Wikinger und Kreuzzüge – Europa im Hochmittelalter

Das Karolingerreich war in verschiedene Teile zerfallen. Aus den größten so entstandenen Reichen, dem ost- und dem westfränkischen, sollten sich über Jahrhunderte Deutschland und Frankreich entwickeln.

Wikinger und Kreuzzüge – Europa im Hochmittelalter
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Europa um 1000

Die Karolinger waren im Ostreich schon im Jahre 911 abgelöst worden, als mit Ludwig dem Kind der letzte Nachfahre Karls des Großen starb. Im Westreich konnte sich die Karolingerdynastie mit Ludwig V. noch bis zu seinem Tod im Jahre 987 halten. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt die Karolingerherrschaft schon nicht mehr unangefochten, und mit Hugo Capet, dem ersten König der Kapetinger, gelangten ihre Widersacher auf den Thron. Europa erlebte zu dieser Zeit eine Phase relativer Ruhe: Die Wikingerstürme hatten ein Ende gefunden, und mit der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahre 955 war man auch der Ungarngefahr Herr geworden. Das Ansehen, das ihm aus diesem Sieg zuwuchs, konnte Otto der Große in politisches Potenzial umsetzen, das ihm im Jahr 962 schließlich zur Kaiserkrone verhalf. Seine Heiratspolitik trug dazu bei, die Ottonendynastie im europäischen Rahmen zu verankern: in erster Ehe mit der englischen Königstochter Eadgith verheiratet, gelangte er durch die Ehe mit Adelheid an die italienische Krone. Seine Schwestern gingen Ehen mit dem Karolinger Ludwig IV. und dem Kapetinger Hugo ein. Für seinen Sohn Otto II. konnte die byzantinische Prinzessin Theophanu gewonnen werden. Durch dieses Engagement der Ottonen in Italien gerieten sie in Konflikt mit dem byzantinischen Kaisertum, den Muslimen und den Langobarden in Süditalien.

Die ottonische »Familienpolitik« konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die karolingischen Nachfolgereiche zunehmend selbstständig entwickelten und eigene Wege gingen. Darüber hinaus wurden im Osten Polen und Ungarn in die Gemeinschaft der christlichen Reiche Europas eingebunden. Wesentlichen Anteil daran hatte Kaiser Otto III., auf dessen Betreiben die Erzbistümer Gnesen in Polen (1000) und Gran in Ungarn (1001) gegründet wurden, was die beiden Reiche von den deutschen Missionsbistümern unabhängig machte. Ottos III. Idee von der Errichtung eines erneuerten römischen Kaiserreiches scheiterte jedoch mit seinem frühen Tod im Jahre 1002.

Europa war über das alte Karolingerreich hinausgewachsen, an dessen Stelle nun die Vorläufer von Frankreich, Deutschland und Italien traten.

Die Wikingerzüge

Als Wikinger, Normannen (Nordmänner) oder Waräger bezeichneten die Zeitgenossen die Menschen aus Dänemark, Norwegen und Schweden, die seit Ende des 8. Jahrhunderts in Raub- und Plünderzügen die Küsten und Flussläufe Westeuropas bis weit ins Binnenland heimsuchten (793 Überfall des Inselklosters Lindisfarne an der Nordostküste Englands, auch Überfälle auf Köln, Trier, Metz und Paris). Der Geschwindigkeit der Wikinger auf ihren Schiffen war die damalige Heeresorganisation nicht gewachsen, weshalb wirksame Verteidigungsmaßnahmen erst im Laufe der Zeit entwickelt werden konnten. Als Gründe der Expansion wurden Erbrechte, Bevölkerungswachstum (durch Rodungen bezeugt), Ansätze zur Überwindung der politischen Zersplitterung sowie klimatische Veränderungen diskutiert. Die Wikinger verfügten über eine hochentwickelte Seefahrtstechnik (Schiffsfunde u. a. von Gokstad, Oseberg, Skuldelev). Karl III., der letzte Karolingerkaiser, dem durch Erbschaft die Herrschaft über das Gesamtreich zugefallen war, wurde nicht zuletzt aufgrund seines Versagens bei der Wikingerabwehr im Jahre 877 abgesetzt. Mit den Raubzügen ging seit der Mitte des 9. Jahrhunderts zunehmend Siedlung an den Küsten Westeuropas und Landnahme einher, was zu einem allmählichen Zusammenleben und der Vermischung mit der einheimischen Bevölkerung führte. Von Wikingern eroberte Gebiete konnten als Herrschaften an sie abgetreten werden, was in der Regel mit der Annahme des Christentums einherging. Dadurch wurde die Integration der Siedler wesentlich erleichtert. Auf den britischen Inseln bildete sich im 9. Jahrhundert der Danelag aus, in dem dänisches statt britischem Recht galt. Hier konnte Alfred der Große, König von Wessex, im Gegensatz zu Karl III., durch Erfolge in der Wikingerabwehr Macht und Ansehen gewinnen. An den Küsten Irlands gründeten sie Niederlassungen, unter anderem Dublin. An der Nordküste Frankreichs entstand 911 durch die Normannen das Herzogtum der Normandie (Reich Rollos). Die Ausdehnung der schwedischen Wikinger (Waräger) nach Osten und Südosten führte zur Herrschaftsbildung der Rurikiden durch Rurik (Oleg), Großfürst von Kiew seit 879, und damit zur Begründung der Kiewer Rus. Die verkehrstechnische Überlegenheit der Wikinger kam einem ausgedehnten Handel zugute, der sich in der Anlage von Städten niederschlug und auch auf die skandinavischen Länder rückwirkte.

