Forscher rekonstruieren Ursprünge der Justinianischen Pest

Vor rund 1.500 Jahren traf die Justinianische Pest weite Teile Europas, Asiens und Afrikas – und gilt als erste „globale“ Pandemie der Geschichte. Eine neue Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beleuchtet nun ihre möglichen Ursprünge und Ausbreitungswege neu. Sie zeigt, wie eng klimatische Veränderungen und Handelsrouten schon damals miteinander verwoben waren und liefert Einblicke in die Frühgeschichte weltumspannender Seuchen.

Karte der ersten Pestpandemie (541-750 n. Chr.) mit roten Linien, die Handelsrouten zeigen, und schwarzen Totenkopf-Symbolen an Ausbruchsorten.
© Johannes Preiser-Kapeller/ÖAW

Im Jahr 536 verdunkelte ein geheimnisvoller Staubschleier monatelang den Himmel. Die Menschen jener Zeit sahen darin ein düsteres Omen. Kurz darauf brach in Ägypten eine Krankheit aus, die innerhalb weniger Jahre den gesamten Mittelmeerraum heimsuchen sollte: die Justinianische Pest – eine der verheerendsten Seuchen der Geschichte.

Zwar gelang es Forschenden in den vergangenen 15 Jahren, die DNA des Erregers in den Skeletten von Opfern in Mittel- und Westeuropa nachzuweisen. Doch bis heute bleibt ungeklärt, von wo genau die Seuche ihren Ursprung nahm und wie sie nach Ägypten und weiter nach Europa, Westasien und Nordafrika gelangte.

Ursprünge der Justinianischen Pest rekonstruiert

Ein internationales Forschungsteam aus den USA, Europa und China hat unter der Koordination des Historikers Johannes Preiser-Kapeller vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die erste Pandemie neu untersucht. Erstmals werteten die Forschenden, darunter der Numismatiker Nikolaus Schindel vom Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW, sämtliche bekannten historischen Quellen vom Mittelmeerraum bis nach Ostasien systematisch aus – und kombinierten sie mit neuesten archäogenetischen Analysen und klimahistorischen Daten. Die Ergebnisse dieser interdisziplinären Arbeit sind im Rahmen einer Sammlung von Studien zu diesem Thema nun in der Nature-Fachzeitschrift Human Ecology erschienen.

„Heute wissen wir, dass ein gewaltiger Vulkanausbruch – zusammen mit einer weiteren Eruption im Jahr 540 und einer Minderung der Sonnenaktivität – den Beginn einer deutlich kälteren und instabileren Klimaperiode markierte: der ‚Spätantiken Kleinen Eiszeit‘“, sagt ÖAW-Historiker Johannes Preiser-Kapeller. Diese klimatischen Veränderungen begünstigten das Überspringen von Krankheitserregern vom Tier auf den Menschen.

Instabiles Klima und globaler Handel begünstigten Pandemie

Dass die Erreger der Ersten Pestpandemie – ähnlich wie beim mittelalterlichen „Schwarzen Tod“ – aus Zentralasien stammen, wo das Bakterium Yersinia pestis bis heute unter Wildtieren vorkommt, wurde lange Zeit vermutet. Ein Fund antiker Pest-DNA aus der Zeit um 200 n. Chr. nahe des Tian Shan-Gebirges in Kirgisistan schien dies zu bestätigen. Die neue Analyse zeigt jedoch: Diese Variante ist genetisch weiter von den Erregern des 6. Jahrhunderts entfernt als ursprünglich gedacht.

Entweder gelangten Varianten der Erreger kurz vor dem ersten dokumentierten Ausbruch 541 in Ägypten über Handelsrouten aus Zentralasien nach Indien und von dort per Schiff ins Land am Nil – oder er wurde bereits Jahrhunderte zuvor nach Ostafrika eingeschleppt und entwickelte sich dort zu den später so verheerenden Stämmen. „Unsere Untersuchung zeigt, dass beide Wege aufgrund der historischen und ökologischen Bedingungen plausibel sind“, erklärt Johannes Preiser-Kapeller.

Globale Perspektive

Neu wurden für die Untersuchung auch chinesische Texte ausgewertet. Diese berichten im 5. und 6. Jahrhundert von Erkrankungen mit den für die Pest typischen Beulen – beschrieben als „üble Kerne unter der Haut“. Pandemien im Ausmaß der mediterranen Katastrophe seien dort jedoch nicht belegt, möglicherweise weil die ostasiatischen Stämme weniger leicht von Mensch zu Mensch übertragbar waren.

Künftige DNA-Funde könnten entscheidend sein, um den genauen Ursprung und die Ausbreitungswege der Justinianischen Pest zu klären. „Die Ergebnisse sind ein solider Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen – und zeigen, wie komplex und global verflochten Pandemien schon in der Antike waren“, so Preiser-Kapeller.

Meldung ÖAW

Originalpublikation:

J. Preiser-Kapeller, W. A. McGrath, R. Pfister, Sh. Gong, M. Keller, T. P. Newfield, U. Schamiloglu, U. Büntgen, M. A. Spyrou, B. Averbuch, F. Chen, N. Schindel, H. Xie, E. Xoplaki, The Circulation of Yersinia pestis in Central Eurasia before and during the First Plague Pandemic (Second to Eighth Century CE): Palaeogenetic and Historical Evidence and Sociopolitical, Ecological, and Climatic Factors. Human Ecology 2025
DOI: 10.1007/s10745-025-00617-6

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