Zu deiner Mutter oder zu meiner? Gastfreundschaft an Weihnachten

Weihnachten wird traditionell gerne im Familienkreis gefeiert. Es kann aber auch eine beglückende Erfahrung sein, dieses Fest mit Freundinnen, Nachbarn, Fremden zu feiern. Der Hauptgast steht ja fest: Gott kommt zu uns.

Weihnachten gilt als das große Fest der Familie. In der Regel wollen Familien unter sich sein, vor allem wenn es eigene Kinder gibt. An den Feiertagen lautet dann die Frage: Zu deiner Mutter oder zu meiner Mutter? Über nichts wird so viel gestritten an Weihnachten wie über die Frage, wo Menschen es verbringen.

Zum einen finde ich sehr, sehr schön, wenn Weihnachten ein echtes Familienfest ist. Ich habe es mit den Kindern harmonisch erlebt, da war die Freude am Miteinander, das im Verhältnis zu den Geschenken mit zunehmendem Alter im Vordergrund stand. Aber warum nicht andere dazu laden, die allein sind? Oder warum nicht gemeinsam feiern als Freundinnen und Freunde, mit mehreren Familien?

Als eine Koreanerin, die ich von Konferenzen kannte, mir schrieb, sie sei für ein Jahr zum Zusatzstudium in London, fühle sich aber entsetzlich einsam dort, habe ich sie spontan zu Weihnachten zu uns eingeladen. Es war eine unvergessliche Begegnung. Sie war begeistert von deutschen Weihnachtsbräuchen. Meine Töchter waren hingerissen von der wunderbaren traditionellen Tracht, die sie Heilig Abend anzog. Ein Jahr später schrieb eine Bekannte aus Indien, ihre beiden Söhne seien zu einem dreimonatigen Sprachkurs in Deutschland, sie sei ein wenig besorgt, da die beiden minderjährig waren und außer ihnen niemand über Weihnachten im Wohnheim. Die beiden kamen also zu uns, eine nicht so ganz einfache Erfahrung: zwei jugendliche Jungen, vier kleine Mädchen, ein eher kleines Haus, in dem wir improvisieren mussten. Am liebsten hätten die beiden jeden Abend auf dem Weihnachtsmarkt verbracht und Glühwein getrunken, das kannten sie nicht. Ich musste einerseits lachen, andererseits fühlte ich die Verantwortung. Offen gestanden hatte ich auch ein wenig Bedenken, weil sie dunkelhäutig sind und ich nicht sicher war, wie andere auf sie reagieren. Rückblickend aber war auch das eine gute Erfahrung.

Eine meiner Freundinnen feiert regelmäßig Weihnachten mit Freundinnen und Freunden, bei weitem nicht alle sind Christen. Aber sie teilt ihr Zuhause und ihre Bräuche, die Geschichte bei Lukas, die traditionellen Lieder mit ihnen. Je älter ich werde, desto offener fühle ich mich, ganz anders zu feiern. Meine Kinder haben nun ihre Kinder und feiern gern traditionell, wie wir früher. Ich kann mir inzwischen vorstellen, mit vielen anderen zu feiern, Nachbarn oder Freundinnen – oder auch mal ganz allein. Das finde ich eine schöne, ruhige Vorstellung, nur andere sagen, wenn ich das äußere: O nein, das wäre doch schlimm. Vielleicht müssen wir einfach offener dafür werden, Weihnachten „anders“ zu feiern. Ein Weihnachtsfest ohne Kirchgang aber kann ich mir nicht vorstellen! Denn darum geht es ja: Gott kommt zu uns. Durch unsere manchmal verschlossenen Türen. Mitten in unserer Welt sollte stets ein Platz frei sein für die Erfahrung, dass Gott bei uns ist. Ob wir nun allein feiern, mit der Familie oder mit Freundinnen und Freunden.

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