Die Kreuzzüge

In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts geriet das oströmische Reich durch das Vordringen der Seldschuken in Kleinasien zunehmend unter Druck. In dieser Situation bemühte sich Kaiser Alexios Komnenos um Hilfe aus dem Westen. Papst Urban II. nahm die Bitte auf und rief 1095 zum Kreuzzug auf. Die Idee der bewaffneten Pilgerfahrt zur Befreiung der heiligen Stätten von den Muslimen löste eine europäische Massenbewegung aus. Am ersten Kreuzzug von 1096–1099 nahmen der südfranzösische, flandrisch-lothringische und süditalienisch-normannische Adel teil. Im Rheinland kam es schon im Vorfeld zu Judenpogromen, die viele blühende Gemeinden auslöschten. Unter der nominellen Führung Kaiser Alexios’ wurde 1099 Jerusalem eingenommen, nicht zuletzt weil Konflikte zwischen den muslimischen Herrschaften des Nahen Ostens ein koordiniertes Vorgehen ihrer Streitkräfte verhinderten. Für die Zukunft bedeutsame Ergebnisse des ersten Kreuzzuges waren neben der Gründung der Kreuzfahrerherrschaften Edessa, Antiochien, Tripolis und des Königreichs Jerusalem die Entstehung der Ritterorden. Der Templerorden wurde 1128 auf dem Konzil von Troyes bestätigt und hatte sich dem Pilgerschutz verschrieben. Die Johanniter hatten sich ursprünglich karitativen Aufgaben gewidmet, bis sie ab 1137 auch militärische Funktionen wahrnahmen. Der Deutsche Orden wurde zwar in Palästina gegründet, entfaltete seine größte Wirksamkeit aber später im Baltikum. 1190 fand auf dem dritten Kreuzzug Kaiser Friedrich I. Barbarossa in dem kleinasiatischen Fluss Saleph den Tod. Bis 1291 fanden nach moderner Zählung insgesamt sieben große Kreuzzüge ins Heilige Land statt; meist unter königlicher Beteiligung. Allerdings war die Zahl der als Kreuzzug sanktionierten Militäraktionen höher – auch das Vorgehen gegen die Albigenser in Südfrankreich ab 1208 oder die »Preußenfahrten« des 14. Jahrhunderts galten als Kreuzzüge. Der vierte Kreuzzug im Jahr 1204 zeigt deutlich die machtpolitische Instrumentalisierung: Das Kreuzfahrerheer eroberte die christliche Stadt Zara (Zadar) und schließlich auch das ebenfalls christliche Konstantinopel. Gewinner waren vor allem Venedig und die italienischen Seestädte, die am Transport der Kreuzfahrerheere und des Nachschubs gut verdienten. Im Nahen Osten verschoben die Kreuzzüge das Machtgleichgewicht zwischen den muslimischen Herrschaften; profitieren konnten die Osmanen und die Mamlukenherrscher Ägyptens.

Die Kreuzfahrerstaaten

Als Ergebnis des ersten Kreuzzuges entstanden vier Kreuzfahrerstaaten: als erste im Jahre 1098 das Fürstentum Antiochia und die Grafschaft Edessa. Nach der Eroberung Jerusalems im Jahre 1099 nahm Balduin I. den Königstitel an. Mit der Eroberung von Tripolis und der Gründung des gleichnamigen Fürstentums im Jahre 1109 war die Gründungsphase der Kreuzfahrerstaaten beendet. An der Spitze stand das Königreich Jerusalem. Besonders das von Bohemund von Tarent gegründete Fürstentum von Antiochien befand sich im Konflikt mit dem Kaiser von Konstantinopel, in dessen Namen und Auftrag es eigentlich erobert worden war. Verschärft wurden die Spannungen durch die Gründung einer lateinischen Kirche mit Patriarchen in Jerusalem und Antiochia. Der höhere griechisch-orthodoxe Klerus wurde dadurch verdrängt. Unterstützung bekamen die Kreuzfahrer teilweise von den Armeniern und Maroniten (christliche Gemeinschaft im Libanongebirge seit dem 7. Jh.). Dennoch gelang weder eine Ausdehnung ins zentralsyrische Hinterland noch nach Ägypten. Die Uneinigkeit der muslimischen Nachbarn gestattete allerdings die Konsolidierung und den Ausbau der Kreuzfahrerherrschaften. Bald zeigten sich politische, wirtschaftliche und kulturelle Symbiosephänomene, etwa im Bündnis zwischen Jerusalem und Damaskus.

Nach dem erfolgreichen Kreuzzug setzte eine Zuwanderung aus dem Westen ein, überwiegend aus Frankreich (daher Bezeichnung aller Kreuzfahrer als Franken). Dennoch blieben die Franken stets in der Minderheit gegenüber einheimischen Christen, Muslimen und Juden. Die Franken lebten größtenteils in den Städten, doch existierten in Nachbarschaft zu einheimischen Christen auch ländliche Siedlungen.

Dem sich verstärkenden Druck der muslimischen Streitkräfte erlag im Jahre 1144 zuerst Edessa. Saladin konnte 1187 Jerusalem zurückerobern, die Hautstadt des Königreiches war seit 1191 dann Akkon. Jerusalem konnte zwar von Kaiser Friedrich II. auf dem Vertragswege noch einmal zurückgewonnen werden, ging aber im Jahre 1244 dann endgültig an den Sultan von Ägypten verloren. Die Situation wurde für die Kreuzfahrer zunehmend unhaltbar, und so fielen 1268 Antiochia und 1289 Tripolis.

