Unter liturgischem Tanz versteht man den bewussten Einsatz von Bewegung und Tanz als Ausdrucksform des Glaubens im Gottesdienst oder in liturgienahen Feiern. Anders als Unterhaltung oder Bühnendarbietung dient er nicht der Aufführung, sondern der gemeinsamen Feier und dem Ausdruck von Lob, Bitte, Klage oder Dank. Dabei ergänzt der Tanz Wort, Musik und Stille um eine leibliche Dimension und macht sichtbar, dass der Mensch Gott nicht nur mit seiner Stimme, sondern mit seinem ganzen Körper begegnet.
Die christliche Liturgie kennt zwar seit ihren Anfängen zahlreiche Bewegungselemente – etwa Prozessionen, Verneigungen, Kniebeugen oder das Kreuzzeichen –, ein eigentlicher kultischer Tanz hat sich in der westlichen Liturgie (anders als z. B. in der Äthiopisch-Orthodoxe Kirche) jedoch nicht entwickelt. Die frühe Kirche grenzte sich bewusst von heidnischen Kulten ab, in denen Tanz eine wichtige Rolle spielte. Seit dem 20. Jahrhundert wird die Bedeutung des Körpers für Liturgie und Spiritualität jedoch neu entdeckt. In speziellen Tanzgottesdiensten, aber auch in anderen liturgischen Feiern und in Workshops kommen tänzerische Elemente zum Einsatz, um biblische Texte, Gebete oder Musik leiblich-symbolisch erfahrbar zu machen.
Der liturgische Tanz wird unterschiedlich beurteilt. Kritiker befürchten, er könne die Aufmerksamkeit von der gemeinsamen Feier auf einzelne Ausführende lenken oder den Charakter der Liturgie verfremden. Befürworter sehen darin eine sinnvolle Ergänzung der liturgischen Ausdrucksformen, die die leibliche Dimension des Gottesdienstes stärker zur Geltung bringt und neue Zugänge zu Glaube und Gebet eröffnet. Im deutschsprachigen Raum engagiert sich seit 1997 insbesondere die „Christliche Arbeitsgemeinschaft Tanz in Liturgie und Spiritualität e. V.“ für die Förderung von Tanz in Gottesdienst und Spiritualität durch Tagungen, Fortbildungen und praktische Hilfen.
Manuel Uder, Trier