Das Ende der Chancengleichheit? Europas Wirtschaft sagt »Nein!«
Wirtschaft und Gesellschaft brauchen Diversity – Vielfalt, Teilhabe und Chancengleichheit. Sie stärkt Fairness, Innovation und Produktivität. Seit ihrem Amtsantritt aber attackiert die US-Regierung gezielt die Diversity-Förderung in der Arbeitswelt und nimmt dabei vor allem die queere Community ins Visier. Damit greift sie nicht nur Eckpfeiler friedlichen demokratischen Miteinanders an, sondern ebenfalls die Basis für wirtschaftlichen Erfolg.
Der Ökonom, LGBTQ+-Forscher und Autor Jens Schadendorf analysiert in seinem neuen Buch die Anti-Diversity- und Anti-Queer-Entwicklungen in den USA und ihre auch für uns einschneidenden Folgen. Zugleich macht er Mut: Mit anschaulichen Beispielen zeigt er, wie vor allem europäische Unternehmen und Nonprofitorganisationen – auch Stiftungen und Vereine – bereits entschlossen und kreativ reagieren. Sieben Anregungen verdeutlichen abschließend, wie Vielfalt als ökonomischer und sozialer Erfolgsfaktor gesichert und weiterentwickelt werden kann.
Jens Schadendorf im Interview
Herr Schadendorf, in Ihrer Arbeit konzentrieren Sie sich darauf, die Entwicklungen rund um LGBTQ+-Inklusion in Wirtschaft und Gesellschaft besser zu verstehen und sie insgesamt voranzubringen. Warum?
Jens Schadendorf: Unternehmen spielen eine bedeutende Rolle bei der Förderung von LGBTQ+-Inklusion. Arbeitsplätze sind ja nicht nur wirtschaftliche Institutionen, sondern auch soziale Räume. In ihnen werden Werte und Normen geprägt, Chancen ermöglicht und insofern wichtige Zukunfts- und Lebensfragen verhandelt – für den Unternehmenserfolg relevante, gesellschaftliche und individuelle. Ein Beispiel: Über die Auswahl ihrer Führungskräfte und Mitarbeitenden, über ihre Firmenrichtlinien und -kulturen bestimmen Unternehmen maßgeblich mit, wer Zugang zu Einkommen, Sicherheit und beruflicher Entwicklung bekommt – und wer nicht.
Der vollständige Titel Ihres neuen Buches lautet „Der bedrohte Regenbogen Wie Unternehmen und Gesellschaft Vielfalt schützen können und von ihr profitieren”. Warum haben Sie es geschrieben?
Schadendorf: Ich beschäftige mich seit fast fünfzehn Jahren mit dem Zusammenwirken von queerer Community und Wirtschaft. Die meiste Zeit gab es dazu in vielen Teilen der Welt überwiegend Positives zu berichten. Nun aber bläst der Förderung klug gemanagter Vielfalt, Teilhabe und Chancengleichheit ein scharfer Wind entgegen. Ökonomisch, politisch und ethisch betrachtet ist das eine gefährliche Entwicklung. Ihr wollte ich etwas entgegenzusetzen.
Worum geht es in dem Buch?
Schadendorf: Forschung und Praxis haben längst gezeigt: Moderne Unternehmen und und Gesellschaften brauchen Diversity – also Vielfalt, Teilhabe und Chancengleichheit. Sie stärkt nicht nur Fairness und ist menschenrechtlich geboten. Sie stärkt auch Innovation, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.
Seit ihrem Amtsantritt aber attackiert die US-Regierung gezielt die Diversity-Förderung in der Arbeitswelt und nimmt dabei besonders die queere Community ins Visier. Damit greift sie nicht nur Eckpfeiler demokratischen Miteinanders an, sondern auch die Basis für wirtschaftlichen Erfolg. In meinem Buch analysiere ich zunächst kompakt die diese Entwicklung antreibenden Akteure, Narrative und Dynamiken. Dabei wird klar: Bis auf Weiteres haben wir zu akzeptieren, dass die USA vom Anführer in Sachen Diversity und queerer Inklusion zum machtvollen Bremser geworden sind.
Gegenwind gibt es allerdings auch hier, in Europa – etwa durch stärker werdende rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien, mehr Hasssprache im Netz, Gewalt gegen queere Menschen, Angriffe auf Pride-Paraden und anderes.
Schadendorf: Natürlich. Trotzdem ist es zugleich ermutigend, was in Europas Unternehmenswelt geschieht. Nicht überall, aber insgesamt doch deutlich – jedenfalls wenn man genau hinschaut. Davon handelt der weitaus größte Teil des Buches.
Beispiele finden sich vor allem im westlich geprägten Europa, aber auch in Mittel-Osteuropa, etwa, für manche überraschend, in Polen. Ihre Hintergründe beleuchte ich, ihre Geschichten erzähle ich. Etwa zu Unternehmen wie Audi, Beiersdorf, BNP Paribas, Deutsche Bank, Henkel, Ikea, ING, MSD, Otto, PwC, Sandoz oder Raiffeisenbank International.
Auch zivilgesellschaftliche Organisationen an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und LGBTQ+-Community spielen dabei eine wichtige Rolle. Dazu gehören etwa die niederländische Workplace Pride Foundation, das Swiss LGBTI Label, die deutsche Stiftung Prout at Work, in Wien beheimatete Plattformen wie Pride Biz Austria und East Meets West oder das schnell wachsende European Pride Business Network.
Gemeinsam bilden all diese Akteure und andere – darunter auch staatliche – ein kraftvolles Ökosystem. Es ist zwar durchaus heterogen, prägt aber einen flexiblen, demokratischen Werten verpflichteten europäischen Ansatz der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und der LGBTQ+-Community. Dabei verbindet es auf Langfristigkeit ausgerichteten ökonomischen Pragmatismus mit gesellschaftlicher Verantwortung – und bringt auf diese Weise trotz eines schwieriger gewordenen Umfelds LGBTQ+-Inklusion weiterhin voran.
Also alles positiv?
Schadendorf: Ich bin nicht naiv. Klar ist wohl, dass die ökonomische Gesamtsituation bis auf Weiteres schwierig bleibt. Auch LGBTQ+-Inklusionsanstrengungen werden nicht leichter werden. Es ist daher klug, keine Wunder zu erwarten, und zugleich einige Konzepte rund um Vielfalt und LGBTQ+-Engagements neu zu denken und auch sonst kreativ zu sein. Die Beispiele im Buch zeigen, wie so etwas aussieht. Im Übrigen glaube ich, bestärkt durch die Arbeit an „Der bedrohte Regenbogen“, dass Liane Hirner, Finanz- und Risikovorständin der Vienna Insurance Group, Recht hat.
Inwiefern?
Schadendorf: In einem Interview, das sich in meinem Buch wiederfindet, sagte sie, wie ich finde, etwas sehr Treffendes: „Aktivitäten rund um Diversität und Inklusion – und als Teil von ihnen auch LGBTQ+-Engagements – sind gekommen, um zu bleiben. Jedenfalls im westlich geprägten Europa. Alles hat seine Zeit. Diversität und Inklusion gehören in diesem Teil des Kontinents zu unserer Zeit.”