Das Reich der Ottonen und Salier

In die rund zweihundert Jahre zwischen der Thronbesteigung Heinrichs I. im Jahre 919 und dem Tod des letzten Saliers Heinrichs V. 1125 fielen entscheidende Weichenstellungen für die europäische Geschichte, die bis auf den heutigen Tag nachwirken. Mit dem sächsischen Liudolfinger Heinrich I. gelangte erstmals ein Nichtfranke zur Herrschaft im ostfränkisch-deutschen Reich. Er konnte 925 Lothringen zugunsten des eigenen Reiches aus dem Westfrankenreich herauslösen und seinen Reichsteil vorläufig gegen die verheerenden Ungarneinfälle absichern. Sein Sohn Otto I. der Große bannte die Ungarngefahr endgültig mit seinem Sieg auf dem Lechfeld im Jahre 955. Gestützt auf die Bischöfe und Äbte der Reichskirche (ottonisch-salisches Reichskirchensystem) hatte Otto I. den Rückhalt für eine europäische Politik. Er knüpfte Heiratsverbindungen nach England, Italien und zum Westfrankenreich, erwarb 962 die römische Kaiserkrone und gewann für seinen Sohn Otto II. die byzantinische Prinzessin Theophanu. Damit rückten die oströmischen Besitzungen in Süditalien in den Blick der Reichspolitik. Unter Ottos II. Sohn Otto III. wurden mit den Erzbistümern Gnesen und Gran die Grundsteine für das polnische und ungarische Reich des Mittelalters gegründet. Der letzte Ottone, Heinrich II., ebnete bis zu seinem Tode im Jahre 1024 dem Gedanken der Kirchenreform den Weg ins Reich. Auch der erste Herrscher der Salierdynastie, Kaiser Konrad II., erwies sich mit dem Erwerb Burgunds als »Mehrer des Reiches.« Unter seinem Sohn Heinrich III. wurde ein Höhepunkt der Einheit von Reich und römischer Kirche erreicht, indem Heinrich die Reformbewegungen innerhalb der Kirche unterstützte und für die Einsetzung reformorientierter Päpste sorgte. Ein wesentlicher Aspekt der Kirchenreform war jedoch die libertas ecclesiae, die Freiheit der Kirche von weltlicher Bevormundung. Unter Heinrichs III. Sohn Heinrich IV. weitete Papst Gregor VII. diesen Anspruch auch auf das Königtum aus und beanspruchte die Verfügungsgewalt über die Kaiserkrone. Diesen Anspruch konnte Heinrich IV. nicht akzeptieren, ohne mit dem Investiturrecht (Einsetzungsrecht) von Reichsbischöfen und -äbten die Grundlagen der Königsmacht preiszugeben. Der daraus resultierende Investiturstreit hinterließ die beiden universalen Gewalten des Mittelalters, das Kaiser- und das Papsttum, gleichermaßen beschädigt. Der Investiturstreit und die Auseinandersetzung zwischen Heinrich IV. und seinem Sohn Heinrich V. stärkten mit den Reichsfürsten nachhaltig die regionalen Gewalten, die ihre Position gegenüber dem Königtum ausbauen konnten.

Nach dem kulturellen Abstieg der späten Karolingerzeit setzte im Ostfrankenreich um 850, ausgehend von den Klöstern, eine Neubelebung des Bildungswesens ein. Otto I. bemühte sich, italienische Gelehrte nach Deutschland zu holen. Starke Bildungsimpulse gingen auch von seinem Bruder Brun von Köln aus. Unter Otto III. übernahm das Kaisertum für kurze Zeit selbst die Führung. Gerbert von Aurillac, ab 999 als Silvester II. Papst und der bedeutendste Gelehrte seiner Zeit, wirkte seit 996 als Lehrer und Berater an seiner Seite. Heinrich II. schenkte die Bibliothek Ottos III., vermehrt um eigene Erwerbungen aus Italien, dem Bamberger Dom. Dennoch spricht man nicht von einer »ottonischen Renaissance«.

Das staufische Imperium Friedrichs II.

Kaiser Heinrich VI. hatte durch die Heirat mit Konstanze, der Mutter Friedrichs II., Anspruch auf das normannische Königreich Sizilien erworben und auch durchsetzen können. Damit sah sich das Papsttum in Rom in einer staufischen Umklammerung – im Norden durch das römisch-deutsche Reich, im Süden durch das sizilianische Apulien. So favorisierte Papst Innozenz III. nach dem überraschenden Tod Heinrichs VI. im Jahr 1197 nicht dessen Bruder Philipp von Schwaben im Kampf um die Reichskrone, sondern den Welfen Otto. Dieser konnte als Otto IV. nach der Ermordung Philipps 1209 die Kaiserkrone erringen, indem er dem Papst Zugeständnisse machte. Allerdings hielt er sich nicht an diese Abmachungen, sodass er gebannt wurde und der Papst nun die Opposition im Reich zugunsten des jungen Friedrich unterstützte. In überraschend kurzer Zeit konnte sich der knapp 17-Jährige gegen seinen erfahrenen Kontrahenten durchsetzen und wurde 1215 endgültig zum König gekrönt. Schon die Umstände, die Friedrich II. zum Thron verhalfen, zeigten die komplexen europäischen Verhältnisse, in die das Reich eingebunden war. Geistliche und weltliche Reichsfürsten forderten Zugeständnisse, der Papst ebenfalls, und für England und Frankreich war die Auseinandersetzung zwischen Staufern und Welfen nur ein weiterer Aspekt innerhalb ihres eigenen Konfliktes. Darüber hinaus war das Verhältnis zwischen Kaiser und Papst immer noch nicht geklärt und das Verhältnis zu den mächtigen oberitalienischen Städten bestenfalls zwiespältig. Die Reichsfürsten wurden mit weitreichenden Privilegien belohnt, durch die Friedrich II. Kronrechte abtrat, was die Konsolidierung und Verdichtung der sich bildenden Territorialherrschaften förderte. Allerdings wurde diese Form des Herrschaftsausbaus auch von Friedrich selbst betrieben, wenn er, wie etwa im Elsass, seinen Einfluss zu konzentrieren suchte. Das Verhältnis zur Kirche wurde durch sein Kreuzzugsversprechen am Tag der Krönung belastet. Seine Kreuzfahrt nach Jerusalem sowie die Sorge für sein sizilianisches Reich hielten ihn die meiste Zeit seiner Regierung vom deutschen Reichsteil fern. Die Interessen der Krone sollten seine Söhne wahren. Zunächst ließ er Heinrich zum deutschen König wählen und nach dessen Tod dann Konrad. Die Verwaltung einzelner Landschaften übertrug er Landvögten, die Aufsicht über einzelne Krongüter hatten Vasallen.

