KindererziehungDen Erziehungsratgeber einfach mal zur Seite legen

Der Krieg der Argumente um die richtige Kindererziehung ist heftig: autoritär oder ohne jeglichen Erwartungsdruck, früh in die Kita oder erst mit drei. Wer Orientierung sucht, bekommt den Eindruck: Erziehen ist wahnsinnig anstrengend. Und auch 30 Jahre nach der friedlichen Revolution gibt es bei diesem Thema noch einen Unterschied zwischen Ost und West.

Den Erziehungsratgeber einfach mal zur Seite legen
© S. Hofschaeger / pixelio.de; MK: Ingo Pippow

Erziehungsmethoden sind ein hochaktuelles Thema. Die einen lästern gern über „Helikoptereltern“. Sie kontrollieren jede Bewegung des Kindes und lesen abends „Pippi Langstrumpf“ vor, Astrid Lindgrens wunderbare Geschichte über ein Mädchen, das völlig allein mit einem Pferd und einem Affen in einem großen Haus wohnt, nicht zur Schule geht und sich mit Einbrechern anlegt.

Große Furore machte der Erziehungsratgeber von Amy Chua, einer Amerikanerin, die erklärte, mit absolut autoritärer Erziehung seien Kinder in chinesischer Tradition zu Höchstleistungen zu bringen. Ganz anders die neue Pandamethode, die Esther Wojcicki propagiert (ebenfalls Amerikanerin übrigens): loslassen, den Kindern alles zutrauen, bloß kein Erwartungsdruck!

Wer einmal Erziehungsratgeber googelt, gerät in ein schier endloses Angebot. Es geht darum, wie Kinder besser schlafen (das kann ich im Interesse der Eltern wirklich noch verstehen!), wie sie glücklich werden, was in der Trotzphase zu tun ist, wie Kinder Regeln lernen und was Eltern lernen sollten, um nicht auszurasten. Puh, das zeigt: Erziehen ist wahnsinnig anstrengend!

Dazu kommt noch der endlose Streit darüber, wann ein Kind in die Kita sollte, ob und wie und wann es „fremdbetreut“ werden darf. Interessanterweise ist da auch 30 Jahre nach der friedlichen Revolution noch ein echter Unterschied zwischen Ost und West erkennbar. In Westdeutschland blieb eine gute Mutter zu Hause, bis das Kind mindestens drei Jahre alt war. Auch dann war alles darauf abgestellt, dass sie allenfalls halbtags berufstätig war, denn die Kindergärten schlossen in der Regel um 13 Uhr. Noch schlimmer war die Grundschule, die mal um 10 Uhr anfing, dann um 11:30 Uhr beendet war, ohne Betreuung vorher oder nachher. In Ostdeutschland gab es volle Kinderbetreuung von Anfang an und auch in den Schulferien! Die berufstätige Mutter war das Normalbild. Der Krieg der Argumente, der darum bis heute geführt wird, ist heftig.

Ich plädiere dafür, dass Eltern diese ganzen Erziehungsratgeber mal zur Seite legen und ihrem Gefühl folgen! Hört doch mal darauf, was es euch sagt! Klar rastet eine Mutter mal aus. Aber du brauchst doch kein Buch zu lesen, um zu wissen: Es ist jetzt besser, gegen die Wand zu treten, als deinen Ärger am Kind auszulassen! Oder: Eine schlaflose Nacht ist heftig, anstrengend, belastend. Aber statt ein Buch darüber zu lesen, sucht euch einen Freund oder eine Nachbarin, die das Kind hüten und ihr schlaft mal aus! Oder: Das Zeugnis war schlecht. Das Kind ist unglücklich darüber und die Eltern sind es auch. Aber da brauche ich doch keinen Ratgeber. Da nehmen sich mal alle in den Arm, verdrücken ein Tränchen und sagen: Nächstes Schuljahr kriegen wir das besser hin! Und echt: Dass Eltern ihren Streit, ihre Meinungsverschiedenheiten nicht vor den Kindern austragen sollten, das muss niemand irgendwo erst nachlesen! Es gibt doch so etwas wie Intuition!

Ich bin überzeugt, es gibt nicht die eine richtige Erziehung. Es gibt sehr verschiedene Kinder und sehr verschiedene Eltern. Und die müssen ein gutes Miteinander je für sich individuell finden.

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