Mein Körper gehört mirSchutz vor sexueller Gewalt

Wenn Schulen Konzepte gegen sexuelle Gewalt entwickeln, können sie zum Schutzraum für betroffene Schüler werden. Das passiert immer noch zu selten.

Mein Körper gehört mir
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Es war ein Schock, als Ulrich Reimann vor einigen Jahren erfahren hat, dass zwei Kinder seiner Schule sexuell missbraucht worden sind. „Das hat uns alle sehr erschüttert, und es war klar, dass wir etwas tun müssen“, sagt der Rektor der Freiburger Albert- Schweitzer-Ganztagsgrundschule. Das Kollegium besuchte Fortbildungen. Seither bringt man den Kindern die Thematik mit einem Präventionsprojekt näher. „Mein Körper gehört mir“, lautet der Titel eines Theaterstücks, das die Theaterpädagogische Werkstatt Osnabrück entwickelt hat und das in Freiburg von dem Schauspieler Philipp Nägele aufgeführt wird.
Nägele und eine Kollegin kommen alle zwei Jahre an die Albert-Schweitzer-Grundschule und spielen kurze, einfache Szenen vor den Dritt- und Viertklässlern. „Da werden die Schüler auf sehr klare Weise für Fragen des Umgangs mit aufdringlichen Erwachsenen und Kindern sensibilisiert“, sagt Reimann. Direkt im Anschluss wird gemeinsam mit den Kindern diskutiert: Was ist hier passiert? War das okay? Wie kann man sich in so einer Situation verhalten?
Nach einem einführenden Elternabend finden drei Aufführungen im wöchentlichen Abstand statt. Sie sind Anlass, das Thema auch im Unterricht zu vertiefen. Dabei, sagt Reimann, gehe es vor allem um das Nein sagen Lernen. „Die Kinder sollen wissen, dass es okay ist, auf ihren Körper und ihr Gefühl zu hören, und dass sie Dinge nicht tun sollten, bei denen sie sich schlecht fühlen oder Angst haben.“ Damit sie grenzwertige Situationen besser einschätzen können, lernen sie Folgendes:

Stellt euch drei Fragen, wenn euch jemand anspricht und zum Mitmachen oder Mitkommen auffordert:

  1. Habe ich ein Ja- oder ein Nein-Gefühl?
  2. Weiß jemand, wo ich bin?
  3. Bekomme ich Hilfe, wenn ich Hilfe brauche?

Wenn ihr nur eine Frage mit „Nein“ beantwortet, geht ihr nicht mit oder macht nicht mit.

Parallel dazu ist sexueller Missbrauch immer wieder Thema im Kollegium. „Man sieht es den betroffenen Kindern ja nicht an, aber wir versuchen, besonders aufmerksam zu sein und zu sehen, wenn ein Kind plötzlich ständig Kopfschmerzen hat, sich zurückzieht oder aggressiv wird und die Noten schlechter werden“, sagt Reimann. Das Wichtigste jedoch sei, ein vertrauensvolles Schüler-Lehrer-Verhältnis zu pflegen. „So haben wir damals auch von den beiden Fällen erfahren. Die betroffenen Kinder haben sich Lehrkräften anvertraut.“

EIN BIS ZWEI FÄLLE PRO KLASSE

Legt man die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO zugrunde, muss man davon ausgehen, dass in Deutschland eine Million Mädchen und Jungen sexuelle Gewalt erlebt haben oder aktuell erleben. Heruntergebrochen auf die Schuljahrgänge bedeutet das: In jeder Klasse sind ein bis zwei Mädchen und Jungen betroffen. „Das ist eine riesige Dimension“, sagt Johannes-Wilhelm Rörig. Der Unabhängige Beauftrage für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs steht der Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt vor“, die im September 2016 in Hessen gestartet ist und der sich bis Ende 2018 alle Bundesländer anschließen wollen. „Sexuelle Gewalt findet meist im sozialen Umfeld oder in der Familie statt, aber auch in Schulen und anderen Einrichtungen. Häufig sind andere Jugendliche und Kinder beteiligt sowie zunehmend digitale Medien“, sagt Rörig.
Die Initiative will Schulleiter und Lehrkräfte aller 30.000 Schulen im Bundesgebiet ermutigen und fachlich unterstützen, Konzepte zum Schutz der Kinder und Jugendlichen zu entwickeln – so wie es die Albert-Schweitzer-Grundschule getan hat. Diese Schutzkonzepte sollen nicht nur den Missbrauch in der Einrichtung selbst verhindern. Sie sollen auch dafür sorgen, dass Schülerinnen und Schüler, die andernorts Opfer von Übergriffen wurden, an ihrer Schule Hilfe und Ansprechpartner finden.

