Jesu Geschwister: Der große Bruder

Dass Jesus Geschwister hatte, ist mehrfach in der Bibel beschrieben. Dennoch wurde in der Geschichte des Christentums sein besonderes Gottesverhältnis auch durch die ewige Jungfernschaft seiner Mutter Maria gekennzeichnet. Wie mag dieses herausragende Kind und der bewegte junge Mann auf seine Geschwister gewirkt haben?

Jesus ist der Älteste unter den Geschwistern. Immer wieder erzählen die Eltern von seiner Geburt, wie dramatisch es war damals, als Mama hochschwanger wegen der Volkszählung mit Papa nach Bethlehem reisen musste. Oh nein, sie können diese Geschichte echt nicht mehr hören! Jesus, bei ihm war ja alles SO besonders. Hirten seien damals gekommen und hätten den kleinen Jesus bewundert. Und wenn Vater Josef ein Glas Wein getrunken hat, kommt garantiert die Erzählung von den beeindruckenden Männern, die wie Könige aussahen und Geschenke mitbrachten. Früher mochten die kleinen Geschwister diese Geschichten, aber jetzt verdrehen sie oft die Augen. Meine Güte, denken sie, wir wurden auch geboren, und sie blinzeln sich an und kichern manchmal: Ja, Jesus, dieser Sonderling.

Später denken sie: Jesus ist peinlich. Läuft herum und tut so, als könnte er die Heilige Schrift auslegen! Meine Güte, sie sind doch keine studierten Leute. Papa ist schlicht Schreiner in Nazareth, die Nachbarn tuscheln schon und fragen hinter vorgehaltener Hand, ob der Älteste der Familie etwas durchgeknallt ist. Jetzt zieht Jesus im Land herum mit ein paar Fischern an seiner Seite und redet vom Reich Gottes. Eine ganze Anhängerschaft hat er inzwischen, Frauen und Männer.

Als er in der Nähe von Nazareth ist, sagen die Geschwister: Mutter, lass uns hingehen. Wir müssen mit ihm reden, er bringt die ganze Familie doch in Verruf. Als sie an den Ort kommen, an dem Jesus sein soll, ist da eine große Menge von Menschen. Sie bitten jemanden, Jesus zu sagen, dass sie mit ihm reden wollen. So wird Jesus die Botschaft übermittelt: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete und sprach: Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder.“ (Mk 3,32ff.)

Jetzt reicht es den Geschwistern. Was glaubt Jesus eigentlich, wer er ist? Von den Schwestern sagt er schon gar nichts und dann erklärt er noch, diese fremden Leute seien seine Familie. Das ist eine heftige Abfuhr und unfassbar arrogant. Wie kann er nur so mit Mama umgehen, und das auch noch öffentlich, vor allen Leuten! Wenn er nicht mehr unser großer Bruder sein will, dann wollen wir auch nicht mehr seine Geschwister sein. Soll er doch bleiben, wo der Pfeffer wächst. Wenn er in Schwierigkeiten gerät, können ja seine neuen Freundinnen und Freunde ihm helfen...

Ja, verletzt sind sie, die Geschwister von Jesus, zurückgewiesen fühlen sie sich. Mutter Maria aber weint und weint. Es tut ihr weh, dass ihr Sohn sie so behandelt. Am Anfang hat sie ja versucht, Jesus zu verstehen. Damals, als er im Tempel gelehrt hat. Er war noch so jung. Die Überheblichkeit der Jugend, dachte sie. Danach war sie stolz auf ihn. Auf der Hochzeit in Kana hat er geradezu Wasser in Wein verwandelt. Wie da alle gestaunt haben. Und dann ist sie mit den anderen Kindern sogar mit ihm gezogen nach Kapernaum (Joh 2,12), das war schon aufregend. Aber inzwischen ist ihr die Sache unheimlich. Die Leute munkeln schon: „Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns?“ (Mt 13,55) Musste er auch nach Nazareth kommen und sich anmaßen, in der Synagoge zu lehren?

So verfolgt Maria mit ihren anderen Kindern von Ferne, was geschieht. Jesus wird immer bekannter, immer mehr Menschen schließen sich ihm an. Das ist auch beängstigend. Was, wenn die Römer das als Angriff sehen, als Zusammenrottung, Aufruhr?

Als er sich aufmacht nach Jerusalem, da wächst auch die Angst um ihn. Ist er denn jetzt völlig verrückt geworden? Zum Passahfest nach Jerusalem gehen, das ist ein großes Risiko. Und dann kommen die Nachrichten Schlag auf Schlag: Er wurde verhaftet, ist angeklagt – sie werden ihn kreuzigen. Bei allem Ärger, er ist doch kein Straftäter, kein Verbrecher! Vielleicht hat er zu viel geredet, vielleicht war er überheblich, aber dafür muss ein Mensch doch nicht sterben! Maria ist nicht mehr zu halten, sie will zu ihrem Sohn. Die Geschwister beschließen, dass Jakobus mit ihr geht.

Maria wird unter dem Kreuz stehen, als ihr Sohn stirbt. Sie wird mit anderen Frauen gehen, um ihn zu salben, und Zeugin sein, dass der Tod an ihm nicht das letzte Wort hat. Auch Jakobus muss das verstanden haben und die anderen Geschwister mit ihm. Denn unter den Jüngern finden sich nach der Auferstehung auch seine Brüder (1. Kor 9,5) und Jakobus wird mit anderen die Jerusalemer Urgemeinde leiten. Ja, Angst haben sie immer wieder. Aber inzwischen glauben sie daran, dass ihr großer Bruder einer war, der etwas wusste von Gott, der mit seinen Erzählungen nicht angeben wollte, sondern Wege zu Gott gewiesen hat. Der befreiend sagen konnte, dass Gott die Menschen liebt und der Tod nicht die letzte Macht im Leben ist.

Gut, dass sie nicht mehr erfahren mussten, wie die kirchliche Tradition versucht hat, sie auszulöschen. Maria sollte unbedingt ewige Jungfrau sein und keine weiteren Kinder geboren haben. Da werden Legenden erfunden, die Geschwister seien in Wirklichkeit Kinder von Josef aus erster Ehe oder Kinder ihrer Schwester, die Maria angenommen habe. Wie merkwürdig. Vielleicht waren es ja gerade die Geschwister, die Jesus als großen Bruder gelehrt haben, wie ein Mensch gut Geschichten erzählt. Vielleicht hat Jesus nur durch seine Geschwister begriffen, dass du im Leben für andere Verantwortung hast.

Als Jesus mitten im qualvollen Leiden am Kreuz seine Mutter sieht und von Ferne wohl auch Jakobus, da kann er in Frieden sterben, denn er weiß, seine Familie steht zu ihm, hat ihm die Zurückweisung verziehen. Wahrer Gott ist er, wie die Kirchenväter gesagt haben, aber eben auch wahrer Mensch. Er liebt seine Eltern und seine Geschwister, es tut ihm gut, zu wissen, wie sehr sie ihn auch lieben bei aller Eigenheit, die sein Weg bedeutet hat.

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