Der Tod Friedrichs II. im Jahre 1250 stürzte die Staufer in die Katastrophe. Die neuen Herrschaftsstrukturen hatten sich noch nicht so verfestigt, dass sie den Angriffen des Papsttums und der Fürstenopposition standgehalten hätten. Aus dem anschließenden Interregnum gingen so zwar die Fürsten, nicht aber die Krone gestärkt hervor. Von Friedrich II. blieb nur mehr die kirchliche Legende, die ihn in den Ätna (Sitz des Teufels) versetzte. In Deutschland wurde daraus der Kyffhäuser, in der der Kaiser auf seiner Rückkehr warte, um die Kirche zu reinigen und das Reich zu erneuern.

Frankreich im Hochmittelalter

Zu Beginn der kapetingischen Monarchie im Jahre 987 beherrschte Hugo Capet nur etwa ein Zehntel des alten westfränkischen Reichsgebietes unmittelbar (Krondomäne). Die weitere Auflösung der königlichen Machtstellung konnte aber binnen weniger Generationen aufgehalten werden. In Konkurrenz zur Krondomäne standen bedeutende Fürstentümer, deren Inhaber sich im Kampf gegen kleinere Lokalgewalten schließlich ebenso durchsetzten wie der König im Kronland. Die älteren vasallischen Bindungen zwischen diesen Fürstentümern und der Monarchie lösten sich mehr und mehr auf.

Die Taifareiche in Spanien

Im 8. Jahrhundert geriet die Iberische Halbinsel innerhalb weniger Jahre in den Herrschaftsbereich des Kalifen von Damaskus. Die muslimischen Berber und Araber erreichten Europa zunächst lediglich als Bundesgenossen einzelner Parteien des vom Bürgerkrieg zerrissenen Westgotenreiches. Die bedeutenden Städte, darunter die Hauptstadt Toledo, ergaben sich kampflos. Einzig Merida, eines der Machtzentren des letzten Westgotenkönigs Roderich, leistete militärischen Widerstand. Von der Iberischen Halbinsel drangen muslimische Streitkräfte über die Pyrenäen nordwärts vor, scheiterten aber schließlich am fränkischen Widerstand unter Karl Martell. Gegenüber der nicht-muslimischen Bevölkerung zeigten sich die Eroberer tolerant, sie hatten keinen Glaubenskrieg geführt. Neben den Eigentumsverhältnissen und der Religionsfreiheit wurden sogar zunächst alte Obrigkeiten und Rechtsordnungen beibehalten. Von Abd Ar-Rahman I., dem einzigen Überlebenden der Omajjadendynastie von Damaskus, wurde ein eigenständiges Emirat mit dem Zentrum Cordoba errichtet, das die Grundlage für ein vom Vorderen Orient unabhängiges Herrschaftsgebiet bilden sollte. Kalif Abd Ar-Rahman II. schuf schließlich eine starke Einheitsherrschaft, die es ihm erlaubte, Ceuta und Tanger in Nordafrika zu erobern. Unter seiner Herrschaft bildete sich eine eigenständige maurische Kultur aus, die in vielerlei Hinsicht den Höhepunkt der muslimischen Herrschaft in Spanien bedeutete. Städtewesen, Versorgungs- und Luxusgüterherstellung, effektive Verwaltung und reger Handel schufen die materiellen Voraussetzungen für Herrschafts- und Staatsrepräsentation auf höchstem Niveau. Moschee- und Palastbauten zeugten ebenso wie die Arbeit von Philosophen, Wissenschaftlern, Dichtern und Geschichtsschreibern von Reichtum, Macht und kultureller Verfeinerung. Schon unter Abd Ar-Rahmans II. Nachfolger Hischam II. gingen die afrikanischen Besitzungen wieder verloren. Gleichzeitig intensivierten sich die Konflikte mit den christlichen Herrschaften Nordspaniens. Vom Ausgang der Regierungszeit Hischams II. bis zur Vertreibung des letzten Omajjadenkalifen Hischam III. im Jahre 1031 rieb sich die Monarchie in Dynastiekämpfen auf. Ein starker Widerstand erwuchs den Omajjaden angesichts ihrer Versuche, die Herrschaft zu monopolisieren, besonders aus den Reihen des arabischen Adels. Dieser trat in die Herrschaft der Kleinstaaten ein, die sich mit dem Auseinanderbrechen des Kalifats von Córdoba bildeten. Unter diesen sich befehdenden Taifa (Teil-)Königreichen erlangten die mächtigeren wie Sevilla und Granada überregionale Bedeutung. Trotz der politischen Schwächung setzte sich jedoch die Blüte einer hohen islamischen Kultur fort.

