Elisabeth und Maria: Da freut sich eine schlicht mit der Freundin

Elisabeth und Maria werden in ungewöhnlicher Situation schwanger. Die eine war lange kinderlos geblieben, die andere ist sehr jung und nicht verheiratet. Sie haben Sorgen: Schaffe ich das in meinem Alter? Bin ich zu jung? Hat Gott etwas damit zu tun? Wie komme ich klar ohne Ehemann? Was werden die Leute sagen? Aber all das ist am Ende zweitrangig. Da wachsen zwei Kinder heran und die beiden Frauen freuen sich miteinander an ihren Schwangerschaften.

Warum geht eine schwangere Frau übers Gebirge in das Haus einer anderen Frau und bleibt da volle drei Monate? Gebirge heißt doch: nicht gerade ein Spaziergang! Allein und schwanger – warum? Sehr jung muss Maria gewesen sein, Exegetinnen schätzen heute, sie war 13 oder 14 Jahre alt. Bleibst du da nicht lieber zuhause, bei deiner Mutter oder bei deinem Mann?

Ich denke, sie sucht eine Gleichgesinnte, Schutz und Trost und Ermutigung braucht sie in ihrer schwierigen Situation. Sie ist schwanger, sie kann es kaum begreifen, sie hatte diese Engelerscheinung. Wohin mit all den Gefühlen? Manche sagen, Elisabeth war ihre Tante, ihre Cousine, das alles wissen wir nicht. Aber es ist klar: Elisabeth war auch schwanger, und zwar ebenfalls unerwartet. Es heißt, sie sei „hochbetagt“ gewesen, als sie schwanger wurde, aber das hieß damals wohl eher 30. Zwei Frauen also, die in ungewöhnlicher Situation schwanger werden.

Elisabeth ist geradezu begeistert. Sie spürt, dass mit Maria etwas Besonderes geschieht, dass da eine Geschichte beginnt, die die Welt verändern wird. Und zwar begreift sie es, weil ihr Sohn in ihrem Körper strampelt. Sie sagt zu Maria, diese sei gesegnet, ebenso das Kind, das in ihr heranwächst. Das ist ein sehr, sehr schöner Gedanke, ja eine Zusage, die die junge Frau in dieser Situation gewiss gut gebrauchen kann. Da kann sich eine schlicht mitfreuen. Sie urteilt nicht, sie äußert keine Besorgnisse, sondern jubelt: Ich, ja wir werden alles tun, dich zu unterstützen, denn so eine Schwangerschaft ist ein Segen Gottes. Die Ewige hält die Hand über dich.

Und dann kommt Marias Rede. Was heißt Rede, das ist ein Revolutionslied! Die Mächtigen werden vom Thron gestürzt, die Erniedrigten werden erhöht. Das ist nicht weniger als eine Umkehrung der Machtverhältnisse. So eine Rede einer Frau würde heute noch mit Häme und Spott kommentiert. Eine Spinnerte, der ist irgendwas zu Kopf gestiegen. Die Verhältnisse bleiben wie sie sind, wissen wir  doch. Nein, singt Maria, ich habe Hoffnung, dass sich die Verhältnisse ändern können. Gerechtigkeit ist das Ziel, alle sollen Obdach, Nahrung, Bildung, Gesundheitsversorgung haben.

Elisabeth und Maria wirken innerlich frei. Dabei sind sie wahrhaftig nicht in einer privilegierten, beneidenswerten Situation. Mit Blick auf ihren gesellschaftlichen Status sind sie eher unruhig. In schwierigen politischen Zeiten suchen sie einen Weg für sich und ihre Familien und stützen sich dabei gegenseitig durch ihre Freundschaft. Sie urteilen nicht über den je eigenen Weg, sondern bestärken sich gegenseitig, ihn zu gehen.

