Die Kathedrale des Kiewer Höhlenklosters ist Mitte Juni bei einem russischen Drohnenangriff auf die Stadt schwer beschädigt worden. Das Dach der Mariä-Entschlafens-Kathedrale ist nach Angaben des zuständigen Nationalreservats zu über 80 Prozent zerstört worden. Die Feuerwehr habe aber eine Ausbreitung des Brandes auf das Innere der Kirche verhindern können. Neben der Hauptkirche sind noch 18 weitere Gebäude des Komplexes betroffen. Die Reparaturarbeiten dürften ersten Einschätzungen zufolge mindestens zwei Jahre dauern und umgerechnet vermutlich rund 10 Millionen Euro kosten.
Das Höhlenkloster, das am Westufer des Dnipro südlich des heutigen Kiewer Stadtzentrums auf einem Hügel liegt, wurde 1051 gegründet. Es gilt als eines der wichtigsten Zentren des orthodoxen Christentums und als Wiege des Christentums in der Ukraine. Seit 1990 gehört die Anlage zum UNESCO-Welterbe.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von „einem der schwerwiegendsten Verbrechen Russlands gegen die christliche Kultur bisher“. Ähnlich äußerte sich auch Metropolit Epiphanius, Oberhaupt der eigenständigen Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU). Bundesaußenminister Johann Wadepuhl bezeichnete den Angriff als „neuen Tiefpunkt in Russlands Versuchen, die ukrainische Kultur zu zerstören“. Thomas Schwartz, Leiter des Osteuropa-Hilfswerkes Renovabis, sieht in dem Angriff eine tiefere Dimension: „Die Ukraine, ihr reiches Erbe, ihre eigenständige Identität und alles, was dieses leidgeprüfte Volk, seine Geschichte und seine Zukunft ausmacht, sollen ausradiert werden.“
Auch die UNESCO verurteilte den Angriff, ohne Russland beim Namen zu nennen. Es gelte etwa die „Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten“ (1954), das älteste völkerrechtlich bindende Abkommen zum Schutz von Kulturgut, die auch von der Ukraine und Russland ratifiziert worden sei, teilte die Deutsche UNESCO-Kommission mit. Unterdessen wies das russische Verteidigungsministerium die Schuld von sich. Eine amerikanische Abwehrrakete habe die Kirche getroffen.
Seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine vor vier Jahren sind immer wieder religiöse Stätten beschädigt oder zerstört worden. Die ukrainische NGO „Arbeitskreis für die wissenschaftliche Untersuchung von Religionen“ zählte bis Februar 2026 insgesamt 742 solcher Bauwerke, darunter die Sophienkathedrale in Kiew, die ebenfalls auf der Welterbeliste steht. Gemeinsam mit dem Höhlenkloster stufte die UNESCO 2023 das Gebäude aufgrund des Krieges als gefährdet ein.
Das Höhlenkloster ist in der Vergangenheit zum Schauplatz politischer Auseinandersetzungen geworden. Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK) hatte dort ihren Sitz. Zwar spaltete sich die Kirche von Russland ab, doch das reichte der ukrainischen Regierung nicht. Sie kündigte den Pachtvertrag und beschloss die Räumung der Gebäude. Die UOK steht in Konkurrenz zur Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU), die von der Regierung unterstützt wird. 2024 beschloss das Parlament, religiöse Organisationen zu verbieten, die mit der russisch-orthodoxen Kirche verbunden sein sollen.