Passion Christi

Das Evangelium vom Leiden Christi (lat. passio = Leiden) wird am Palmsonntag nach dem Evangelisten des entsprechenden Lesejahres gelesen und in der Karfreitagsliturgie nach dem Evangelisten Johannes. Der Vortrag erfolgt seit früher Zeit mit verteilten Rollen: Jesus, in der Regel vom Priester gesprochen, dem Erzähler, und übrige Personen.

Alternativ zu dieser Aufteilung kann die Passion aber auch abschnittsweise gelesen werden. Wegen der Länge der Perikope sitzt die Gemeinde, erhebt sich aber bei dem Abschnitt über das Sterben Jesu. Danach kniet sie zu einer kurzen Gebetsstille nieder.

Wir haben jedes Jahr eine Diskussion darüber, ob man wirklich am Palmsonntag auch die Passion lesen muss. Genügt an diesem Tag nicht das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem? W. G.

Wäre die Liturgie ein Nachspielen dessen, was einst mit Jesus geschehen ist, so wäre die Passion am Palmsonntag fehl am Platz. Die Liturgie ist aber zunächst und vor allem eine Vergegenwärtigung des einen großen Heilsereignisses von Tod und Auferstehung Christi. Wenn wir Eucharistie feiern, ist immer dieses Ganze präsent, wobei an einzelnen Tagen ein einzelner Aspekt besonders hervorgehoben wird. So ordnet die Liturgie durch das Lesen der Passion den triumphalen Einzug Jesu bereits ein in das Gesamtgeschehen. Indem auch schon die Passion gelesen wird, wird das Missverständnis der Menschen von Jerusalem, die Jesus für einen politischen Messias hielten, korrigiert. Die Passion sagt, von welcher Art dieser König ist: Sein Thron wird wenige Tage später der Kreuzesgalgen sein. Der Gottesdienst als Ganzer greift dann noch weiter aus: Wenn wir Eucharistie feiern, ist auch schon die Auferstehung und Verherrlichung gegenwärtig: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit."

Pastoral gesehen hat das Lesen der Passion schon am Palmsonntag auch insofern Bedeutung, als Gläubige, die zwar sonntags aber nicht am Karfreitag zur Kirche kommen, auf diese Weise wenigstens einmal die Passion zu hören bekommen.

Eduard Nagel

In unserer Pfarrkirche wird am Palmsonntag anstelle des Evangeliums ein Kinder-Passionslied gesungen und von Kindern szenisch umgesetzt. Viele Gottesdienstbesucher scheinen von diesem Stück beeindruckt zu sein. Der Pfarrer plädiert für diese Variante der Evangeliumsverkündigung, weil dadurch die Botschaft des Evangeliums eindringlich vermittelt werde. - Kann das als „Lesung des Evangeliums" gelten?

Die Schriftverkündigung im Gottesdienst hat den Charakter einer „Proklamation". Der Schrifttext ist ein Dokument, das öffentlich bekannt gemacht wird. Bei einem Dokument kommt es immer darauf an, dass es nicht verändert wird. Der Inhalt kann dann zusätzlich auf ganz unterschiedliche Weisen weiter vermittelt und vertieft werden, damit sich all ihn aneignen. Es kann ein Kommentar folgen (die Homilie), eine spielerische Darstellung (die Palmprozession), ein Gesang, usw.

Bei der Anwendung des Direktoriums für Kindermessen auf die Gemeindemesse am Palmsonntag wird in der Regel von dem auszugehen sein, was dort im Kapitel über Messfeiern für Erwachsene mit Teilnahme von Kindern steht. Zu bedenken ist zudem: Der Palmsonntagsgottesdienst hat aufgrund seiner Bedeutung im liturgischen Jahr ein unverwechselbares Gesicht. Kinder sollen (und wollen) in die Welt der „Großen" hineinwachsen; darum ist es wenig sinnvoll, das „Große" auf ein kindliches Format zu verkleinern. Damit ist letztlich weder ihnen noch den Erwachsenen geholfen.

Eduard Nagel