Die besondere Chemie echter Freundschaft
Peter Lenz war jahrzehntelang Chefredakteur einer großen Tageszeitung: mächtig, meinungsstark, gefürchtet. Aber ein Shitstorm reichte, um sein Lebenswerk zum Einsturz zu bringen. Verbittert zieht er sich in ein Seniorenheim zurück und meidet jede Form von Nähe. Auch Toni hat das Vertrauen ins Leben verloren. Nähe bedeutet für ihn Stress – und Schmerz. In der Schule wird er gemobbt, im Alltag setzt ihm eine Zwangsstörung zu. Als Toni und Peter einander begegnen, prallen zwei instabile Teilchen aufeinander. Was folgt, ist keine Explosion, sondern etwas Unerwartetes: eine Freundschaft. Leise, widersprüchlich, heilend. Eine Verbindung, die beide verändert – und ihnen eine zweite Chance eröffnet.
Ein Roman über Außenseiter, die besondere Chemie echter Freundschaft und den Mut, für einen Moment die Hände vom Lenker zu nehmen und dem Leben zu vertrauen.
Wenn Gegensätze das Leben verändern - Nicole Grün im Gespräch über Freundschaft, Mut und zweite Chancen
Peter und Toni könnten kaum unterschiedlicher sein – was hat Sie daran interessiert, genau diese beiden zusammenzubringen?
Nicole Grün: Gleich und gleich gesellt sich zwar gern, aber spannend wird es erst, wenn Gegensätze aufeinanderprallen. Denn darin liegt nicht nur das größte Konflikt-, sondern zugleich das größte Entwicklungspotenzial – auch für Peter und Toni. Sich auf unterschiedliche Meinungen, Lebensrealitäten und den Anderen einzulassen, öffnet den Horizont, macht uns im besten Fall zu besseren Menschen – und liefert nebenbei Stoff für gute Geschichten.
Peter war einmal „mächtig" und ist gescheitert – was reizt Sie an Figuren, die einen Fall hinter sich haben?
Nicole Grün: Wenn alles immer nur super läuft, gibt es keinen Anlass, etwas zu ändern. Es sind die tiefen Täler, die uns näher zu uns bringen und uns zwingen, uns mit unangenehmen Wahrheiten auseinanderzusetzen. Scheitern wirft uns auf uns selbst zurück, lässt uns – hoffentlich – reifen und persönlich wachsen. Weil Peter ein harter Brocken ist, braucht er dafür allerdings Tonis Hilfe.
Toni hat das Vertrauen ins Leben verloren – woher kam diese Figur für Sie?
Nicole Grün: Als Mutter zweier Schulkinder sehe ich jeden Tag, mit wie vielen Herausforderungen Kinder zu kämpfen haben – seien es Gruppenzwang, Mobbing, Schulprobleme oder die grundlegende Frage: Bin ich in Ordnung so, wie ich bin? Dass die psychischen Belastungen für Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben, belegen zahlreiche Studien: Angststörungen und Depressionen sind auf dem Vormarsch. Toni fühlt sich als Außenseiter und kämpft mit Lernschwierigkeiten und einer Zwangsstörung – da kann man schon einmal das Vertrauen ins Leben verlieren. Er steht stellvertretend für die vielen Kinder, die es nicht leicht haben – und denen ich eine Stimme geben wollte.
Was macht für Sie eine „echte" Freundschaft aus – im Gegensatz zu einer, die nur aus Zweckmäßigkeit entsteht?
Nicole Grün: Wahre Freunde erkennt man daran, dass sie nicht nur dann für einen da sind, wenn alles gut läuft, sondern vor allem, wenn es hart auf hart kommt – so wie Peter, der über sich hinauswächst, als Toni in einer brenzligen Situation steckt. In einer echten Freundschaft kann ich vertrauen und muss mich außerdem nicht verstellen, um gemocht zu werden. Gleichzeitig darf ich offen ansprechen, wenn ich glaube, dass etwas falsch läuft – und kann sicher sein, dass mein Gegenüber genauso ehrlich zu mir ist. Die Grundlage von Freundschaft ist für mich echtes Interesse an dem Befinden und den Gedanken des anderen und nicht am Nutzen, den er einem bringen könnte.
Der Roman dreht sich auch um zweite Chancen – glauben Sie, dass es nie zu spät dafür ist?
Nicole Grün: Für zweite Chancen ist es nie zu spät – vorausgesetzt, man erkennt sie und nimmt sie an, auch wenn das großen Mut erfordert. Die Gehirnforschung zeigt, dass wir ein Leben lang lern- und entwicklungsfähig bleiben. Wir können uns immer verändern, wir können immer etwas dazulernen – wir müssen es nur wollen. Peter lernt im Roman mit fünfundsiebzig Jahren noch Kraulschwimmen und kochen. Vor allem aber nutzt er seine zweite Chance, um sich vom Miesepeter zu einem guten Freund, besseren Vater und insgesamt netteren Menschen zu wandeln.
Was würden Sie jemandem sagen, der Schwierigkeiten hat, Hilfe anzunehmen – wie Peter es zu Beginn hat?
Nicole Grün: Dass Hilfe anzunehmen viel schwieriger ist, als zu helfen. Aber es ist noch nie jemand daran gestorben – eher andersrum. Im Ernst: Die meisten Menschen helfen sehr gerne. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche. Niemand muss alles allein schaffen, zusammen geht vieles leichter. Auch für Toni ist das eine wichtige Erkenntnis.
Was würden Sie jemandem sagen, der sich gerade isoliert oder zurückgezogen fühlt?
Nicole Grün: Dass das kein Dauerzustand ist – das weiß ich aus eigener Erfahrung. Es mag sich zwar gerade so anfühlen, aber du bist nicht allein. Es geht vielen genauso wie dir. Außerdem ist man nie so allein, wie man sich fühlt – es gibt immer Menschen, die mit dir fühlen und dir helfen wollen. Oft muss man erst lernen, mit sich selbst gut auszukommen und sich so zu mögen, wie man ist. Dann fällt es meist auch leichter, Kontakte zu knüpfen und auf andere zuzugehen.