Bitterkeit ist keine Endhaltestelle

Niemand ist vor Unglück gefeit. Die eine wird verlassen, der andere verliert seinen Job, die dritte bekommt eine Krebsdiagnose, der vierte Probleme mit den Kindern. Und manchmal kommt es so gehäuft und erinnert an früher erlittenes Unrecht, dass graue Bitterkeit das Lebensgefühl bestimmt statt ein verheißungsvoller Blick in eine bunte Zukunft. Gerade dann gilt es, auf das zu schauen, was gut ist und Freude macht.

Manchmal gibt es Begegnungen, die kurz, aber eindrücklich sind. So erinnere ich mich bis heute an einen Wortwech­sel mit der Kassiererin im Lebensmit­telmarkt um die Ecke. Wir kannten uns über die Jahre vom Sehen, haben immer mal kurz geplaudert. An dem Tag fragte ich: „Wie geht es Ihnen?“ Sie sagte: „Ach, Frau Käßmann, es gibt Tausende, denen es besser geht als mir. Aber es gibt Millionen, denen geht es schlechter!“ Das ist schon viele Jahre her. Mich hat das beeindruckt, denn es zeigt eine Haltung der Dankbarkeit, finde ich. Die Frau hat es nicht leicht, das weiß ich von Ferne. Aber sie steht ihre Frau, sie ist froh über das, was für sie möglich ist. Ich fand ihre Ant­wort toll!

Eine andere Begegnung: Ich frage die Zugbegleiterin, die mit mir aussteigt, ob sie jetzt Feierabend hat. Sie sagt, nein, sie muss noch nach B, von dort wieder nach A, es wird ein sehr, sehr langer Tag heute. „Tut mir leid“, sage ich. Sie darauf­ hin: „Ach was, ich hab es mir doch ausge­sucht und bin froh, dass ich mein eigenes Geld verdienen kann. Tschüß!“ Die Frau hat mir imponiert. Sie hat ausgestrahlt, dass sie mit ihrem Leben zufrieden ist, eine innere Balance gefunden hat.

Mich erreichen aber auch immer wieder E­-Mails und Briefe, in denen Menschen ihre Verbitterung äußern. Sie haben den Eindruck, im Leben zu kurz gekommen zu sein. Sie sind vom Leben enttäuscht, weil sie allein leben, sehr wenig Geld ha­ben oder den Kontakt zu den Kindern ver­loren haben. Und manche verbeißen sich dann so in dieses Gefühl, die Welt habe sie ungerecht behandelt, dass sie nicht mehr heraus finden und geradezu gries­grämig werden.

Als meine Kinder klein waren, gab es die Geschichten von Grummel Gries­gram. Ich fand sie nie besonders hochwertig, aber diese Figur hat sich mir eingeprägt. Er ist der Gegenspieler von Regina Regenbogen. Sie malt alles in wunderbaren bunten Farben. Grummel Griesgram und sein Freund Schleich­michel lieben es geradezu, wenn die Welt öde und grau ist. Manchmal habe ich den Eindruck, Menschen wollen ein Grummel Griesgram sein. Sie können keine Farben mehr sehen, sich an nichts mehr freuen. Ich weiß sehr wohl, dass es viele schwer haben. Und ich bin mir bewusst, dass ich es besonders gut habe im Leben. Aber wie die Kassiererin und die Zugbegleite­rin können wir unsere Lebenssituation in Grau oder in Bunt beschreiben.

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, gab es immer wieder Abzweigungen, die ich nehmen musste. Das ist für alle so. Du kannst nicht sagen, ich gehe nicht weiter. Hilde Domin hat das in einem Gedicht wunderbar ausgedrückt: „Stehenbleiben und sich Umdrehn hilft nicht. Es muss gegangen sein.“ Bei manchen Abzwei­gungen kannst du wählen: Will ich diesen Beruf wählen oder einen anderen, heirate ich diesen Menschen, will ich Kinder oder nicht? Andere werden dir durch das Leben auferlegt: Du kannst keine Kinder bekommen, ein Berufsweg bleibt dir ver­sperrt, die Krankheit durchkreuzt deine Pläne.

Wichtig scheint mir, den eigenen inneren Frieden zu finden mit dem Lebensweg. Vielleicht war eine Abzweigung einmal die falsche. Aber wir können nicht zu­rück. Sich nicht festbeißen an dem, was nicht gelungen ist, sondern mit Freude auf das zu schauen, was möglich war, gibt uns eine Haltung der Dankbarkeit. Das strahlen wir dann auch aus, denke ich. Und es ermutigt andere, ihre Abzweigun­gen frohgemut zu nehmen.

Ich hatte einmal eine großartige Presse­sprecherin. Immer, wenn etwas schwie­rig wurde, wenn ich dachte: Na, das ist ja gründlich schiefgegangen, sagte sie: „Wir wollen dankbar sein. Das ist eine wunder­ bare Geschichte für lange kalte Winter­abende!“ Darüber muss ich heute noch lachen. Und ich denke oft daran, wenn ich mich frage: „Mist, wie konnte das denn passieren?“ Ja, es wird wieder eine Ge­ schichte sein, die wir miteinander erin­nern. Ich bin überzeugt, es macht unsere Seele frei, wenn wir über Scheitern und Misserfolge auch mal lächeln können. Und wenn wir auf das schauen, was gut war und ist in unserem Leben, statt uns an dem festzubeißen, was nicht gut war und ist.

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