Der Begriff „Kantillation“ leitet sich vom lateinischen cantillare („singend vortragen“) ab. Gemeint ist die feierliche musikalische Gestaltung liturgischer Texte wie etwa Schriftlesungen oder bestimmte Gebete. Kantillation ist kein eigentlicher Gesang, sondern eine stilisierte Form des Sprechens, die den natürlichen Sprachrhythmus und die Betonung eines Textes aufgreift. Durch einfache melodische Formeln werden Aussage, Aufbau und Feierlichkeit des Wortes hervorgehoben.
Die Wurzeln der Kantillation liegen in der jüdischen und frühchristlichen Liturgie. Entstanden ist sie auch aus der Notwendigkeit heraus, dass es keine technischen Hilfsmittel gab und die melodische Rezitation dazu beitrug, das gesprochene Wort besser verständlich und einprägsam zu machen. Interessanterweise weist die rhythmisch-musikalische Sprachgestaltung der Kantillation gewisse Parallelen zu modernen Formen des Sprechgesangs wie Rap bzw. Hip-Hop auf, auch wenn Ziel und Charakter völlig unterschiedlich sind.
Innerkirchlich wird die Kantillation unterschiedlich beurteilt. Manche empfinden sie als unzeitgemäß oder künstlich; tatsächlich kann ein routinemäßiger, unprofessioneller Vortrag monoton wirken und die Verständlichkeit beeinträchtigen. Zugleich besitzt die Kantillation besondere Stärken, die auch im 21. Jahrhundert nicht von der Hand zu weisen sind: Sie hebt liturgische Texte aus der Alltagssprache heraus und unterstreicht ihren besonderen Charakter. Voraussetzung dafür ist ein sprachlich und musikalisch überzeugender Vortrag, bei dem die melodische Form dem Inhalt des Textes dient.
Manuel Uder, Trier