Beim Korrigieren der Religionsklausuren stößt Christian Heidrich auf eine Irritation: Ist das Christentum wirklich so harmlos, wie es seine Schülerinnen und Schüler darstellen? Über Glaubensprozesse, die Mut verlangen.
Das Christentum verlange nicht viel, davon sind meine Schülerinnen und Schüler zumeist überzeugt. Anders als das Judentum mit den zahlreichen Weisungen der Tora, der Islam mit seinen „Fünf Pflichten“ oder auch der Hinduismus, der durch das zyklische Denken einen langen Weg zur Erlösung andeutet, stehe in unserem Glauben die Güte Gottes und die Auferstehung von den Toten im Zentrum. Dabei dürfen wir auf den verzeihenden Gott vertrauen. Kurz: Nach dem irdischen Leben – der Himmel!
Das ist richtig, denke ich jedes Mal, wenn ich auf solche Äußerungen in den Klassenarbeiten stoße – und bin gleichzeitig irritiert. Ist der christliche Glaube tatsächlich so lammfromm? Konfrontiert er uns nicht mit einer Reihe von durchaus kernigen Forderungen? Dabei habe ich die gewundene Geschichte des theologischen Denkens im Sinn; die unzähligen Kontroversen den Glauben und die Sitten betreffend. Da gab es heftige, nicht selten auch handfeste Auseinandersetzungen über das Bekenntnis zu Christus, über Glauben und Handeln, über die Notwendigkeit von Kirche und Sakrament. All das scheint – wohl nicht nur im Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler – verblasst, sich auf eine Wohlfühl-Botschaft zu verknappen. Ich bin irritiert, ja, und möchte jedes Mal an den Rand der Schüler-Blätter schreiben, dass man das Anspruchsvolle unseres Glaubens nicht unterschätzen möge. Ich lasse es zumeist und nehme mir vor, in den nächsten Stunden die Konturen des Jesus-Weges zu schärfen.
Das Christentum ist einfach und herausfordernd zugleich. Die beliebtesten Stücke der Evangelien sprechen vom hilfsbereiten Samariter, von der Bekehrung des Zöllners Zachäus oder von der Sünderin aus Jerusalem, der Jesus mit einem geistesgegenwärtigen Wort das Leben rettet. Doch wer genauer hinschaut, der erblickt Dramatisches; der sieht einen Außenseiter, der anders als die übrigen Passanten dem Überfallenen mutig zur Seite steht; der blickt auf einen Verachteten, der von seinem bisherigen Tun abrücken möchte; der hört das Wort Jesu: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ (Joh 8,11).
Das alles sind Prozesse, die Mut, Einsicht und Bewährung erfordern. Da geschieht nichts „einfach so“, da muss man einen anderen Weg einschlagen und unterwegs beharrlich bleiben. Wie himmlisch, wie menschlich!
Und auch die geniale Formel des Paulus, die den Glauben, die Liebe und die Hoffnung ins Zentrum rückt (vgl. 1 Kor 13,13), ist keine Formel des Wohlfühlens und Habens, vielmehr der Disziplin und des Seins. Denn es ist anspruchsvoll, in der Hektik des alltäglichen Lebens den Glauben zu bewahren. Das gilt auch für die Liebe, die von der Langmut und von dem gütigen Blick lebt; für die Hoffnung, die die eigenen Fähigkeiten wie ihre Grenzen auszubalancieren hat. Anspruchsvoll also sind die christlichen Tugenden, ein Weg und ein Marathon, kein Sprint.
Lassen sich daraus „Vorschriften“ und „Pflichten“ ableiten? Einfach ist auch das nicht. Denn die unzähligen Konstellationen des Alltags verlangen von uns ein Bedenken und ein Abwägen. Sie ergeben keine Rezepte, die man getrost memorieren und als „verpflichtend“ auferlegen kann. Sicher ist: Das Christentum ist nicht harmlos. Und so verweist die Irritation auf eine Aufgabe. Nicht nur im Religionsunterricht.