Margot Käßmann & Dirk RoßmannGerechtigkeit ist eine Frage des Anstands

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, ist für den Hannoveraner Unternehmer Dirk Roßmann der zentrale Satz des Evangeliums. Das heißt für ihn auch, eigene Interessen vertreten zu können. Dirk Roßmann engagiert sich ebenso wie Margot Käßmann in der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Ein Gespräch.

Gerechtigkeit ist eine Frage des Anstands
Dieses ‚man müsste mal‘ ist meine Sache nicht.© Dirk Rossmann GmbH

Zur Person: 1972 gründete Dirk Roßmann (geboren 1946) den ersten deutschen Drogeriemarkt mit Selbstbedienung. Heute betreibt das Unternehmen mit Sitz in Burgwedel bei Hannover 3.790 Filialen in Deutschland sowie Polen, Ungarn, Tschechien, Albanien und der Türkei. Roßmann ist ein Mann der Widersprüche: harter Wettbewerber einerseits, sozial engagiert andererseits. Sein Bestseller „... dann bin ich auf den Baum geklettert. Von Aufstieg, Mut und Wandel“ (ariston 2018) ist eine spannende deutsche Nachkriegsgeschichte.

Gibt es ein Bibelzitat, das Sie als Lebensmotto benennen könnten?

Dirk Roßmann: Verdichtet nach zehn Jahren Therapie, würde ich sagen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Das ist der zentrale Satz in meinem Leben, denn er hat was mit Balance zu tun. Der Mensch hat das Recht, egoistisch zu sein. Beides ist wichtig: andere Menschen konsequent zu unterstützen; aber wenn Menschen ein Helfersyndrom haben, widerspricht das dem Balancegedanken. Das „wie dich selbst“ bedeutet doch: Vertritt auch deine eigenen Interessen! Nur wenn man für seine eigenen Interessen eintritt, ist man auch in der Lage, die Interessen eines anderen Menschen zu vertreten. Wer nur auf der Helferseite ist und das Eigene vernachlässigt, der hat aus psychologischer Sicht ein Problem. Ich bin zwar Atheist, aber im christlichen Glauben gibt es viele Werte, mit denen ich 100 Prozent übereinstimme, zum Beispiel auch den Gedanken der Demut. Meine Frau sagte neulich zu mir: Sei endlich mal dankbar, und ich merkte, sie hat schon wieder Recht...
Margot Käßmann: Mir hat der Psalm 31 immer viel bedeutet: Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Der eine Fuß ist das Standbein, mit dem du fest im Leben stehst, und dazu hast du noch ein Spielbein.

Welcher Autor, welche Autorin hat Sie beeinflusst?

D.R.: Da gibt es viele: Irvin Yalom, der amerikanische Psychoanalytiker, mit seinen Romanen „Und Nietzsche weinte“, „Die rote Couch“. Ich mag Bücher, die spannend zu lesen sind und bei denen man etwas lernt. Ich mag „Unterleuten“ von Juli Zeh, und im Moment lese ich Yuval N. Harari und Hans Rosling.
M.K.: Juli Zeh haben wir gemeinsam. Den größten Einfluss auf mich übte aber Martin Luther King aus. Durch ihn habe ich mitbekommen, dass man fromm und politisch sein kann. Fromm waren wir zuhause auch...
D.R.: Ja, das Politische gehört dazu. Es gibt den Begriff „scheinheilig“. Erst, wenn man wirklich anpackt, dem anderen hilft, hat man auch eine gute Seele.

Was bedeutet für Sie Ihre Familie?

D.R.: Ich hatte zwei Väter, einen biologischen und einen, mit dem ich aufgewachsen bin. Mein Vater, der 1958 starb, war nicht präsent, so wie es Mitscherlich als „vaterlose Gesellschaft“ beschreibt. Die Mutter war stärker. Ich hatte viel Freiheit, wurde nicht geschlagen und nicht vollgemüllt mit Dogmatismen wie 3 Uhr Ballett, 5 Uhr Klavier. Ich hatte Zeit. Zeit, in die Eilenriede zu gehen, Zeit für eigene Fantasien, für Dummheiten.
M.K.: Mein Vater, Kfz-Schlosser, und meine Mutter, Krankenschwester, haben zusammen einen kleinen Betrieb aufgebaut und waren voll beschäftigt. Meine älteren Schwestern waren bereits in der Schule – und ich hatte große Freiheit. Meine Töchter, meine sechs Enkel, meine Familie insgesamt sind mir sehr wichtig.