Kirche, Papsttum, Schisma und Inquisition

Papsttum und römische Kirche gerieten nach dem Zerfall des fränkischen Reiches, mit dessen Hilfe sie sich von Ostrom gelöst und der Bedrohung durch die Langobarden entzogen hatten, unter den Einfluss des stadtrömischen Adels und der langobardischen Herrscher. Die Ottonen, denen zur Festigung ihrer Herrschaft an einer funktionsfähigen Leitung der Gesamtkirche gelegen war, unterstützten die päpstlichen Bemühungen um ein eigenes Territorium und trugen dazu bei, den universalen Anspruch des römischen Bischofs wieder zur Geltung zu bringen. Die Realisierung dieses Anspruchs erfolgte nicht ausschließlich durch politische Mittel. Erst die in Burgund und Lothringen einsetzende Reform des Klosterwesens, der bald eine Erneuerung des kanonikalen und eremitischen Lebens folgte, schuf das Bewusstsein von der Notwendigkeit der Libertas ecclesiae, der Freiheit von weltlicher Bevormundung und der Lösung aus der weitgehenden Beanspruchung durch staatliche Aufgaben. Die ersten salischen Herrscher verhalfen den Vertretern der Libertas ecclesiae zur Durchsetzung ihrer Ziele, wodurch das Recht des römisch-deutschen Kaisertums auf Mitgestaltung von Kirche und Welt wesentlich beschränkt wurde. Das Ende des Investiturstreits bedeutete nicht das Ende des Kampfes um die rechte Zuordnung von geistlicher und weltlicher Gewalt.

Gestützt auf Theologie, Kanonistik und neue Orden, im Bündnis mit italienischen Stadtstaaten und europäischen Herrschern, gelang es dem Papst, mit den Staufern das Kaisertum als zweite Universalmacht zeitweise auszuschalten und auf Dauer entscheidend zu schwächen. Dies erwies sich jedoch als ein Pyrhrhussieg: Durch den letztlich negativen Ausgang der Kreuzzüge, zunehmende Häresie, wachsende Kirchenkritik sowie fortschreitende Rationalisierung und Säkularisierung des Lebens in seinem Ansehen geschwächt, wurde der Papst 1309 von seinem Bundesgenossen, dem König von Frankreich, in eine Abhängigkeit gebracht, die größer war als je zuvor die vom Kaiser.

Der universale Anspruch des Papsttums litt auch unter dem Schisma von 1054 zwischen der römischkatholischen und der griechisch-orthodoxen Kirche, das die Christenheit der Welt in zwei große Lager spaltete. Zwar wurden seitens der katholischen Kirche Versuche unternommen, die Einheit der Kirche wiederherzustellen, doch die Unionen von 1274 (Zweites Konzil von Lyon) und 1439 (Konzil von Basel und in Florenz) scheiterten, weil sich Kirchen- und Unionsbegriff widersprachen: Dem theologisch begründeten Primat und der Uniformität von Ritus und Disziplin im Westen stand die Idee eigenständiger Patriarchenrechte und des Konzils als höchster Instanz im Osten gegenüber. Union hieß für Rom Unterwerfung unter die päpstliche Autorität mit Angleichungen in Ritus und Disziplin, was ein Konzil nur bestätigen konnte, für den Osten dagegen Verhandlungen zweier gleichberechtigter Kirchen mit Entscheidung auf einem Konzil. Wichtigste inhaltliche Streitpunkte waren Filioque (Streit über das göttliche oder menschliche Wesen Jesu Christi), Azymen (liturgischer Streit über die Verwendung ungesäuerten Brotes), Fegefeuer, Priesterehe, Ritenpluralismus und eigene Hierarchien, insbesondere aber die Primatsfrage.

Mit der Union waren stets politische Fragen verbunden, so etwa die byzantinische Westpolitik, die Frage der Kreuzzüge, das Lateinisches Kaiserreich oder normannisch-angevinische Eroberungspläne. Rom und Byzanz verfolgten entgegengesetzte Ziele; die Alternative lautete seit Papst Innozenz III. (1198–1216): die Union als Voraussetzung (Rom) oder Folge (Konstantinopel) von Konzil und Kreuzzug bzw. Verzicht auf Kreuzzug. Zur größten Annäherung kam es ab Mitte des 13. Jahrhunderts unter den Päpsten Innozenz IV. und Gregor X., der den Osten selber kannte. Die Union von 1274 war jedoch eine Kapitulation der Ostkirche aus Rücksicht auf die politische Not des Byzantinischen Reiches; in Florenz wurde 1439 die Primatsfrage durch eine mehrdeutige Formel überspielt.

Beide Unionen blieben Entscheidungen der Reichs- und Kirchenspitze; im Osten wurden sie vom Volk, unter Einfluss des aktiven Mönchtums und unter dem Eindruck der zwangsweisen Unterwerfung und Angleichung der griechischen Kirche nach 1204 als Folge des Vierten Kreuzzugs (1202–1204) abgelehnt. Das Kreuzfahrerheer des Vierten Kreuzzugs hatte sich in den byzantinischen Thronfolgestreit eingemischt und 1204 schließlich Konstantinopel erobert und geplündert sowie zahlreiche Kunstschätze und Wertgegenstände geraubt. In der Folge errichteten die Kreuzfahrer im Kerngebiet des Byzantinischen Reiches lateinische Staaten, allen voran das Lateinische Kaiserreich von Konstantinopel (1204–1261). Die Byzantiner selbst wurden in »Exilreiche« in Epeiros, Trapezunt und Nikaia abgedrängt. Dem Byzantinischen Kaiserreich von Nikaia gelang 1261 die Rückeroberung Konstantinopels. Dennoch konnte sich das Byzantinische Reich nie wieder erholen.

