Die Zukunft beginnt mit dem ersten Schritt zu sich selbst
An ihrem 50. Geburtstag erkennt Lia, dass ihr bisheriges Leben vorbei ist: Die Kinder sind aus dem Haus, die Ehe zerbrochen, der berufliche Neustart gescheitert. Enttäuscht und entschlossen bucht sie einen Cluburlaub in Tunesien. Sonne, Strand, Meer – mehr nicht. Aber zwischen den Paaren und Familien fühlt sie sich allein und fehl am Platz. Beim Ausflug in eine verwinkelte Medina entdeckt sie plötzlich einen Hamam und betritt eine neue Welt. In den Händen einer geheimnisvollen Fremden, umgeben von Dampf, Wärme und vertraut lachenden Frauen, erlebt sie die heilende Kraft alter Rituale. Zum ersten Mal seit Langem fühlt sie sich gesehen, willkommen – und kann loslassen. Als eine Frau ihr ein Henna-Tattoo auf die Hand malt, verändert sich etwas. Die Welt begegnet ihr plötzlich mit Freundlichkeit und Respekt. Ist es Zufall oder trägt sie nun ein magisches Zeichen auf der Haut?
Ein inniger Roman über Abschied, Aufbruch und Magie, die entsteht, wenn man sich erlaubt, ganz man selbst zu sein.
„War das jetzt alles?“ – ein Gespräch mit Stefanie Gregg über Neuanfänge, Selbstfindung und die Kraft des Fremden
Lia steht kurz vor 50 und alles bricht weg, was bisher Halt gab – was hat Sie an diesem Lebensmoment besonders interessiert?
Stefanie Gregg: In diesem Lebensalter dreht sich für Frauen die Welt einmal komplett um. Die Kinder sind aus dem Haus, die jahrelange Versorgungsaufgabe fällt von einem Tag auf den anderen fort. Lange Partnerschaften knarren - oder zerbrechen. Berufliche Situationen, in denen man sich längst eingerichtet hat, werden im Alter eher enger, nicht weiter. Dann steht man vor dem Spiegel und fragt sich: Und was jetzt? War das jetzt alles? Was soll noch kommen? Wer bin ich eigentlich? Und wo will ich hin?
Warum Tunesien als Schauplatz – was macht diesen Ort für die Geschichte so besonders?
Stefanie Gregg: Als die Geschichte in mir reifte, war ich selbst in Tunesien. Um mich herum ein arabisches Leben, das mir fremd war, das mich in seiner bunten Sinnlichkeit anzog und auch in kulturellen Eigenheiten wie der Verschleierung nachdenklich machte. In einer tunesischen Stadt steht man zwischen laut knatternden Autos, Disco-Musik aus offenen Türen, Hidschab und Mokka. Das war für mich das Sinnbild meiner Protagonistin. Sie steht zwischen den Zeiten, als ob sie eine Welt von außen sieht, die schön, ungewohnt und nicht ganz zu fassen ist. Genau hier kann sie sich selbst neu sehen, sich neu hinterfragen und vielleicht auch neue Wege finden.
Die Frauen, die Lia in der Medina trifft, scheinen eine wichtige Rolle zu spielen – was können sie ihr geben, was sie zuhause nicht hatte?
Stefanie Gregg: Lia hat zuhause in Deutschland Freundinnen. Aber auch eine, die in einer Notsituation nicht zu ihr gestanden hat, was sie tief getroffen hat. In der arabischen Welt trifft sie auf andere Formen von Frauengemeinschaften als die europäischen. Frauen, die sehr innig beieinander sind und sich auch deutlicher als in der europäischen Welt als Frauen miteinander, eben ohne Männer, verstehen. Lia findet in diesem Moment hier eine Gemeinschaft, die ihr gut tut, die sie zu tragen scheint, in der sie sich fallen lassen kann. Lia erlebt diese Kultur und kann sie gleichzeitig nur von außen sehen, ohne tiefes Verständnis und immer mit ein wenig Staunen. Genau dies ermöglicht ihr, einen Schritt zurückzugehen von den eigenen Denkmustern und Verhaltensweisen. Es eröffnet ihr die Möglichkeit, sich selbst zu fragen, ob es auch für sie andere Lebensweisen, andere Lebensentscheidungen, andere Lebenswege geben könnte.
Gab es eine reale Begegnung oder Erfahrung, die diese Geschichte mit angestoßen hat?
Stefanie Gregg: Ich bin, tatsächlich auch irgendwie aus Versehen, in den Hamam eines tunesischen Städtchens geraten. Ohne irgendeine Ahnung, was dieser Hamam im Vergleich zu den Hotelvarianten, die ich kannte, bedeuten könnte. Als ich den Hamam betrat, war ich in einer anderen Welt. Wie Lia. Wie sie habe ich mich treiben lassen durch die warmen Luftschwaden, von freundlichen Frauen umlagern und mich begleiten lassen. Die Zeit genossen und bin versunken.
Was war beim Schreiben die größte Herausforderung an dieser Geschichte?
Stefanie Gregg: Die größte Herausforderung war, eine europäische Frau in eine arabische Kultur eintauchen zu lassen – ohne zu behaupten, dass sie diese Kultur versteht. Oder dass sie etwas davon übernimmt. Lia nimmt das Fremde wahr: das Verwundernde, das Bestaunbare, das Anziehende. Aber sie bleibt Außenstehende. Nicht weil sie die andere Kultur übernimmt, sondern weil sie sich selbst von außen sehen kann, sich selbst relativieren kann, löst sich etwas in ihr. Das so zu erzählen, war mir wichtig und war eine Herausforderung.
Welche Szene war Ihnen persönlich am wichtigsten?
Stefanie Gregg: Ojemine… Henri und die Orangen? Die Berberin? Der Tanz um den Pool? Die Beobachtung der Hummel? – Nein, ich weiß es nicht; der Leser, die Leserin, darf in jeder einzelnen Szene, ebenso wie ich, vollständig versinken.
Was würden Sie jemandem sagen, der kurz vor einem ähnlichen Umbruch steht wie Lia?
Stefanie Gregg: Gehe heute einen Weg, den du noch nie gegangen bist. Sieh eine Blume an, die du noch nicht angesehen hast. Beobachte ein Kind. Tanze.
Was unterscheidet diesen Roman von einem klassischen Ratgeber zum Thema Neuanfang?
Stefanie Gregg: Ratgeber wissen, wohin. Geschichten erzählen Fragen.