BuchbesprechungBuch mit sieben Siegeln?

Rainer Metzner nimmt Wörter und Wendungen aus der Bibel in den Blick, die bis heute unsere Sprache bereichern.

Wann ist Ihnen zuletzt etwas wie Schuppen von den Augen gefallen? Ihren Ursprung hat diese international verbreitete Redensart, die verdeutlicht, dass einem plötzlich etwas klar wurde, in der Bibel. Genauer gesagt in der Apostelgeschichte. Hier wird die Wunderheilung des von Jesus mit Blindheit geschlagenen Saulus mit den Worten beschrieben: „Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen und er sah wieder; er stand auf und ließ sich taufen“ (9,18). Zahlreiche Wörter und Redewendungen biblischer Herkunft sind bis heute in unserem Wortschatz zu finden. „Viele von ihnen sind in die Umgangssprache übergegangen, weil sie kurz, geschliffen, anschaulich, griffig, einprägsam sind“, schreibt der evangelische Pfarrer und Privatdozent an der Humboldt-Universität Berlin, Rainer Metzner, in seinem Buch Mit Feuereifer und Engelszungen.

Es ist ein kurzweiliges Kompendium, das sich mit Wörtern und Wendungen befasst, „die sich aus den textlichen Zusammenhängen der einzelnen biblischen Bücher gelöst haben und in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind“. Sich dieser biblischen Sprache zu bedienen, ist jedoch nicht zwingend an Religiosität gebunden: Bei der Wettervorhersage fürchten wir uns vor „sintflutartigem“ Regen, in Familie oder Freundeskreis vor sprichwörtlichen Hiobsbotschaften. Es gibt Situationen im Leben, da ist etwas so sicher, wie das „Amen“ in der Kirche. Das hebräische Wort steht für gewiss, wahrlich oder „Ja, so ist es“.

Vielen Begriffen ist die Herkunft aus der hebräischen Bibel und den Evangelien nicht mehr ohne weiteres anzumerken, wie dem Denkzettel, den Gewissensbissen oder der Friedenstaube. Tierisch geht es mitunter auch zu, wenn etwas unmöglich zu sein scheint und das berühmte „Kamel durch ein Nadelöhr geht“. Das gewagte Sprachbild lässt sich in drei der vier Evangelien finden (vgl. Mk 10,25, Mt 19,24, Lk 18,25).

Im Schnitt verwenden wir hundert Redewendungen, Redensarten oder geflügelte Worte am Tag. Etwa wenn wir etwa „ausposaunen“ (Mt 6,2), ein Auge auf eine andere Person werfen (vgl. Gen 39,7) oder jemandes „Fußstapfen folgen“ (1 Petr 2,21). Die Reformation war besonders produktiv, denn Martin Luther trug nicht nur entschieden dazu bei, die deutsche Schriftsprache zu verbreiten, sondern hat auch einige Begriffe für seine Übersetzung neu geprägt. Darunter „wetterwendisch“, „Herzenslust“ oder der im Buchtitel erwähnte „Feuereifer“. Für seine poetische und zugleich eingängige Sprache spitzte Luther seine Ohren und lauschte den Gesprächen in den Gassen, auf Märkten und beim Handwerk, denn die Bibel sollte so klingen wie das Leben selbst.

Metzners Buch ist keines „mit sieben Siegeln“ (Offb 51,1–5), und den Leserinnen und Lesern muss bei der Lektüre weder „Angst und bange“ (1 Makk 13,2) werden, noch werden ihnen die „Haare zu Berge stehen“ (Ijob 4,15). Schließlich hat der Autor die zahlreichen Begriffe auf „Herz und Nieren“ (Ps 7,10) geprüft. Entstanden ist ein Lexikon im handlichen Taschenbuch-Format mit 284 Artikeln. Nüchtern und doch erhellend erklärt Metzner die Ursprünge, sodass durchaus bei der Lektüre das eine oder andere Licht aufgeht – eine Formulierung, die wiederum auf die Psalmen zurückzuführen ist: „Ein Licht erstrahlt den Gerechten, und Freude den Menschen mit redlichem Herzen“ (97,11). Ob daher Metzners Band in das Bücherregal von gelegentlichen und regelmäßigen Bibellesern passt oder zu Ideen für den nächsten Scrabble-Abend inspiriert? Natürlich – oder biblisch ausgedrückt: Amen.

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Metzner, Rainer

C.H. Beck Verlag, München 2026 221 Seiten, 16 €