Ab dem 11. Jahrhundert wurde Häresie und Ketzertum ein immer größeres Problem für die katholische Kirche. Die richterliche Verfolgung der Häresie durch ein von der Kirche eingesetzte Glaubensgericht und ihre Bestrafung durch die weltliche Gewalt hatte ihre Wurzeln in der von Kaiser Konstantin I. hergestellten Verbindung von Staat und Kirche. Sie wurde durch das römische Kaiserrecht und die in das Kirchenrecht aufgenommene Anschauung des Kirchenvaters Augustinus, wonach Ketzer mit Gewalt in die Kirche zurückgeführt werden können, legitimiert. Die seit Beginn des 11. Jahrhunderts vermehrt auftretenden Ketzer wurden zunächst in spontanen Aktionen, dann durch Fürsten mit strengen Strafen bekämpft. Erst schrittweise wurde die Aufspürung, Verurteilung und Auslieferung an die weltliche Gewalt bis hin zur Ketzergesetzgebung Kaiser Friedrichs II. (1231/32) und der Dekretalensammlung Papst Gregors IX. (1234) als gemeinsame Aufgabe von Kirche und »weltlichem Arm« geregelt. Die seither vornehmlich von den Bettelorden durchgeführte und unter Papst Innozenz IV. 1252 durch die Einführung der Folter verschärfte, die Verteidigung des Angeklagten stark einschränkende Inquisition gegen Ketzer, kam in Deutschland, Frankreich und Italien seit der Mitte des 14. Jahrhunderts weitgehend zum Erliegen und konnte sich in England und Skandinavien nicht durchsetzen. Wiederholt zur Durchsetzung politischer Ziele eingesetzt (Albigenserkriege, Vernichtung der Templer), wurde sie seit dem 15. Jahrhundert in Erweiterung des Häresiebegriffs in den seit 1350 zunehmenden Hexenprozessen eingesetzt. In Spanien erreichte sie seit 1478 unter Leitung eines vom König bestätigten Großinquisitors bei der Verfolgung zwangsgetaufter Juden (Marranos) und Mauren (Moriscos) sowie Protestanten ihren grausamen Höhepunkt. Die im 16. Jahrhundert zur Bekämpfung der Reformation in Rom eingesetzte römische und weltweite Inquisition des Sanctum Offi cium erhielt bald weiter reichende Aufgaben. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Inquisition in Portugal (1821), in Spanien (1834), in Italien (1859) und zuletzt auch im Kirchenstaat (1870) abgeschafft.

Italien bis 1300

Die seit dem Tod Ludwigs II. im Jahre 875 andauernden anarchischen Zustände schufen in Italien ein Machtvakuum, das endlich jene Macht zum Eingreifen herausforderte, die aus dem verfallenen karolingischen Großreich als die mächtigste hervorgegangen war: das Königtum der Ottonen. Sie übernahmen, auf Einladung lokaler Kräfte, die Königsherrschaft südlich der Alpen und beanspruchten, in der Nachfolge Karls des Großen, das Kaisertum. Das regnum Italiae, d. h. das ehemalige Langobardenreich im fränkischen Imperium, wurde »Reichsitalien«, blieb aber im Imperium der »deutschen« Kaiser, anders als im fränkischen, eine klar umschriebene Einheit. Auch im regnum Italiae stützten sich die Ottonen zunehmend auf die Bischöfe, seit Heinrich II. (1002–1024) oft Deutsche. Neue Territorialmächte stiegen auf, zunächst in königlichem Dienst, wie der Markgraf von Turin und der Markgraf von Canossa. Seit dem 11. Jahrhundert stiegen die Grafen von Savoyen von den Alpen in die westliche Poebene hinab. Das durch die Kaiserkrönung wieder auflebende Zweikaiserproblem führte zur Konfrontation mit Byzanz und seiner gerade damals aktiven Italienpolitik.

Nach seiner Krönung zum König von Sizilien im Jahre 1198 und zum Römischen König 1212 war Friedrich II. der »starke Mann« Italiens. Bald ging er daran, Unteritalien nach seinen Vorstellungen neu zu ordnen. Die Reorganisation des unteritalienischen Reiches – kodifiziert in den Konstitutionen von Melfi 1231 – schuf einen zentralistisch und bürokratisch organisierten Staat ohne feudale oder kommunale Autonomien – insofern verschiedentlich (aber allzu verkürzt) als »erster moderner Staat« unter »aufgeklärtem Absolutismus« bezeichnet. Die normannischen Ansätze weiterführend, sorgte die Monarchie, gestützt auf besoldete Beamte und geschulte Juristen und zu rücksichtslosem Durchgreifen neigend, für rigorose Rechtsprechung, straffe Staatsfinanz und Einordnung der Kirche in den Staat. Es entstand eine eigene staatliche Wirtschaftspolitik mit Monopolen, zentraler Rechnungsprüfung und eigener Goldprägung. Die Staatsuniversität Neapel wurde gegründet. Aufständische Araber siedelte man nach Unteritalien um (Militärkolonie Lucere, seit 1223) und gewann sie dort durch Duldung für sich. Das Land wurde durch Stauferkastelle militärisch gesichert.