SCHAMBESETZTES THEMA

Denn will man sexuellen Missbrauch verhindern, muss man das Thema vor allem erst einmal zulassen, sagt Jörg M. Fegert. Der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/ Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm ist Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung „Achtung! Kinderseele“ und Experte für sexuelle Gewalt. „Das Thema ist sehr schambesetzt. Wenn ich in der Schule oder im Hort Plakate aufhänge oder Flyer auslege, signalisiere ich damit, dass das etwas ist, worüber man reden darf und soll.“

Spezifische Symptome, um einen Missbrauch zu erkennen, gibt es Fegert zufolge nicht. Der zentrale Weg sei, die Vertrauensbasis zum Kind zu stärken, sodass es sich im Ernstfall dem Erwachsenen anvertraue. Dieses Ringen um eine Vertrauensbasis ist oft sehr schwierig, vor allem dann, wenn sich ein Kind wirklich öffnet und etwas erzählt. „Erwachsene Bezugspersonen sollten dem Kind nicht versprechen, Dinge vertraulich zu behandeln“, sagt Jörg Fegert. Bitte ein Kind darum, dass etwas nicht weitererzählt werde, müsse man mitunter auch den Mut haben und dem Kind erklären, dass es nicht möglich ist, bestimmte Sachen geheim zu halten.

Sexualität und Formen sexuellen Missbrauchs sollten von Eltern, Lehrern und Erziehern regelmäßig thematisiert werden. „Das ist enorm wichtig. Wir leben in einer Welt, wo selbst Achtjährige schon Handys haben und über pornografische Sachen stolpern. Hier helfen keine Verbote, sondern Gespräche darüber, wie man damit umgeht.“
Kinder müssen wissen, dass es Erwachsene gibt, die Kinder „anbaggern“, anfassen und zu körperlichen Handlungen zwingen wollen – zu Hause, in der Schule oder im Sportverein. Wenn ein Kind von einem Übergriff berichtet, der eben erst geschehen ist, sollte der ins Vertrauen gezogene Erwachsene auch daran denken, Beweismaterial wie eine beschmutzte Unterhose zu sichern. „Das wird im ersten Schock oft vergessen, da denkt man nur ans Trösten und Saubermachen, aber genau so etwas kann dem Kind später eine Aussage vor Gericht ersparen“, sagt Fegert.

UND WENN ES JEMAND VON UNS IST?

Mit der Frage, wie man Nähe und Distanz in pädagogischen Beziehungen richtig dosiert, setzt sich Marlene Kowalski von der Universität Kassel auseinander. „Kleine Entgrenzungen“ im verbalen und körperlichen Verhalten gebe es immer wieder, sagt die Erziehungswissenschaftlerin, die zahlreiche Interviews mit Lehrkräften geführt und Unterrichtssituationen beobachtet hat. „Grundsätzlich sind Nähe und Distanz in einer Erzieher- Schüler- oder Lehrer-Schüler-Beziehung gleichrangig und sollten auch ausbalanciert gelebt werden. Eine zu starke Distanz ist eine Form der Missachtung, zu viel Nähe kann übergriffig sein. Vor allem aber führt Nähe schnell zu Verdächtigungen, mitunter auch falschen“, sagt Kowalski.
Sie hat festgestellt, dass die eigene emotionale Grenzziehung viele Pädagogen beschäftigt – und sie das meist mit sich allein ausmachen müssen. Eine institutionalisierte Fallreflexion gibt es fast nirgends. „Dabei würden viele Lehrer und Erzieher gerne mit Kollegen über Grenzfälle von Sexualität und Macht sprechen“, sagt Kowalski. In einem solchen Rahmen böte sich auch die Möglichkeit, über eventuelle Verdächtigungen gegenüber anderen Lehrkräften oder Erziehern zu reden und mit demjenigen direkt darüber zu sprechen. „Oft spielen hier ganz unterschiedliche Überlegungen rein, man will das Kind schützen, aber auch den Kollegen vor einem möglichen Rufmord bewahren, wenn sich die Verdachtsmomente als unbegründet herausstellen sollten. So ein internes Forum wäre eine wichtige Instanz vor der offiziellen Stelle“, sagt Kowalski.
Besteht der begründete Verdacht, dass ein Kind sexuelle Gewalt in irgendeiner Form erlebt, müssen die Pädagogen eine Fachkraft und das Jugendamt informieren. Welche Wege dabei einzuhalten sind, ist von Land zu Land unterschiedlich geregelt. Das Wichtigste aber ist: Das Kind sollte wissen, dass ihm geholfen wird.  

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