Christologie der GegenwartDie Urexplosion des Glaubens

1974 erschien das Werk „Jesus der Christus“ des damaligen jungen Tübinger Dogmatikers Walter Kasper. Es markierte, wie auf andere Weise das Jesusbuch von Edward Schillebeeckx, den nachkonziliaren Neuansatz in der katholischen Christologie durch die Rezeption der historisch-kritischen Methode und durch eine veränderte Dogmenhermeneutik. Über ein halbes Jahrhundert später zieht Kasper, inzwischen 93 Jahre alt und emeritierter Kurienkardinal, so etwas wie eine christologische Bilanz, im Gespräch mit dem in Wien Dogmatik lehrenden Jan-Heiner Tück. Dieser konfrontiert den theologischen Nestor in seinen so kompetent wie vornehm formulierten Fragen vor allem mit der kulturellen und religiösen Gegenwart, etwa in Form des Religionspluralismus und des postmodernen Denkens; die Antworten des Kardinals belegen durchweg dessen souveräne Kenntnis der christologischen Lehrentwicklung von Paulus bis zu neueren Entwürfen in der katholischen wie reformatorischen Theologie.

Die Kapitel des Bandes folgen nach Ausführungen zum irdischen Wirken Jesu den Stationen des Glaubensbekenntnisses: Tod, Höllenabstieg, Auferstehung, Himmelfahrt, Parusie. Abgerundet wird das Ganze durch Überlegungen zur „klassischen“ Christologie der altkirchlichen Konzilien, zum Verhältnis von Spiritualität und Theologie im Blick auf die Christologie sowie einen Ausblick unter der Überschrift „Unterwegs zu einer Christologie im dritten Jahrtausend“. Von Anfang bis zum Schluss bezieht Walter Kasper eine klare Grundposition, indem er sich zu einer letztlich unverzichtbaren „Christologie von oben“ bekennt: Man könne das Evangelium vom gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus als die „nicht mehr hintergehbare christologische Urexplosion bezeichnen“.

Auf dieser Grundlage skizziert er anregende Perspektiven zu den verschiedenen Aussagen des Credo, mit der angemessenen hermeneutischen Zurückhaltung. Das Buch bietet insgesamt keine leichte Kost, ist im besten Sinn Beispiel für eine Theologie alter Schule, die selbstbewusst im Horizont der Gegenwart argumentiert, dabei allerdings auch an Grenzen gerät. Ulrich Ruh

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Jan-Heiner Tück, Walter Kasper

Verlag Herder, Freiburg 2026, 280 S., 28,00 € (D)