MexikoBrot und Wein durch Gitterstäbe

2017 besuchte Margot Käßmann als Reformationsbotschafterin Mexiko. Vor allem die Situation der Flüchtlinge dort erschütterte sie.

Brot und Wein durch Gitterstäbe
Migranten am Grenzzaun in Ciudad Juarez (Mexiko)© Wolf-Dieter Vogl/epd

Bei einem Besuch in Kalifornien nahm mich der lutherische Kollege in San Diego mit an die Grenze. Bei großer Hitze gingen wir bis zum hohen Zaun, der weit ins Meer hineinreicht. Hier hatten die Gemeinden auf beiden Seiten der Grenze wenige Wochen zuvor einen Abendmahlsgottesdienst gefeiert und sich Brot und Wein durch die Gitterstäbe gereicht. Ein Versuch, in einer Zeit von Hass und Abgrenzung christliche Gemeinschaft zu dokumentieren.

Anfang 2017 war ich dann auf Einladung der deutschen evangelischen Gemeinde in Mexiko. Es ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen. Vor allem die Stadt Guadalajara, wo ich auf Einladung des Goethe-Instituts einen Vortrag gehalten habe, hat mich begeistert. Und ich konnte die alte Aztekensiedlung mitten in Mexiko-Stadt besichtigen. Durch einen Zufall wurden deren Überreste vor wenigen Jahren entdeckt. Der Historiker Heinz Schilling hat in seinem Buch „1517“ klargemacht, was sich in dem Jahr, in dem wir auf die Reformation in Deutschland schauen, hier ereignete: der Beginn der Eroberung der Azteken und der Mayas durch die Spanier. Sicher war die Aztekenkultur grausam, es gab Menschenopfer. Die Eroberung, Zerstörung und Versklavung durch die Europäer aber ist eine Geschichte des Grauens...

Heute sieht das Grauen anders aus. Wir haben eine Flüchtlingsunterkunft besucht, die „Casa Mambré“, die von der römisch-katholischen Schwesterngemeinschaft „Misión Scalabriniana“ gegründet wurde. Schwester Leticia erklärte ihr sehr klares Konzept: Bis zu 70 Geflüchtete werden aufgenommen und intensiv begleitet inklusive medizinischer und psychologischer Betreuung, samt Rechtsberatung und Arbeitsvermittlung. Dabei gibt es energische Regeln. Wer sich daran nicht hält, muss gehen. Die Einrichtung stellt Unterkunft und Verpflegung, versucht, Menschen einen legalen Aufenthaltsstatus zu vermitteln und sie in Arbeit zu bringen. Unterstützt wird sie von Adveniat, Misereor und der deutschen lutherischen Gemeinde.

Die Sozialarbeiterin Andrea Zardoya erklärte, dass jedes Jahr 400.000 bis 500.000 Menschen versuchen, über Mexiko in die USA zu gelangen. Rund 9.000 warten jeweils in Tijuana. Das System ist kompliziert. Es gibt ein Recht, in den USA Asyl zu beantragen. Das Verfahren dauert aber lange. Bis entschieden wird, ist das Visum in Mexiko meist abgelaufen. Zur Erteilung eines neuen Visums dort kann das Verfahren ein Jahr dauern. So warten Menschen jahrelang. 

Neu ist, dass Flüchtlinge aus Sierra Leone, Afghanistan, Syrien und dem Kongo kommen. Grund ist vor allem, dass die Flucht nach Europa so schwierig geworden ist. Einige kommen auch aus Brasilien, wo sie als Arbeiter für die Baustellen der Fußballweltmeisterschaft angeheuert waren und hofften, Zukunft zu finden. Die Situation in Brasilien aber hat sich dramatisch verschlechtert, sodass sie versuchen, in die USA zu gelangen. Ein junger Mann spricht mich auf Französisch an, fragt, woher ich komme. Als ich sage, aus Deutschland, sagt er, dass er Deutschland liebe, vor allem den FC Bayern und Thomas Müller...

Durch diese neuen Zuwanderer entsteht ein Sprachproblem, das früher unbekannt war, als alle Geflüchteten aus Lateinamerika kamen. Und es entsteht ein Religionsproblem, weil Muslime hier vorher nicht unter den Ankommenden waren. Mit großem Respekt sehe ich, wie die Schwestern damit umgehen, jeden aufnehmen, solange er oder sie die Gemeinschaft wertschätzen. Vor jeder Mahlzeit wird gebetet – wie und zu wem ist freie Entscheidung.

Ein Problem sei, dass die Lage der Geflüchteten aus Haiti, Ecuador, Nicaragua etc. in Mexiko selbst so schwer zu thematisieren ist. Die Menschen wahrzunehmen mit ihrem persönlichen Schicksal, das sei wichtig. Das erinnert mich sehr an Diskussionen in Deutschland. Trumps Mauerpläne entmutigten viele, heißt es. Wie soll es weitergehen?

Das fragen sich auch Vertreter der Deutschen Wirtschaft in Mexiko. Die großen Autofirmen produzieren hier für den US-amerikanischen Markt. Sie sind verunsichert: Werden sie noch in die USA liefern können? Die Politik von Präsident Trump war schon vor zwei Jahren überall das zentrale Thema, umso mehr wird sie es heute sein...

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