Ein wunderschönes Land wurde abgewirtschaftet: Simbabwe

Drei Wochen in der Adventszeit war Margot Käßmann 1998 in der „Kornkammer“ von Afrikas Süden. Persönliche Erinnerungen an ein Land, das nach der Befreiung aus der Kolonialherrschaft in die Hände eines Autokraten fiel. Die Spuren der Geschichte reichen aber viel weiter zurück – und sind nicht immer ruhmreich.

Ein wunderschönes Land wird abgewirtschaftet: Simbabwe
Viktoriafälle © kathy1976 /pixelio.de

Vor gut zwanzig Jahren, 1998, war ich zur Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in der Adventszeit rund drei Wochen in Simbabwe. Es ist ein wunderschönes, fruchtbares Land, galt lange als Kornkammer von Afrikas Süden. Ich erinnere mich daran, wie wir als Studierende gefeiert haben, als endlich aus Rhodesien ein freies unabhängiges Land wurde. Der alte Name stand für die britische Kolonialherrschaft, Cecil Rhodes hatte die Kolonie begründet. Der neue Name stand 1980 für einen Neuanfang. Aber wie bitter, dass einer der großen Freiheitskämpfer, der Präsident wurde, Robert Mugabe, nach und nach zum Autokraten mutierte, der sich selbst bereicherte. Das Land wurde dramatisch abgewirtschaftet. Die Lebenserwartung sank von 1987 bis 2001 von 60 auf 44 Jahre. In keinem Land der Welt ist sie innerhalb kurzer Zeit derart zurückgegangen.

Fast 95 Prozent der Menschen im Land sind Christen. Wir als Gäste wurden damals sehr freundlich aufgenommen. Die gastgebenden Kirchen haben uns voller Stolz ihre Hauptstadt Harare und vieles im Land gezeigt. Ich war begeistert von der Natur, von einem Park, in den uns Kollegen mitnahmen, um Giraffen und andere Tiere in freier Wildbahn zu sehen. Allerdings waren die Spuren des Kolonialismus überall zu sehen: da herrschaftliche, wunderbare Gebäude, hier elende Hütten.

Zum Tee bei Frau Mugabe

Als Mitglied des Exekutivausschusses war ich mit anderen eingeladen zu einem Empfang des Präsidenten. Wir alle haben Robert Mugabe die Hand gereicht. Aber es ist mir schwer gefallen, ich war mir nicht sicher, ob das richtig ist. Ein paar Tage später lud Frau Mugabe die Frauen vom Zentral- und Exekutivausschuss ein. Das war fast noch schlimmer, weil es anmutete wie Tee bei der Queen. Nicht afrikanisch offen, sondern britisch steif, eine Imitation der Kolonialherrschaft, so schien es mir. Vom Alltag der Menschen in Simbabwe war all der Prunk weit entfernt.

Drei persönliche Erinnerungen sind mir wichtig. Meine älteste Tochter war damals für ein Auslandsjahr in Südafrika. Da sie dort auch Weihnachten verbringen sollte, habe ich sie eingeladen, nach Simbabwe zu kommen. Unsere EKD-Delegation wohnte unter äußerst bescheidenen Umständen (ein Bad für 16 Personen etc.) in den Studentenwohnungen, so war das erschwinglich. Ich fuhr zum Flughafen und saß auf einer maroden Tribüne, als der Flug ankam. Ein internationaler Airport und du konntest runterrufen „Hallo“ und winken!

Schwül, heiß und ohne Kerzen

Am zweiten Advent gingen wir in einen Gottesdienst vor Ort. Es war schwül und heiß! Ich fragte den Kollegen, wie sie in dem Klima Advent feiern. Er wusste gar nicht, wovon ich rede. Da habe ich das erste Mal begriffen: Advent ist eine sehr, sehr deutsche Tradition, die sich auch aus unseren klimatischen Bedingungen ableitet. Niemand käme auf die Idee, in Simbabwe im Dezember Kerzen anzuzünden.

Schließlich gab es damals Ärger. Da die Dekade „Kirche in Solidarität mit den Frauen“ in diesem Jahr zu Ende ging, gab es eine interne Verabredung, eine Frau zur Vorsitzenden des Zentralausschusses zu wählen. Es ist zu langwierig, den Prozess zu beschreiben, jedenfalls sind wir Frauen kläglich gescheitert. Aus lauter Verärgerung haben wir dann einen Tag geschwänzt und sind zusammen zu den Viktoriafällen gefahren: Janice Love und andere Frauen aus den USA, Chung Hyung Kyung aus Südkorea, meine Tochter Sarah und ich. Das Naturerlebnis war überwältigend und hat über die Niederlage zumindest ein wenig hinweggeholfen.

Robert Mugabe ist in diesem Jahr gestorben – nach 37 Jahren Herrschaft. 60.000 Menschen hätten im Stadion Platz gehabt bei der Trauerfeier, nur ein Drittel der Plätze war besetzt. Das ist ein Zeichen dafür, wie furchtbar er die eigene Sache und die Menschen enttäuscht hat.

Simbabwe geht es langsam besser, darüber freue ich mich sehr. In der Süddeutschen Zeitung wurde Anfang Oktober diesen Jahres von Tawanda Kanhema berichtet. Er stammt aus Simbabwe, kam mit 28 Jahren nach Kalifornien und ärgerte sich über all die Vorurteile über Afrika. Bei Google Street kam Simbabwe nicht vor. Also hat er sich auf private Kosten aufgemacht, sein Land zu lmen. Er fuhr durch die Hauptstadt Harare, lmte Bougainvillea-Sträucher und Jacaranda-Bäume, Hochhäuser und Villen, aber auch die alte Ruinenstadt „The Great Zimbabwe“ aus dem 11. Jahrhundert und natürlich die Viktoria-Fälle. Eine wunderbare Idee. Schauen Sie mal rein. Die Schönheit dieses Landes können wir jetzt auch aus der Ferne wahrnehmen!

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