BuchbesprechungWenn Maschinen entscheiden

In einer Welt der Algorithmen erscheint menschliche Freiheit manchen suspekt. Ein aktuelles Buch zeigt auf, was dabei verloren geht.

Die Freiheit ist in die Defensive geraten. Schaut man sich die Sachbuch-Bestenlisten der letzten Jahre an, so wird man das Gefühl nicht los, die freiheitliche Gesellschaft habe zu einer Art Rolle rückwärts angesetzt: Da warnen Historiker, darunter der renommierte Yale-Gelehrte Timothy Snyder, vor der Rückkehr „sadopopulistischer Demagogen“, während politisch eher links stehende Intellektuelle wie der in Basel lehrende Sozialwissenschaftler Oliver Nachtwey oder die aktuell vom Feuilleton umlagerte Philosophin Eva von Redecker zugestehen, dass ihnen ein Überschuss an Freiheit gelegentlich auch Angst bereite. Sie warnen vor einer freiheitlichen Opulenz, die am Ende dazu führen könne, jene Autonomie zu unterhöhlen, die man eigentlich befördern möchte.

Wo immer man sich auf dieser intellektuellen Skala verortet, fest steht: Eine immer größer werdende Gruppe in der Gesellschaft ist in Freiheitsfragen von einem tiefen Unwohlsein erschüttert. Doch je mehr man von den aktuellen Büchern verschlingt, desto weniger will einem die Sache im Kern einleuchten. Denn wo genau liegt eigentlich der Ursprung dieser eigentümlichen Malaise? Das Problem: Die meisten Autoren suchen ihre Antworten vorschnell auf den Nachrichtenseiten der Tageszeitungen – beim Demagogen X oder beim Populisten Y. Doch glaubt man dem in Jena lehrenden Soziologen Hartmut Rosa, dann sind es wohl eher die sozialen wie medialen Unterströmungen, die dem modernen Zeitgenossen immer öfter das Gefühl vermitteln, er verstricke sich in Abhängigkeit und Fremdbestimmung. In seinem aktuellen Buch Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums fragt der Direktor des Max-Weber-Kollegs und Autor des gerade auch unter kirchlich gebundenen Menschen oft und gerne rezipierten Bestsellers Demokratie braucht Religion nach jener existenziellen Verstrickung, die uns immer mehr von unserer Wesentlichkeit zu entfremden droht.

Rosa findet sie in einer digitalen Spätmoderne, die die Freiheit, frei zu sein, nicht nur aus den Augen verloren, sondern geradewegs dem binären Rationalismus geopfert hat. Der Mensch unserer durchdigitalisierten Gegenwart nämlich habe sich „durch das Zusammenspiel technischer und administrativer Vorgaben entmachtet“, so sein bitteres Fazit. Und die tragischen Folgen einer solchen Suspendierung können nicht hoch genug eingeschätzt werden: „Die Persönlichkeit bleibt auf der Strecke.“ Ja, mehr noch: Das Individuum, schreibt Rosa in bester humanistischer Tradition, bekommt immer weniger das Gefühl, „einen Unterschied zu machen“. Der Autor findet unzählige Beispiele dafür, wie das Subjekt aktuell in der Vollzugslogik von Algorithmen zu verschwinden droht: Da ist etwa der Bundesligaschiedsrichter, dessen einstmals freie Entscheidungen nun immer öfter von technischen Analysetools übernommen werden; da ist der Hochschullehrer, der seine Prüfungen nicht mehr nach individuellen Maßstäben, sondern nach Kriterienkatalogen anlegen soll. „Die komplexe, holistische Leistung wird in ihre konstellativen Einzelteile zerlegt“, schreibt Rosa. Der Gewinn: Die Welt wird immer objektiver. Der Verlust: das frei handelnde Subjekt. So liest sich Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums letztlich wie ein scharfsinniger und soziologisch präzise durchargumentierter Beipackzettel zur Papst-Enzyklika Magnifica Humanitas. Denn auch Rosa hat hier einen wichtigen Appell zur Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz vorgelegt.

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Rosa, Hartmut

Suhrkamp, Berlin 2026 128 Seiten, 18 €