Nach dem Untergang der Staufer mit der Enthauptung Konradins im Jahre 1268 in Neapel veränderte sich das Machtgefüge in Italien radikal: Im Königreich Sizilien gelangte Karl von Anjou zur Herrschaft und das Papsttum war der Ansprüche des Kaisertums zunächst ledig. Im oberitalienischen Reichsitalien wurden die beiden grundsätzlichen Parteiungen ghibellinisch (staufisch, nach Waiblingen) und guelfisch (welfisch) bedeutungslos. Als Parteinamen bezeichnete »guelfisch« nun das Bündnis Florenz/Papst/Anjou, das den Status quo erhalten wollte, »ghibellinisch« die autonomen Kommunen, die sich gegen die feudalen Kräfte wandten. Hinter diesen ideologischen Etiketten verbargen sich jedoch oftmals nur traditionelle Feindschaften zwischen einzelnen Städten und individuelle Machtinteressen einzelner Großer.

Karl von Anjou musste sein Engagement jedoch ab 1282 auf Sizilien konzentrieren, wo mit der Sizilianischen Vesper ein Aufstand gegen die französische Fremdherrschaft ausbrach. In dessen Folge konnte Peter von Aragon als der legitime Nachfolger des Staufers Manfred die Insel Sizilien für sich gewinnen, sodass seit der Krönung des Aragonesen Friedrich II. im Jahre 1296 zwei sizilianische Königreiche existierten. Das Papsttum geriet durch die Selbstüberschätzung Bonifaz’ VIII., die zu seiner Festsetzung in Agnani durch den französischen König Philipp den Schönen im Jahr 1303 führte, unter französischen Einfluss. In der Folge siedelte die Kurie im Jahre 1309 nach Avignon über, was den auseinanderstrebenden Kräften im Kirchenstaat Handlungsspielräume eröffnete.

Zu den unübersichtlichen politischen Gegensätzen gesellten sich noch die Spannungen innerhalb der einzelnen Stadtkommunen. Den Mächtigen der Kommune tritt der zunehmend organisierte Popolo gegenüber, in dem sich die Stadtbewohner selbst organisieren. Allerdings blieb die eigentliche Unterschicht auch vom Popolo ausgeschlossen. Dadurch wuchsen Spannungen zwischen Gesamtgemeinde und Popolo, die sich in ständigen Kämpfen entluden. In dieser Situation sollten Signores, »starke Männer«, die Kommunalverfassungen stabilisieren, agierten aber schnell als Exponenten unverhüllten Parteiregiments. Der Aufstieg zum Stadtherrn führte meist über ein hohes städtisches Amt mit bald lebenslanger Amtsdauer und Ausnahmevollmachten. Der Signore, selbst meist feudaler Herkunft, erzwang den inneren Frieden um den Preis der städtischen Autonomie. Dabei blieb der äußere Anschein kommunaler Verfassung (mit plebiszitären Zügen) oft gewahrt. Die Signorie war in Oberitalien gegen 1300 die Regel und wurde zur Wiege für die Entstehung vieler italienischer Fürstengeschlechter der Renaissance.

Polen im Hochmittelalter

Im 9. Jahrhundert gelang es der Fürstendynastie der Piasten, die verschiedenen polnischen Stammesterritorien zusammenzufassen. Die Taufe des Herzogs Mieszko I. band Polen in die Gemeinschaft der christlichen Reiche Europas ein. Sein Sohn Bołesław I. Chrobry richtete zusammen mit Kaiser Otto III. Gnesen als das erste polnische Erzbistum ein. Damit war Polen von nichtpolnischen Missionsbistümern wie Magdeburg unabhängig, und die Voraussetzung für eine eigene polnische Staatlichkeit innerhalb Europas war geschaffen. Allerdings scheiterte die Einrichtung einer dauerhaften Königsherrschaft am Widerstand des römisch-deutschen Reiches, dessen Herrscher die Oberhoheit über Polen für sich beanspruchten und im Konfliktfall auch militärisch durchsetzten. Im Jahr 1136 erfolgte die Bestätigung der polnischen Kirchenprovinz durch Papst Innozenz II. mit den Suffraganbistümern Krakau, Breslau, Plock, Wloclawek und Lebus. Mit dem Tod Bołesławs III. und der Erbregelung des Jahres 1138 zerfiel Polen in piastische Territorialherrschaften (die Fürstentümer Schlesien, Masowien mit Kujawien, Grosspolen, und östliches Kleinpolen mit Sandomir). Der älteste Piast sollte jeweils Krakau, das westliche Kleinpolen, die Länder Sieradz und Lentschütz sowie die Oberhoheit über Pommern erhalten. Die Regelung erwies sich jedoch als Fehlschlag, und es sollte für über 150 Jahre nicht mehr gelingen, die miteinander rivalisierenden Fürstentümer zu vereinigen. Die Idee der staatlichen Einheit blieb jedoch trotz der Zersplitterung in gewisser Weise durch den Bedeutungszuwachs des Adels und des Episkopats gewahrt. Gegen die heidnischen Prußen rief Konrad von Masowien 1225 den Deutschen Orden ins Land und machte ihm territoriale Zugeständnisse. Der Landesausbau erfolgte in den einzelnen Fürstentümern nicht zuletzt durch die Ansiedlung vorwiegend deutscher Bauern, Handwerker und Fachleute, die auf diese Weise Einrichtungen und Normen des westlichen Europas mitbrachten. Mit der vernichtenden Niederlage gegen die Mongolen im Jahre 1241 bei Liegnitz geriet Schlesien durch den Tod seines Herzogs Heinrich II. in eine Krise und zersplitterte zunehmend. Erst Władysław Łokietek gelang mit seiner Krönung in Krakau im Jahre 1320 die Wiederherstellung der polnischen Zentralgewalt. Allerdings konnte er nicht verhindern, dass König Johann von Böhmen die schlesischen Herzogtümer für die Krone Böhmens gewann. Als letzter Piastenherrscher auf dem Thron verschaffte sein Sohn Kasimir III. Polen eine geachtete Stellung innerhalb des europäischen Staatensystems und legte die Grundlagen für die Großmachtstellung des Jagiellonenreichs.

