Jesus stellt sich in die Tradition der Propheten (Mt 9,9–13)Echte Barmherzigkeit

Warum Jesu Botschaft grundsätzlich kultkritisch ist.

Gleich zweimal, sowohl im Evangelium dieses Sonntags als auch in der Episode vom Ährenraufen am Sabbat (vgl. Mt 12,1–8), bezieht sich Jesus im Matthäusevangelium auf das prophetische Wort aus Hosea 6,6: „An Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.“ Er reagiert damit auf den Vorwurf der Pharisäer, er und die Menschen in seiner Nachfolge hielten sich nicht an die religiösen Vorschriften. Der Umgang mit unreinen Zöllnern und Sündern und das Ährensammeln am Sabbat verstießen demnach gegen Reinheitsgebote und gegen die vorgeschriebene Sabbatruhe.

Immer wieder wurden diese beiden Szenen in der christlichen Auslegungsgeschichte dazu benutzt, Jesus in Kontrast zum Judentum seiner Zeit zu setzen. Vor dem Hintergrund eines vermeintlich gesetzesverhafteten Judentums erschienen Jesus als Verkünder der Menschlichkeit und das Christentum als Religion der Liebe. Dabei war gerade Matthäus daran gelegen, das Handeln Jesu in die innerjüdische Diskussion um die Auslegung der Tora einzuordnen. Für den Evangelisten besteht kein Zweifel daran, dass sich Jesus von Nazareth mit seiner Botschaft innerhalb des breiten Spektrums jüdischer Gesetzesobservanz bewegte.

So beginnt eines der wichtigsten ethischen Traktate des antiken Judentums, die Pirke Avot („Sprüche der Väter“), mit der grundlegenden Aussage: „Auf drei Dingen steht die Welt – auf der Tora, auf dem Gottesdienst und auf den Taten der Barmherzigkeit“. Schon in der prophetischen Tradition war klar, dass Religion stets Gefahr läuft, die Rolle des Kults überzubetonen. Die Warnung, die daraus folgt, ist ebenso eindeutig: Kult ohne tätige Nächstenliebe erstarrt zu einer leeren Hülle.

In dieser Spur bewegte sich offensichtlich auch Jesus von Nazareth. Die Evangelien bewahren die historische Erinnerung an einen Jesus, der nicht nur den offiziellen Tempelbetrieb in Frage stellte, sondern in seiner Verkündigung das Kultische zu Gunsten der praktizierten Nächstenliebe zurückdrängte. Seine besondere Vorliebe für Personengruppen, die als „unrein“ eingestuft wurden, brachte ihm die Zuschreibung „Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder“ ein (Mt 11,19) – mit einem Augenzwinkern der „älteste christologische Hoheitstitel“.

Das Hosea-Zitat und die jeweiligen Kontexte, in denen es im Matthäusevangelium zur Anwendung kommt, rücken noch eine weitere Erkenntnis von aktueller Bedeutung in den Blick: Es wäre zu kurz gegriffen, würde man die Werke der Liebe und Barmherzigkeit allein auf das persönliche ethische Verhalten beziehen. Wenn von „Barmherzigkeit“ die Rede ist, klingt sowohl im prophetischen Kontext als auch in den Evangelien immer der Begriff der „Gerechtigkeit“ mit an. Nächstenliebe meint eben nicht nur eine individuelle Handlungsanweisung, sondern umfasst immer auch das Eintreten für lebensfördernde Strukturen. Die biblische Barmherzigkeit unterscheidet sich insofern grundsätzlich von einer „Charity-Haltung“, in der man Suppe an Arme ausschenkt, aber nicht danach fragt, warum die Armen arm sind.

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