Herodias: Eine Frau kriegt nicht genug

Die Geschichte aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 14) wird erzählt bis heute. Was für eine berechnende Frau ist diese Herodias! Erst verlässt sie den Ehemann für einen Reicheren, der für sie die eigene Frau verstößt. Dann stachelt sie die eigene Tochter an, dafür zu sorgen, dass ihr Kritiker Johannes der Täufer im wahrsten Sinne des Wortes mundtot gemacht wird.

Die Geschichte ist eine echte Soap Opera. Sie wäre heute für die bunten Blätter, die über die Reichen und Schönen erzählen, ein gefundenes Fressen. Es geht familiär drunter und drüber, Liebe spielt eine Rolle, aber auch Berechnung und Geld: Herodes Boethos liebte seine Frau, die schöne Herodias, sehr. Sie war seine Halb-Nichte. Ihr Vater Aristobulos wurde vom König Herodes, seinem eigenen Vater, hingerichtet, weil er glaubte, der Sohn wolle ihn vom Thron stürzen. Das geschah, als Herodias noch ein Kleinkind war. Begleitet von ihrer Mutter Berenike, wuchs sie später in Rom auf. Ihr Onkel, Sohn aus der zweiten Ehe von König Herodes, kümmerte sich um die Familie.

Und wie das manchmal so ist, wurde aus der Vertrautheit der beiden, die seit Kindertagen gewachsen war, irgendwann Liebe. Die beiden heirateten und bekamen eine Tochter, Salome. Es ging ihnen gut, der Sohn des Königs war finanziell abgesichert, alles war im rechten Lot. Aber dann starb König Herodes. Und zum Schock seines Sohnes Herodes Boethos hatte er ihn im Testament nicht bedacht. Das Leben veränderte sich rasant. Sie mussten das schöne Haus verlassen, in eine kleine, fast erbärmliche Wohnung ziehen. Beim Einkaufen musste Herodias genau aufs Geld achten. Streit zog in die Ehe ein mit der Verarmung. Die Leute lästerten hinter ihrem Rücken, aber natürlich hörte Herodias das. „Herodes ohne Land“ wurde ihr Mann verspottet. Das war demütigend! Und auch Salome grollte, keine schönen Kleider mehr, keine Anerkennung durch andere! Sie verachtete den Vater für den sozialen Abstieg.

Und dann, ja dann kam ab und zu sein Halbbruder zu Besuch, Herodes Antipas. Er war anders als sein Bruder der Haupterbe des Vermögens vom großen Herodes. Wenn er kam, dann brachte er schöne Stoffe mit, Glanz kam in die bescheidene Hütte. Herodias und Salome freuten sich riesig und gaben sich alle Mühe, ihm zu gefallen. Und die beiden gefielen ihm! Aus kleinen Anmerkungen wurden Anzüglichkeiten, aus Blicken wurden Berührungen und es wurde klar: Herodes Antipas und Herodias, die sind ein Paar.

Was für eine zusätzliche Demütigung für Herodes Boethos. Erst enterbt ihn der Vater, dann nimmt der Bruder ihm die Frau! Herodes Antipas aber ist ein Siegertyp. Er fackelt nicht lange, verstößt seine eigene Ehefrau und heiratet Herodias. Die beiden wollen zusammen sein, koste es die Beziehung zum Ehemann beziehungsweise zum Bruder. Und Salome gefällt das gut. Mit dem neuen Stiefvater kommt sie heraus aus diesem Dreckloch. Endlich kann sie wieder das Leben führen, das sie sich gewünscht hat.

Die Leute aber murren: Das ist nicht Recht, ein doppelter Ehebruch vor den Augen der Öffentlichkeit. Besonders Johannes der Täufer kritisiert das. Im Namen Gottes mahnt er an, dass hier ein Mann und eine Frau ihre Ehen gebrochen haben und schuldig geworden sind. Herodes Antipas und seine Frau sind genervt von diesem Störenfried. Soll er doch Ruhe geben! Was geht diesen kleinen selbsternannten Propheten ihr Leben überhaupt an? Kurzerhand lässt Herodes Antipas Johannes den Täufer verhaften und ins Gefängnis stecken, das muss er sich nicht bieten lassen.

Wenig später gibt Herodes Antipas ein Fest. Seine Stieftochter Salome tanzt dabei ganz entzückend, Herodes Antipas ist hingerissen. Es knistert geradezu zwischen ihm und der Stieftochter. Jeden Wunsch würde er ihr erfüllen – und das sagt er auch. Salome aber hat sich längst mit ihrer Mutter Herodias abgesprochen. Sie wollen diesen elenden Johannes loswerden, seine ständige Kritik schadet ihrem Ruf. Und so umschmeichelt Salome den Stiefvater und sagt: Am liebsten hätte sie den Kopf von Johannes dem Täufer als Geschenk. Herodes Antipas hat vor anderen Leuten gesagt, er werde jeden Wunsch erfüllen. Aus diesem Versprechen kommt er nun nicht mehr heraus, wenn er nicht seinen Ruf als durchsetzungsfähiger Macher riskieren will. Also schickt er seine Schergen ins Gefängnis und lässt Johannes enthaupten. Der Kopf wird Salome auf einer Schale überreicht und sie bringt ihn ihrer Mutter.

Wen habe ich da überhaupt geheiratet, wird Herodes Boethos vielleicht gedacht haben. Ist das das Mädchen, dem ich beigestanden habe, als sie jung und allein war? Aber auch der Bruder, wie konnte er nur? Ihm muss doch schon klar gewesen sein, wie entsetzlich demütigend die Enterbung für ihn war. Und dann noch eins drauf setzen, ihm die Frau wegnehmen, ja auch noch die Tochter. Denn Salome, die spricht nicht mehr mit ihrem Vater. Als „Looser“ sieht sie ihn an, sie verachtet ihn geradezu.

Mit ihm will sie nichts mehr zu tun haben. Sie nennt jetzt seinen Bruder „Papa“. Wir hören in der Bibel nie wieder etwas von Herodes Boethos. Vielleicht ist er enttäuscht und verarmt gestorben. Oder er hat sich das Leben genommen. Vielleicht hat er eine andere Frau gefunden, die nicht so sehr an Geld und Macht interessiert war wie Herodias, sondern an ihm als Menschen. Es wäre ihm zu gönnen.

Von Herodes Antipas ist bekannt, dass seine Frau Herodias ihn drängt, Königswürde zu erlangen. Ihr Bruder hat das nämlich erreicht bei Kaiser Caligula. Und das will sie nun auch: Königin sein. Irgendwie kann es diese Frau nicht lassen, sie will mehr Geltung, mehr Ansehen. Für Reue ist es zu spät. Getrieben von seiner Frau, reist Herodes Antipas nach Rom. Und dann kommt der Schock: Es ist nicht nur vergeblich mit Blick auf eine mögliche Königswürde. Stattdessen kommt es viel schlimmer. Er wird seiner Ämter enthoben und nach Südgallien ins Exil geschickt. Nun ist also auch er machtlos und gedemütigt wie einst sein Bruder. Aber interessanterweise: Herodias sucht sich keinen erfolgreicheren Ehemann, sondern folgt ihm dorthin. Und da verliert sich ihre Spur...

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