Liebe Leserin, lieber Leser,
»Die Nazis haben den Ruf der Nazis so ruiniert, dass jetzt nicht einmal die Nazis mehr Nazis sein wollen«, lautet ein Spruch, der satirisch ist, aber einen wahren Kern hat: Heute überziehen sich Linke und Rechte gerne gegenseitig mit Nazivorwürfen, kein ernsthafter politischer Akteur in Deutschland will als Faschist bezeichnet werden.
Italien bildet einen merkwürdigen Kontrast dazu. Zwar vermeiden es die Regierungschefin Giorgia Meloni und ihre Partei Fratelli d'Italia, sich postfaschistisch zu nennen, aber die Anklänge an den historischen Faschismus sind zu offenkundig. Das beginnt mit dem Wappen der Partei: Die Flamme in den italienischen Farben erinnert frappierend an das Logo der einstigen Partei Movimento Sociale Italiano (MSI), die 1946 von Gefolgsleuten Mussolinis gegründet wurde, um die »Ideale« des Faschismus zu bewahren. Zudem tanzt die Flamme der Fratelli d'Italia auf einem schwarzen Balken, der allgemein als Sarg Mussolinis interpretiert wird.
Trotzdem darf man nicht einfach Postfaschisten und Faschisten gleichsetzen, wie Sie im Interview ab Seite 72 lesen können. Und man muss auch klar zwischen dem Faschismus und dem ungleich monströseren Nationalsozialismus unterscheiden, was viel zu selten geschieht: Mussolini begann zwar wie Hitler gerne Kriege, aber er strebte keine Völkermorde an und sandte seine Gegner lieber in die Verbannung als in den Tod. Vielleicht zeigen die Italiener auch deshalb heute weniger Abscheu vor dem »Duce« als die Deutschen vor Hitler.
Ihr
Dr. Christian Pantle, Chefredakteur