Prof. Dr. Renate Zimmer über die Konsequenzen eines uneingeschränkten Medienkonsums für Kita-Kinder Digitale Medien und Bewegungsarmut

Mit der Pandemie hat sich der Alltag von Kindern verändert: Digitale Medien nehmen anstelle von Interaktionen und Bewegung einen hohen Stellenwert ein. Welche Rolle spielen Kitas in diesem Zusammenhang? Prof. Dr. Renate Zimmer macht im Interview mit Martin Stengel vom didacta-Themendienst auf die Bedeutung von Kitas als Zusatz zum Familienleben aufmerksam.

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Auf der didacta 2022 wird Frau Prof. Dr. Renate Zimmer, Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt frühe Kindheit, über Kommunikation sprechen und dabei auf „die Kita als Ort des Austausches und Verstehens“ blicken. Der didacta-Themendienst war bereits im Vorhinein mit Frau Zimmer im Gespräch.

Fehlende Interaktion

Im Interview geht Renate Zimmer zunächst auf die aktuellen, pandemiebedingt veränderten Lebensbedingungen von Kindern ein. Sie weist darauf hin, dass Kinder zunehmend einen unbegrenzten Zugang zu digitalen Medien genießen würden, wobei sich diese durch eine einseitige Kommunikationsstruktur auszeichnen. Aus Sicht der Eltern ein Beschäftigungsmittel, aus Sicht der Kinder mit Spaß verbunden, macht Frau Zimmer auf die fehlende Interaktion bei der Beschäftigung mit digitalen Medien aufmerksam. Diese sei für Kinder unerlässlich, um Gesehenes zu verarbeiten. Darüber hinaus finde die Beschäftigung mit digitalen Medien überwiegend im Sitzen statt, sodass es Kindern in Pandemiezeiten an Bewegung mangele. Das widerstrebe dem natürlichen Bewegungsbedürfnis von Kindern im Alter von eins bis zehn Jahren. So führe die Beschäftigung mit digitalen Medien zwar zu einer erhöhten Informationsdichte, auf der anderen Seite aber zu einem Mangel an Interaktion, wodurch ein Ort zu Verarbeitung fehlt. Dieser Ort könne laut Zimmer in der Kita bestehen, indem pädagogische Fachkräfte genau diese Themen aufgreifen.

Sozial-emotionale und sprachliche Kompetenzen können in der Kita gestärkt werden

Insbesondere die sozial-emotionalen und sprachlichen Kompetenzen könnten in der Kita vergleichsweise besser gefördert werden als im Familienalltag. So würden erstere im Zusammenleben mit anderen Kindern als auch mit den pädagogischen Fachkräften als erwachsene Bezugspersonen gefordert. Aufgrund der Vielfalt an sozialen Interaktionen, die im Kita-Alltag gegeben sind, finden Kinder hier mehr Möglichkeiten, um beispielsweise Regeln auszuhandeln oder sich in andere hineinzuversetzen.

Auch für die Förderung von sprachlichen Kompetenzen bestehe in der Kita besonderes Potenzial. Da Sprache nicht nur verbal, sondern auch nonverbal stattfindet, könne die Kita hier auf besondere Möglichkeiten zurückgreifen. In diesem Zusammenhang weist Frau Zimmer auf die Chance hin, die Bewegung für die Entwicklung sprachlicher Kompetenzen birgt. Denn diese könne Kindern einen spielerischen Zugang zu Sprache ermöglichen.

Wie haben sich die sprachlichen Kompetenzen während der Pandemie entwickelt?

Mit der vorrangigen Nutzung von digitalen Medien anstelle sozialer Interaktionen gehe ein Verlust an Resonanz auf der Beziehungsebene einher, so Prof. Dr. Renate Zimmer. Doch gerade die Beziehungsebene sei für den erfolgreichen Erwerb sprachlicher Kompetenzen unerlässlich. So würde die Sprache nur in der Beziehung dazu genutzt werden, um beispielsweise Wünsche mitzuteilen und sich persönlich mit anderen auseinanderzusetzen. Damit einhergehend fehle ein Anlass, in dem das Sprechen mit Lust und Freude erfolgen kann.

Welche Rolle nimmt die Kita unter diesen veränderten Bedingungen ein?

Kitas sollten Kindern Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen, denn diese seien durch die Medienstruktur nicht gegeben. So sind Kinder bei der Nutzung digitaler Medien nicht in der Lage, konkrete, sinnliche körperliche Erfahrungen zu machen. Kitas seien dazu angehalten, diese Tatsache als Grundlage für die Weiterentwicklung und Begleitung von Kindern zu nutzen.

Welche Auswirkungen haben pandemiebedingte Maßnahmen auf Kita, pädagogische Fachkräfte und Kinder?

Insbesondere das Tragen von Masken gehe zu Lasten der Mundmotorik, führt Prof. Dr. Zimmer aus. So würde das Bedürfnis von Kleinkindern nach mimischer Resonanz unzureichend befriedigt. Sie weist darauf hin, dass das mimische Spiegeln bzw. die nonverbale Resonanz auch mit Abstand umsetzbar sei, sodass ein Mittelweg gut zu finden sei.

Das Interview in voller Länge kann hier abgerufen werden. Ausführliche Informationen rund um „die Kita als Ort des Austausches und Verstehens“ enthält der gleichnamige Beitrag auf der didacta 2022.

Quelle:

didacta-Themendienst | Interview

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