Advent & WeihnachtenSchenken ist Beziehung

Der Advent, das Warten auf Weihnachten, gerät für viele Menschen zur besonders stressigen Zeit im Jahr. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, in den Warenhäusern häufen sich die Glücksversprechen. Manche sprechen gar von Konsumterror. Aber gar nichts mehr schenken? Ein Plädoyer für das Geschenk als Würdigung des Anderen.

Schenken ist Beziehung
© epd-bild/Marko Priske; MK: Ingo Pippo

„Wir schenken uns nichts mehr in der Familie“, sagt mir eine Freundin. „Dieser ganze Konsumterror macht doch nur Stress!“ Einerseits kann ich sie verstehen. Mich ärgert immer wieder, wenn gestöhnt wird, wie „stressig“ die Vorweihnachtszeit sei. Mich stört, wie die biblische Botschaft von der Geburt des Gotteskindes unter all dem Kitsch von Rauschgoldengeln und Jingle Bells-Gedudel verloren geht. Viele Menschen feiern überhaupt nicht Weihnachten, es hat mit christlichem Glauben nichts mehr zu tun. Für sie ist es eher ein Winterwohlfühlfest und eben ein Geschenkemarathon.

Auch die Rhythmen sind verloren gegangen. 1999 hat es mich empört, als in der Zeitung berichtet wurde, der Weihnachtsmarkt sei eröffnet – vor dem Ewigkeitssonntag! Spontan habe ich einen Leserbrief geschrieben nach dem Motto: Märkte und Einzelhandel mögen ja ruhig verdienen, aber dann doch bitte respektieren, um was es geht. „Advent ist im Dezember.“ Prompt kamen Stimmen, eine Bischöfin habe keine Leserbriefe zu schreiben, und auch süffisante Kommentare, Advent beginne manchmal eben doch im November. Es gab dann aber sehr konstruktive Gespräche mit den Marktbetreibern. Der Kompromiss war: Kein Weihnachtsmarkt vor dem Ewigkeitssonntag, dafür komme ich zur Eröffnung ;-)). Und die Menschen haben sehr wohl verstanden, was mit dem Slogan „Advent ist im Dezember“ gemeint ist. Es geht um Abwartenkönnen, Rhythmen, die unserem Leben gut tun.

Aber wegen all der Diskussionen möchte ich doch nicht auf das Schenken verzichten. Nein, es müssen keine Konsumorgien sein! Aber ich schenke gern etwas. Ich freue mich, wenn ich etwas sehe und weiß, es wird den Beschenkten freuen. Es geht nicht darum, was das Geschenk kostet und ob wir uns im gleichen Wert gegenseitig beschenken. Mir ist wichtig, dass ein Geschenk Beziehung ausdrückt. Wir denken aneinander, wollen dem oder der anderen eine Freude machen. Gut, manchmal denke ich bei einem Geschenk: Passt jetzt echt nicht so. Aber ich habe aufgehört, umzutauschen, weil das ja die Schenkenden irgendwie auch zurückweist: Gefällt mir nicht, was du schön findest... Und neulich, als mir jemand ein Geschenk ankündigte, dachte ich: Nein, das will ich nicht, das könnte eine Verpflichtung mit sich bringen. Doch ein Geschenk zurückzuweisen, das brüskiert die andere Person ja auch, wenn sie gern schenken möchte.

Nein, Schenken soll kein Zwang sein. Wenn zwei verabreden, sich nichts zu schenken, zum Beispiel Geschwister im Alter, weil es zur lästigen Pflicht wird, ist das ehrlich und richtig. Aber grundsätzlich keine Geschenke mehr, das wäre mir allzu karg. Also: Ich schenke weiterhin gern und freue mich auch darüber, wenn ich ein Geschenk bekomme. Gewiss haben die meisten Menschen alles, was sie zum Leben brauchen. Es geht nicht um Geld. Es geht um Beziehung, Zuwendung, Vertrautheit, Aufmerksamkeit. Schenken hat für Christinnen und Christen auch eine theologische Bedeutung. Jesus ist das Geschenk Gottes für die Menschen. Aus Freude über dieses Geschenk schenken wir uns gegenseitig etwas.

Neues von HERDER

Bleiben Sie informiert über das Programm des Verlags mit dem kostenlosen HERDER-Newsletter.