TrauerkulturTote sind kein Besitz

Auch die Trauerkultur unterliegt Veränderungen. Zwischen der anonymen Bestattung und der Umarbeitung der Asche eines verstorbenen Menschen zu einem Diamanten gibt es viele Angebote. Ein Plädoyer für einen öffentlichen und für alle zugänglichen Abschied – mit Namen.

Tote sind kein Besitz
„Auf einem Friedhof werden Lebensgeschichten erzählt.“ Seit dem Mittelalter besteht in Deutschland eine Bestattungs­pflicht. Zunächst oblag dies der Kirchengemeinde, die auch für das „Armenbegräbnis“ auf ihren Friedhöfen zu sorgen hatte. Die ersten gesetzlichen Regelungen wurden dazu 1806 vom Allgemeinen Preußischen Landrecht getroffen; so wurde es aus hygienischen Gründen verboten, Leichen innerhalb bebauter Flächen zu begraben. Bestattungspflichtig sind die nächsten Familienangehörigen. © picture alliance/Waltraud Grubitsch ZB/dpa

„Ich möchte, dass meine Asche anonym verstreut wird“, sagt mir eine Frau beim Gespräch in netter Runde. Wie wir darauf gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Aber ich finde es immer gut, über solche Fragen zu reden.

Für mich ist es ein Verlust, dass uns die Trauerkultur abhandenkommt! Als ich Kind war, bin ich oft am Samstag mit meiner Mutter zum Friedhof gefahren. Sie versorgte die Gräber von Schwiegermutter und Tante. Ich streifte umher, und das tue ich bis heute gern. Friedhöfe sind ja interessant. Du fragst dich, warum ein Mensch so früh gestorben ist. Oder du staunst, wie schnell der Ehemann seiner Frau ins Grab gefolgt ist. Da werden Lebensgeschichten erzählt. Und schön, wenn du einen Namen wieder erkennst.

Wird Asche nur noch anonym verstreut, ist der Name vergessen. Und dabei erinnern sich doch nicht nur nahestehende Angehörige ganz gern, sondern vielleicht auch eine Nachbarin oder ein Patient oder eine Leserin. Wie heißt es beim Propheten Jesaja: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen!“

Mir ist schon klar, dass viele heute Angst haben, die Grabpflege könne zu aufwändig sein. Aber inzwischen gibt es viele Alternativen zu den – oft liebevoll gepflegten und mit viel Mühe wechselnd bepflanzten – Gräbern. Etwa in den Rasen eingelassene Platten oder auch Urnenfelder, an deren Rand eine Stele die Namen der dort Bestatteten auflistet. Aber offen gestanden: Schön gepflegte Gräber haben ja auch etwas und oft drücken Angehörige so ihre Verbundenheit über den Tod hinaus aus.

Neben der anonymen Verstreuung von Asche wünschen sich heute viele, die Urne mit nach Hause nehmen zu können. Ja, ich weiß, das ist möglich über Tschechien etwa. Aber das heißt auch: Die Trauernden nehmen den anderen die Gelegenheit, zu trauern. Im Bücherregal wird die Urne eines Menschen zum privaten Besitz. Ein Grab ist öffentlich. Dorthin kann kommen, wer mag, vielleicht auch jemand, von dessen Trauer Angehörige gar nichts wissen. Und Trauernden tut es oft gut, das Haus verlassen zu müssen, um zum Grab und damit unter Leute zu gehen.

Dasselbe Argument gilt für mich mit Blick auf die Tendenz, Asche eines Verstorbenen zum Schmuckstück umarbeiten zu lassen. Das ist eine merkwürdige Inbesitznahme, finde ich.

Mein Plädoyer gilt der traditionellen Bestattung mit Trauerfeier und Beileidsbekundung am Grab. Das ist ein gutes Ritual, das Menschen bestärkt. Wir trauern gemeinsam, wir nehmen miteinander Abschied, und zwar öffentlich, für alle zugänglich.

Übrigens: Ja, die Kosten spielen eine Rolle. Sozialämter verweigern armen Menschen manches Mal eine würdige öffentliche Bestattung. Es gibt aber auch für Hartz IV-Empfänger das Recht auf „ortsübliche Bestattung“. Wir sollten Menschen Mut machen, darauf zu bestehen. Ich nde gut, dass manche Kirchengemeinden inzwischen einmal im Monat Trauerfeiern für Menschen abhalten, die ohne Angehörige versterben. Und siehe da, auf einmal taucht dabei ein alter Schulfreund auf, eine Kollegin, die vom Tod der anderen gar nicht wusste.

Trauerkultur sagt auch etwas darüber aus, wie wir Menschen wertschätzen.

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