kompetente Schwangeren­betreuung und fachkundige Geburtshilfe sind in vielen Teilen der Welt keine Selbst­verständlichkeit.

Es war bei einem Besuch unserer Partner­kirche in Äthiopien, als ich im Kranken­haus auf eine Frau traf, deren achtes Kind bei der Geburt quer gelegen hatte. Nach zwei Tagen in Wehen wurde sie auf einem Esel in die Klinik gebracht. Das Kind war bereits tot. Und sie hatte so viel Blut ver­loren, dass der Arzt meinte, ihre Überle­benschancen seien gering. Ich habe die verzweifelten Augen dieser Frau gesehen und kann über alle kulturellen und öko­nomischen Grenzen hinweg ahnen, was das heißen mag. Sie musste sieben Kinder unversorgt in Armut zurücklassen ... Keine Frau will so viele Kinder gebären, wenn sie diese nicht versorgt weiß.

Rahel stirbt bei der Geburt ihres zweiten Sohnes. Sie weiß, dass sie sterben muss. Als ihr „das Leben entwich“, nennt sie ihren kleinen Sohn Ben­-Oni, Sohn mei­nes Unglücks. Wie grausam muss das für sie gewesen sein! So sehr hatte sie sich ein zweites Kind gewünscht, es herbeige­sehnt. Und dann weiß sie in ihrer letzten Stunde: Sie wird diesen Jungen nicht auf­ wachsen sehen. Nicht einmal stillen kann sie ihn, nichts mehr kann sie ihm ins Le­ben mitgeben.

Für Mütter ist es furchtbar, ihre Kinder zurücklassen zu müssen. Sie wollen das Kind schützen, behüten, behutsam in das Leben hineinführen. So wie der vorzei­tige Tod des Kindes die Mutter verwaist zurücklässt, so verwaist hier das Kind. Es mag sein, dass sich andere kümmern, die Hoffnung ist da, dass der Vater dem Kind beisteht, vielleicht setzt Rahel in dieser Stunde sogar auf ihre Schwester Lea, mit der sie all die Jahre in Konkurrenz lebte. Aber der Schmerz, das Kind zurückzu­lassen, das neugeborene Baby und den älteren Sohn Josef, war und ist grausam. Da helfen keine Beschwichtigungen. Es ist gewiss, dass die beiden Söhne ihre Mutter ein Leben lang vermissen werden, diese Trauer nehmen sie mit auf ihren Lebens­weg.

Dass Rahel ihrem Sohn vor ihrem Tod noch einen Namen gibt, zeigt sie als um­sichtige Frau. Sie will für ihn noch tun, was sie kann, vielleicht auch durch diesen Namen eine Spur in seinem Leben hinterlassen. Auch heute ist es wichtig, dass Mütter nicht ausblenden, dass sie sterben könnten; der Tod kann jederzeit und un­erwartet in unser Leben treten. Deshalb ist es gut, für den Todesfall zu regeln, was zu regeln ist. Wer soll das Sorgerecht haben, wie sind meine Kinder finanziell abgesi­chert? Habe ich ihnen gesagt, wie sehr ich sie liebe? Es ist gut, etwas zu hinterlassen und einem Menschen anzuvertrauen, was den Kindern im Falle eines Falles mitge­geben werden soll – als Gruß, Gedanke, Erinnerung. Und es ist wichtig, vorzusor­gen für das, was Kinder nicht entscheiden sollten, etwa mit Blick auf Organspende oder lebensverlängernde Maßnahmen. Nein, niemand spricht gern über den Tod. Schon gar nicht eine Mutter mit ihren Kin­dern. Aber sie kann Vorsorge treffen, für den Fall, von dem alle hoffen, er möge nie eintreten, dass die Mutter allzu früh stirbt, bevor die eigenen Kinder erwachsen sind.

Jakob trauert um die Frau, die er geliebt hat. Ihre beiden Söhne werden in seiner großen Kinderschar seiner besonderen Liebe gewiss sein. Ein Grabmal errichtet er ihr, das unvergessen ist. Und er ändert den Namen des Sohnes von Ben­-Oni in Ben­-Jamin, Sohn des Glücks. Nein, es ist nicht das Glück der Rahel. Aber wahr­scheinlich ist es gut so, wie sollte der Sohn mit dem Bewusstsein leben, den Tod der Mutter durch die eigene Geburt verur­sacht zu haben und das täglich im Namen zu tragen.

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