Die Kirchen und der Krieg

Vom Ersten Weltkrieg sind vor allem die Bilder eines grauenhaften Sterbens in den Schützengräben in Erinnerung geblieben. Heute ist es kaum mehr verständlich, dass auch die Kirchen den Krieg begeistert unterstützen.

Kreuze auf dem Soldatenfriedhof in Douaumont nahe Verdun
© KNA-Bild

Mit einem weltweiten Glockenläuten wird am 11. November 2018 an das Ende des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren erinnert. Die „kirchlichen und säkularen Glocken“ sollen ein „starkes Zeichen für Frieden und Versöhnung“ setzen, um der über 17 Millionen Opfer des Schlachtens in den Schützengräben zu gedenken. Das erklärte das Auswärtige Amt, das die Aktion mitinitiiert hat. Am 11. November 1918 erklangen ebenfalls Glocken – aus Freude über den Waffenstillstand.

Doch auch zu Beginn des Ersten Weltkriegs läuteten vielerorts die Glocken und die Kirchen schlossen sich der vorherrschenden Kriegsbegeisterung an. „Beide Kirchen hatten den Krieg stark unterstützt – die evangelische noch mehr als die katholische“, erklärte der Münsteraner Historiker Thomas Großbölting im Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur. Als am 1. August 1914 in Berlin die Mobilmachung verkündet wurde, sang die versammelte Menge lautstark „Nun danket alle Gott“. Die Koppelschlösser deutscher Soldaten trugen den Schriftzug „Gott mit uns“ und auch Pfarrer und Theologieprofessoren stimmten euphorisch in die Kriegsrhetorik ein. Sie verteidigten den Krieg als gerechte Sache und setzten den Soldatentod mit dem Opfertod Christi in Bezug. 

„Für die Protestanten waren Thron und Altar ja eng verzahnt“, sagte Großbölting weiter. Damit folgten sie der Tradition der Reformation. Seitdem die Protestanten damals Schutz bei ihren jeweiligen Landesherren gefunden hatten, wurde den Regenten aus Dank auch der Ehrentitel des obersten Kirchenherrn verliehen. So war Kaiser Wilhelm II. als preußischer König zugleich das Oberhaupt der evangelischen Kirche Preußens.

Für die Katholiken war das Bündnis von Thron und Altar nicht so selbstverständlich, doch auch sie wollten ihre Loyalität zu Kaiser und Reich zeigen. „Sie sahen nach den traumatischen Erfahrungen des Kulturkampfs Ende des 19. Jahrhunderts die Chance, sich als gute Deutsche zu beweisen“, erläuterte Großbölting. Von einem heilsamen Krieg und einem Gericht Gottes war die Rede. Unter der allgemeinen Kriegsbegeisterung wuchsen in Deutschland bis dahin verfeindete Bevölkerungsgruppen zusammen. „Insbesondere die Katholiken und die sozialdemokratische Arbeiterschaft fanden zur Aussöhnung mit dem preußisch dominierten Reich“, schreibt der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff in seinem Buch „Kein Ende der Gewalt? Friedensethik für eine globalisierte Welt“ (Herder 2018). 

„Obwohl die katholische Kirche wegen ihres universalen Charakters stets Distanz zum Nationalismus des 19. Jahrhunderts gehalten hatte, traten am Anfang des Weltkriegs Bischöfe, Priester und Gläubige in großer Zahl an die Seite derer, die den Krieg als moralische und geistige Erneuerung begrüßten“, bekannte die Deutsche Bischofskonferenz 2014. Selbst als der Krieg schon „längst die Form eines anonymisierten und mechanisierten massenhaften Tötens“ angenommen hatte, hielten Theologen und Bischöfe an der Überzeugung fest, einen „gerechten und notwendigen Krieg“ zu führen, so Schockenhoff.

Die Kriegsniederlage des Deutschen Reichs kam 1918 auch für die Kirchen unerwartet. Dennoch gab es in den Nachkriegsjahren auf Seiten der Kirchen kaum eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Rolle im Krieg. „Bischöfe und Pfarrer thematisierten nach dem November 1918 eher das Leid der Bevölkerung in der Nachkriegszeit, den demütigenden Friedensvertrag von Versailles und den politischen Umbruch. Ein Nachdenken über die Brutalität des industrialisierten Krieges, die im Evangelium geforderte Feindesliebe oder eine europäische Friedensordnung gab es nur in kleinen Ansätzen“, so Großbölting. Zwar entstand auch in christlichen Kreisen allmählich eine Friedensbewegung, doch diese fand kaum Resonanz innerhalb der Kirchen.

at / mit Material der KNA

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