IsolationEinsam oder allein?

Gegen die schmerzende Erfahrung von Isolation gibt es vorbeugende Maßnahmen – mit guten Nebenwirkungen! Mut, Vertrauen, Zeit und Geduld sind der Einsatz.

Einsam oder allein?
Jeder zehnte Mensch über 65 bezeichnet sich selbst als einsam. © © epd-bild/Hanna Eder

Leider wird in der Advents- und Weihnachtszeit auch deutlich, wie viele Menschen einsam sind in unserem Land. Eine Studie von Careship hat ergeben, dass jede/r Zehnte über 65 sich einsam fühlt, das sind 1,7 Millionen Menschen. 68 Prozent von ihnen schämen sich auch noch dafür. 33 Prozent verbringen täglich mehr als vier Stunden vor dem Fernseher und jeder dritte von ihnen verbringt Weihnachten allein. Auch Jüngere fühlen sich oft einsam, gerade alleinerziehende Mütter, die weder Zeit noch Geld haben etwa für einen Cafébesuch.

Das sind die statistischen Zahlen. Im ganz persönlichen Leben tut Einsamkeit schlicht weh. Eine Physiotherapeutin erzählte mir, eine alte Dame habe neulich während der Behandlung geweint. Es sei das erste Mal seit Jahren gewesen, dass jemand sie berührt habe. Einsamkeit ist unendlich traurig, besonders im Alter. Schon in der Bibel heißt es: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (1. Mose 2,18)

Dabei sind Alleinsein und Einsamkeit zwei sehr unterschiedliche Sachverhalte. Ich bin oft sehr gern allein. Ich freue mich, wenn ich meine Zeit ganz frei einteilen kann und fühle mich überhaupt nicht einsam. Das liegt aber daran, dass ich viele Kontakte habe, Familie, Freundinnen, Freunde. Fühlte ich mich einsam, könnte ich sofort jemanden kontaktieren. Manchmal brauchen wir ja auch Phasen des Rückzugs. Auch das können wir schon in der Bibel lesen, etwa wenn Jesus sich zurückzieht, allein sein will. Denn in solchen Zeiten sind wir bei uns, können nachdenken, neue Ideen entwickeln. Schweigen kann hilfreich sein, um wieder reden zu können.

Einsamkeit ist eine Situation, in der ich verzagt bin, weil ich tagelang mit niemandem sprechen kann. Einsame Menschen ziehen sich oft mehr und mehr zurück, fangen an misstrauisch zu werden, suchen gar keinen Kontakt mehr und so wird ihre Situation immer isolierter und einsamer. Dass in unserem Land viel zu viele Menschen einsam sind, liegt sicher auch daran, dass es immer mehr Singlehaushalte gibt oder das, was „multilokale Großfamilie“ genannt wird: Die Kinder wohnen weit weg von den Eltern. Kontakte sind dann selten.

Was lässt sich gegen Einsamkeit tun? Ich denke, erst einmal können wir vorsorgen durch Freundschaften, Bekanntschaften, die wir pflegen, bevor wir alt werden. Und zwar ganz gleich, ob wir in einer Ehe oder Partnerschaft leben oder nicht, ob wir Kinder haben oder nicht. Soziale Beziehungen brauchen Zeit, es geht darum, sie langfristig aufzubauen. Dazu kommen viele Angebote wie Chöre, ehrenamtliches Engagement in Vereinen und Kirchengemeinden, die sich freuen, wenn Menschen dazu kommen. Da lassen sich gut Kontakte knüpfen. Es geht darum, sich aufzumachen, hinzugehen, den Schritt vor die Tür zu wagen. Nur Mut!

Und wir können einander in unserer Nachbarschaft genauer wahrnehmen: Die alte Dame ist sehr allein. Die alleinerziehende Mutter könnte Unterstützung gebrauchen. Der alte Herr kennt sich mit Pflanzen aus, der junge Mann weiß nicht, wie den Garten pflegen. Oder zwei spielen gern Schach, wissen nur nichts voneinander. Es gibt inzwischen Plattformen wie nebenan.de oder nachbarschaft.de. Da können Leute, die in der Nähe wohnen, fragen, ob einer mit ins Kino will, ob eine ein Instrument spielt und Lust hat, zusammen zu musizieren. Manchmal geht es darum, Brücken zu bauen. Denn wer lange einsam war, muss sich an Gemeinschaft auch erst wieder annähern. Sich öffnen, neues Vertrauen fassen, das braucht auch Zeit und Geduld.

Ich denke, wir müssen einerseits wieder mehr Energie in unsere Beziehungen investieren, statt allein vor dem Fernseher oder Computer zu sitzen. Und wir sollten die gute alte Tugend der Achtsamkeit neu entdecken, indem wir bewusst schauen, wie es den Menschen, die in unserem Umfeld wohnen, geht.

Sehr gut finde ich, dass es immer öfter Initiativen gibt, am Heiligen Abend Menschen einzuladen, gemeinsam zu feiern. Eine schöne Idee: Gibt es keine Familie vor Ort, werden wir eben zur Familie. Im Lukasevangelium kommen ja auch die verschiedensten Menschen anlässlich der Geburt des Gotteskindes zusammen. Einige lassen sich einladen, andere werden wir abholen müssen.

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