Was war Ihre Motivation, die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung mit zu gründen?

D.R.: Bis zum Jahr 1800 gab es 1 Milliarde Menschen auf der Erde, heute kommt alle zwölf Jahre eine Milliarde dazu. Überall wird von Ökologie gesprochen, durchaus richtig, aber es wird vergessen, dass jeder Mensch, der auf die Erde kommt, Ressourcen verbraucht, Emissionen verursacht. Dieses „man müsste mal“ ist meine Sache nicht. Zu Erhard Schreiber, der mich 1991 für eine solche Stiftung anfragte, sagte ich daher: Ok, dann machen wir das zusammen, und wenn ich Ja sage, meine ich: Bis ans Ende meines Lebens! Wir haben für das Bewusstmachen dieses riesigen Problems in Europa bereits viel getan. In Zukunft wird es darauf ankommen, die Arbeit vor Ort, zum Beispiel in Uganda, zu verstärken.
M.K.: Ich bin seit 2002 im Kuratorium. Mich hat am meisten beschäftigt, dass Religion Frauen nicht verweigern darf, verantwortlich Elternschaft zu übernehmen und über die Zahl ihrer Kinder selbst zu entscheiden. Ich war erschüttert, als ich einmal in Äthiopien erlebte, wie eine Frau starb und eine große Schar Kinder unversorgt hinterließ. Die evangelische Kirche hat lange gebraucht, um zu sagen, Sexualität ist eine gute Gabe Gottes. Aber es geht auch um verantwortliche Sexualität. Gerade für die Frauen in Afrika geht es um Empowerment, um Stärkung ihrer Rechte, denn sie wissen sehr wohl, was sie wollen.

Was ist für Sie Gerechtigkeit?

D.R.: Es ist eine Frage der Anständigkeit und des gesunden Menschenverstands, diese Erde immer ein Stück gerechter zu machen. An eine absolute Gerechtigkeit glaube ich nicht, aber ich will dazu beitragen, dass die Summe des Schmerzes etwas geringer wird.
M.K.: Ich möchte, dass die Menschen ihre Potentiale entwickeln können. Für meine Generation war wichtig, dass Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien studieren konnten. Heute gibt es wieder einen engen Zusammenhang zwischen Herkunftsfamilie und Bildungschancen. Das bleibt eine Herausforderung.

Welche Bedeutung hat Reichtum für Sie?

D.R.: Freiheit und Selbstbestimmung. Und ich wäre ja ein egoistischer Typ, wenn ich nicht einen Teil meines Erfolges einsetzen würde für soziale Projekte wie „Klasse wir singen“, „Mentor. Die Leselernhelfer“, die DSW, die Bürgerstiftung und ähnliches, was wir hier in Hannover, dem Silicon Valley der Menschlichkeit (lacht), auf die Beine stellen.
M.K.: Freiheit und Verantwortung gehören auch für mich zusammen, und mir ist bewusst, dass ich als Frau meiner Generation und in diesem Land privilegiert bin. Das verpflichtet zum sozialen Engagement.

Was sind die drängendsten Probleme der Zukunft?

D.R.: Um zu überleben, müssen wir die Klimaveränderungen in den Griff bekommen. Wir müssen den Zuwachs an Menschen begrenzen, um die Natur zu erhalten. Und wir müssen die Armut bekämpfen. Immer noch leben über 800 Millionen Menschen in großem Elend.
M.K.: Mich treibt dazu die Friedensfrage um. Wenn jemand mit nicht allzu großer diplomatischer Kompetenz in Nordkorea die Fähigkeit hat, Atomwaffen einzusetzen, ist das beängstigend ebenso wie die Kündigung des historischen Abrüstungsvertrags INF.  

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