Facebook? Besser face to face!

Im Netz lassen sich im Nu Freundschaften schließen. Mit ein paar Klicks gibt es Hunderte Freundinnen und Freunde. Aber wärmende Nähe und bergendes Vertrauen entstehen so nicht.

Facebook? Besser face to face!
Freundschaft braucht einen geschützten Raum.© Pexels

Ich bin kein großer Fan von Facebook. Vor einigen Jahren habe ich mich unter anderem Namen angemeldet, weil ich mich informieren wollte, wie das funktioniert. Obwohl ich nur bei ganz wenigen Menschen nachgeschaut habe, was sie so posten, bekam ich sofort – und erhalte ich bis heute – Freundschaftsanfragen, Vorschläge für neue Freunde und bin erstaunt, welche Verknüpfungen hergestellt werden! Ich frage mich oft auch, warum Menschen meinen, ich könnte mich geradezu täglich dafür interessieren, in welcher Stadt sie gerade sind, was sie gegessen oder gelesen haben. Zudem kostet es ja Zeit, all das zu posten. Und wenn du 380 Facebookfreunde hast, müsstest du ja eigentlich alles lesen, was die posten. Das kann zur Ganztagsbeschäftigung werden! Wie viele Stunden verbringen Menschen wohl damit, ohne dass so eine Beziehung je in die Tiefe geht? „War in Mailand. Tolle Stadt, tolles Essen, toller Sonnenuntergang!“ Okay. Was hast du da gemacht, wie geht es deiner Frau, waren die Kinder dabei, fühlst du dich gut? Oder warst du in Mailand, weil du eine Ehekrise hast, ihr euch getrennt habt und du einen Tapetenwechsel brauchtest? Face to face könnten wir das besprechen, aber so sagt mir der Post gar nichts.

Mich nervt auch, wenn da steht: „Lass Martin H. wissen, dass du heute an seinen Geburtstag denkst!“ Sorry, aber ich habe gar nicht an seinen Geburtstag gedacht, denn ich wusste nicht einmal, dass er Geburtstag hat! Was für eine Heuchelei wäre das, wenn ich ihm jetzt gratuliere, nur weil Facebook mir dazu die Information gibt. Dabei bin ich ziemlich zuverlässig im Gratulieren, aber eben bei den Menschen, die mir besonders wichtig sind und deren Geburtstage ich in meiner privaten Liste vermerkt habe.

Bei einer wissenschaftlichen Untersuchung zeigte sich: Es braucht mindestens 50 gemeinsame Stunden, um vom „Bekannten“ zum „Freund“ zu werden, weitere 90 Stunden, um vom „Freund“ zum „guten Freund“ zu wechseln und ganze 200 Stunden Beisammensein, damit daraus „beste Freunde“ werden. Und: Die echte gemeinsame Zeit miteinander war entscheidend! Online-Chats oder Mails hatten kaum bis keinerlei Einfluss. Freunde beziehungsweise beste Freunde müssen also real und physisch Zeit zusammen verbringen, bis daraus so etwas wie Seelenverwandtschaft entsteht.

Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Freundschaft sollte nicht banalisiert werden wie bei den Stars und Sternchen, die heute noch beste Freundinnen waren und morgen in der Boulevardpresse intimste Details voller Häme übereinander ausplaudern. Sie braucht Begegnung, einen geschützten Raum, Zuverlässigkeit. Wer will mit jemandem befreundet sein, der gerade erst das Vertrauen einer anderen Freundschaft verletzt hat? Selbst wenn eine Freundschaft endet – und das gibt es schlicht – darf doch das Vertrauen, das in ihr entstanden ist, nicht verraten werden.

Ich weiß, es gibt auch eine Facebookseite zu diesem Heft ;-). Sie wird von Redaktion und Verlag wunderbar gepflegt. Und es gibt eine Facebookseite über mich, die vor gut zehn Jahren nach meinem Rücktritt ein freundlicher Mensch initiiert hat. Da gibt es Sachinformationen für Menschen, die sich dafür interessieren. Aber meine privaten Beziehungen werde ich weiter face to face pflegen. Für die Freundschaften, die mich im Leben getragen haben, bin ich sehr dankbar. Und richtig gute Freundschaften, die du pflegst, werden gewiss eher fünf bis zehn sein und nicht 380.

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