Der Balkan und Russland im Hochmittelalter

Bis ins 10. Jahrhundert hinein ist wenig über die Geschichte Kroatiens bekannt. Mit der von Rom und Byzanz aus betriebenen Christianisierung entwickelte sich die Stammesorganisation der Trpimeriden zu einer feudalen Herrschaftsorganisation. Zu deren ethnischen Merkmalen und den Siedlungsgrenzen liegen nur wenige Quellen vor. An der balkanischen Mittelmeerküste, in Dalmatien, vereinte der jeweils aus Byzanz entsandte Stratege bis 971 die militärische und zivile Gewalt in seiner Person. Im 10. und 11. Jahrhundert wurden die Bindungen zwischen den dalmatinischen Städten und Kroatien immer enger. Bedeutend war die kirchliche Integration der dalmatinischen Städte und der Herrschaftsbildungen im Hinterland nach den Beschlüssen der Synoden von Spalato (Split) 925 und 928. Ein dichtes Netz von Klöstern bildete sich im 11. Jahrhundert aus. Seit dem Jahr 1000 versuchte Venedig einzelne Städte für kurze Zeit durch Treueversprechen an sich zu binden.

Das Kiewer Reich entstand im 9. Jahrhundert aus der Verbindung ansässiger ostslawischer Stämme mit den von Skandinavien her einwandernden Warägern. Nach einer Blüte und großen territorialen Ausdehnung im 10. Jahrhundert kam es ab der Mitte des 11. Jahrhunderts wegen der komplizierten Erbfolge zur Zersplitterung und somit zum schleichenden Verfall der Kiewer Zentralgewalt. In der zweiten Hälfte des 12 Jahrhunderts kam es nach der Einnahme und Plünderung Kiews zum völligen Verfall des Kiewer Reiches und zum Zerfall in Teilfürstentümer, die untereinander und mit den Steppenvölkern der Region in ständigem Streit lebten. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurden die Teilfürstentümer auch offiziell souverän, doch zeigte sich bald, dass sie nicht stark genug waren, die ständigen Angriffe der Mongolen dauerhaft abzuwehren. Die erste verheerende Niederlage 1223 blieb noch ohne politische Konsequenzen, doch ab 1236 waren die Mongolen nicht mehr aufzuhalten – bis 1243 unterwarfen sie das gesamte ehemalige Kiewer Reich und richteten hier ihr Khanat der Goldenen Horde ein.

Das Byzantinische Reich bis zum 12. Jahrhundert

Gegen Ende des 11. Jahrhunderts geriet das Byzantinische Reich unter starken Druck durch die vordringenden Seldschuken. Die Seldschuken waren eine türkische Stammeskonföderation, die im 10. Jahrhundert den sunnitischen Islam angenommen hatte, der durch Händler und Wanderprediger vermittelt worden war. Sie stießen als erste bedeutende türkische Wanderungsbewegung 1025 nach Westen über den Oxus ins Kalifenreich vor. Dabei verdrängten sie 1040 die ebenfalls sunnitischen Ghaznaviden aus deren iranischen Reichsteilen, die sie erst um die Jahrtausendwende erobert hatten. Bis 1092 gelang den Seldschuken-Sultanen Togril Beg (1039–1063), Alp Arslan (1063–1072) und Malikschah (1072–1092) die Etablierung eines Großseldschukischen Reiches in Iran und Irak. Die Seldschuken bewunderten die iranische Kultur, der sie sich anglichen und die sie großzügig förderten. Das Persische wurde Hofsprache und erlebte eine neue Blüte als Sprache der Dichtung und Epik, aber auch der didaktischen Prosa. Damit gewann das Persische endgültig eine dem Arabischen ebenbürtige Bedeutung innerhalb der islamischen Welt. In der Schlacht von Mantzikert besiegten die Seldschuken 1071 das byzantinische Heer unter Kaiser Romanos IV., worauf die oströmische Verteidigung in Kleinasien zusammenbrach. Die Nachfahren von Alp Arslan begründeten in der Region das rum-seldschukische Sultanat. In Konstantinopel kam mit Alexios I. 1081 die Dynastie der Komnenen auf den Kaiserthron. Trotz der enormen Gebietsverluste in Kleinasien gelang es ihm, das Reich zu stabilisieren. Auf dem Balkan, wo Ungarn an Macht gewann, gelang ihm 1085 die Abwehr einer normannischen Invasion unter Robert Guiscard mit der Hilfe Venedigs. Auch im westlichen Kleinasien konnte er der byzantinischen Herrschaft wieder Geltung verschaffen. Das innere Anatolien blieb jedoch unter seldschukischer Kontrolle. Eine Belagerung Konstantinopels durch Seldschuken und Petschenegen im Jahr 1091 blieb erfolglos. Schon 1095 hatte Alexios I. eine Bitte um Hilfe an Papst Urban II. (1088–1099) gesandt, der auf der Synode von Clermont im gleichen Jahr zum Kreuzzug aufrief. Das Kreuzzugsheer, das sich daraufhin zusammenfand, war keine Söldnertruppe, die für die byzantinischen Interessen kämpfen wollte, sondern verfolgte eigene Ziele. Über die Eroberung und Auslieferung Antiochias kam es im Jahr 1098 zum Bruch mit Alexios I., der jedoch im großen Ganzen die Probleme, die aus den Kreuzzügen für ihn und sein Reich erwuchsen, meisterte.

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