Beide Söhne dieser Frauen werden einen gewaltsamen Tod erleiden! Johannes der Täufer wird enthauptet werden, Jesus qualvoll am Kreuz durch Folter sterben. Damit findet der schöne Anfang der Geschichte ein entsetzliches Ende ... Oder? Genau dieses kleine „oder“ mit Fragezeichen ist entscheidend für Christinnen und Christen. Gott schickt nicht Leid. Tod stellt unser Leben nicht in Frage. Sondern die Liebe,sie bleibt, auch im Leid und über den Tod hinaus. Im Leid können wir erleben, dass uns Gott Kraft gibt, aber auch die Menschen, die wir lieben, wie eben jene Frauen unter dem Kreuz und die Frauen, die sich aufmachen am Ostermorgen. Wir hören nichts mehr über Elisabeth, aber sie könnte dabei gewesen sein. Und die Liebe überschreitet die Grenze zwischen Leben und Tod. Das kennen wir alle: Wenn wir an Menschen denken, die wir geliebt haben, die verstorben sind, dann sind sie lebendig präsent mitten unter uns.

Maria und Elisabeth sind Ermutigende für alle Frauen, die etwas verändern wollen. Sie glauben daran, dass sich etwas ändern lässt. Und sie fühlen die Geistkraft, die Möglichkeit, dass Menschen miteinander die Verhältnisse ändern können.

Allzu oft meinen wir, wir müssten uns anpassen. Frieden stiften heißt dann, zur Beruhigung der Situation beitragen. Aber ist der Streit um die Wahrheit nicht immer wieder notwendig? Es gibt genügend Themen in unserem Land, bei denen wir uns nicht in die Verantwortungslosigkeit hineinschläfern lassen dürfen (Siegmund-Schultze). Eine meiner Schwestern, die sehr engagiert ist in der Begleitung von Geflüchteten, schickte mir eine Mail: „Eine Afghanin, sagen wir Shirin, ist aus dem Iran geflohen, weil sie wegen einer Schwangerschaft unter Zwang einen Iraner heiraten musste (religiös durch bestochenen Imam) und das Kind schließlich nach einer Trennung der Schwiegerfamilie überlassen sollte. Der zehn Jahre ältere iranische Ehemann wollte dem Druck der Familie nachgeben. Leider ist er ihr kurz vor ihrer Flucht auf die Spur gekommen und hat sie begleitet. In Deutschland erhalten sie getrennte Verfahren, da ihr trotz Heirat keine iranische Staatsangehörigkeit gewährt wurde. Du weißt ja, Afghanen sind die Roma des Iran. Sie ist im Iran aufgewachsen, hatte nie eine Staatsangehörigkeit und fühlt sich ihr Leben lang benachteiligt ... Die Tochter wurde in Deutschland in den Ausweis des Mannes eingetragen, die Mutter erhielt erst verspätet die Möglichkeit, überhaupt Asyl zu beantragen, sie musste allein nach Offenbach zur Anhörung fahren (von Nordhessen aus! Ankunft 8.00 Uhr!). Bis heute verweigert die Ausländerbehörde, die Tochter in den Ausweis der Mutter einzutragen. Sie leben hier in einer gemeinsamen Wohnung, der Ehemann droht ständig, mit der Tochter in den Iran zurückzukehren. Die Mutter erhält – im Gegensatz zu ihm – keinen Sprachkurs oder irgendeine Integrationsmaßnahme. Sie hat alles vorbereitet, um ins Frauenhaus umzuziehen. Sie hatte gehofft, dass sie in Deutschland Gleichberechtigung finden würde ...“

Da ist doch unsere Rede gefragt als Elisabeth oder Maria. Wie singen wir das Lied der Solidarität und der Frauenfreundschaft für diese Afghanin? Ja, nicht alle Geschichten gehen gut aus. Wir können nicht alles Leid der Welt bewältigen, das weiß ich sehr wohl. Aber die Christinnen und Christen, 2,2 Milliarden auf der Welt, könnten so reden und so singen wie Elisabeth, ermutigend und beschützend: Du bist ein Segen, dein Kind wird gesegnet sein. Und wie Maria: Es wird sich was ändern und ich bin bereit, dazu beizutragen. Ich werde nicht schweigen, weil es heißt, ich kann doch nichts tun, sondern ich werde reden und handeln für Gerechtigkeit und Frieden.

Wir lassen uns nicht einschüchtern. Ja, Glaube ist zuallererst die Beziehung zu Gott. Zugleich aber immer auch die Beziehung zu anderen Menschen. Und so ist Glaube die Ermutigung zum Handeln in der Welt. Widerständig, weil wir uns nicht hineinschläfern lassen in die Verantwortungslosigkeit.

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