Herr Krause, was fasziniert Sie bis heute an der Verbindung von Mythologie, Geschichte und nationaler Identität?
Arnulf Krause: So wie sich Mythologie im Kern mit den Ursprüngen beschäftigt – von Kosmos, Natur, Mensch usw. – neigte Geschichte dazu (bzw. Geschichtsschreibung), die Vergangenheit zu mythisieren. Das Geschichtsbild entfernt sich damit vom realen historischen Geschehen. Dieser Prozess spielt bei der Begründung nationaler Identität eine große Rolle. Die Erkenntnisse darüber, wie solche Prozesse ablaufen und wie politische Systeme damit umgehen, faszinieren mich und motivieren mich zu Aufklärungsarbeit wie bei den Germanen als vermeintlichen Ahnen der Deutschen. Solche Nationalmythen können auch Gutes tun und das Selbstverständnis einer Gesellschaft bzw. Nation begründen und festigen. Positiv sehe ich das für die Französische Revolution und für die Schweiz mit dem Wilhelm-Tell-Mythos. Völlig negativ und perfide ist es in der Germanenaneignung in Deutschland im „Dritten Reich“ zu sehen oder aktuell auch darin, wie das russische Regime einen Gründungsmythos etabliert, der die nationale Identität der Ukraine schlichtweg negiert und das gegen die historischen Erkenntnisse und den Mehrheitswillen der ukrainischen Bevölkerung.
Warum wurden ausgerechnet germanische Geschichte und nordische Mythologie über Jahrhunderte so bedeutsam für das deutsche Selbstbild?
Arnulf Krause: Weil sie sich tatsächlich dafür anboten. Denn die germanischen Stämme siedelten zu Teilen im späteren Deutschland und die nordische Mythologie ist eine nordgermanische Mythologie, bildet also einen Teil der germanischen Kulturgeschichte. Außerdem verbinden die germanischen Sprachen Vergangenheit und Gegenwart, Skandinavien und den deutschen Sprachraum. Der Trugschluss liegt darin, von einer stabilen Kontinuität auszugehen. Die Deutschen haben eben nur zum Teil germanische Wurzeln, daneben auch keltische und slawische. Und dann fand in Mitteleuropa immer wieder Migration statt, etwa von französischen Hugenotten, Italienern und Polen. Die nordische Mythologie hat tatsächlich in Götternamen Gemeinsamkeiten mit dem Südgermanischen (dem späteren Deutschen), stellt aber eine ganz eigene Entwicklung dar. Von den heidnischen Vorstellungen im frühen Deutschland wissen wir hingegen sehr wenig. Arnulf Krause: Unbenommen haben die Deutschen viel mit den Germanen zu tun, was sich vor allem in der Sprachgeschichte und in Phasen der historischen Entwicklung zeigt. Es geht aber um den Grad der Aneignung einer historischen Kultur. Diese Aneignung war so groß, dass die Deutschen mit den historischen Germanen gleichgesetzt wurden.
Beobachten Sie aktuell eine neue Sehnsucht nach Herkunftsmythen und Identitätserzählungen?
Arnulf Krause: Die vielberufene Globalisierung, auch die Digitalisierung mögen Sehnsüchte dieser Art provozieren. Die Fragen nach den Urgründen insgesamt, wie sie z.B. auch in der Romantik gestellt wurden, faszinieren zweifelsohne viele Menschen. Eine Identitätserzählung ist per se nichts Schlechtes, wie bereits für die Französische Revolution angeführt. In Deutschland scheint mir die Gewichtung bedeutend. Hier dürfen wir uns an unserer Kultur erfreuen, etwa an unseren Kulturlandschaften und Kathedralen. Für unsere moderne Identität ist das aber zu wenig. Sie muss die jüngere Geschichte im Blick behalten, Verantwortung übernehmen und als identitätsbegründend das Grundgesetz und die freiheitlich-demokratische Grundordnung sehen. Ist natürlich langweiliger als eine Revolution, dafür ohne Blutvergießen und hoffentlich nachhaltiger.
Was macht vor allem das Nibelungenlied bis heute so wirkmächtig?
Arnulf Krause: Als Germanist möchte ich am liebsten sagen: weil es einfach eine tolle Geschichte ist mit allem, was dazu gehört: Liebe, Verrat, Mord, Treue usw. Deswegen kann es auch aktuell mit Spannung rezipiert werden. Und die Story ist nun wirklich für alle Medien geeignet. Das Nibelungenlied gehört einfach zu unserem nationalen Erbe. Seit der Romantik wurde es zu einem Nationalepos verklärt, später kam Richard Wagners Neumythos „Der Ring des Nibelungen“ hinzu. Die Story war also allseits präsent und auch der nazistische Missbrauch konnte ihrer Popularität nach 1945 nichts anhaben. Heute sieht man gottseidank darin nichts Urdeutsches oder Ausdruck eines deutschen Geistes. Man bedient sich des Nibelungenliedes als Kultur- und Unterhaltungsstoff – bis hin zur Fantasy. Und das trägt zur anhaltenden Popularität bei.
Welche historischen Missverständnisse über die Germanen begegnen Ihnen besonders häufig?
Arnulf Krause: Um mit dem Nibelungenlied anzufangen: Da überrascht es mich doch, wie in manchen Pressestimmen der Text mit der „DNA“ der Deutschen verbunden wird. Wahrscheinlich ohne ideologische Absicht, sondern nur zu salopp formuliert. Was die Germanen insgesamt betrifft, sehe ich heute nicht mehr die in meinem Buch beschriebene Vereinnahmung – von publizistischen und politischen Randerscheinungen abgesehen. Ich nehme in den Medien manchmal eine gewisse „Schludrigkeit“ wahr, auch Ausdruck übrigens mangelnder Recherche. Da wurde die Himmelsscheibe von Nebra schon Urgermanen zugesprochen (FALSCH), die Externsteine als germanische Heiligtümer bezeichnet (NICHT BELEGBAR) oder Loki und andere nordische Gottheiten dann doch wieder als alte germanische Götter gesehen (teilweise FALSCH). Schlimm steht´s um die Runen: Entweder werden sie esoterisch vereinnahmt oder nur als Ausdruck nazistischer Gesinnung gesehen oder Germanen als Alltagsschrift zugeschrieben. Dabei sollten wir sie als historische Schriftzeichen sehen und uns im Detail kundig machen. Bei solchen „Missverständnissen“ kann leicht der Eindruck einer Nähe zur völkischen Ideologie entstehen. Hier ist also Vorsicht geboten.
Sie sind Germanist und Skandinavist. Wie hilft Ihnen dieser doppelte Blick beim Schreiben eines solchen Buches?
Arnulf Krause: Als mediävistischer Skandinavist kenne ich natürlich die Textzeugnisse des Nordens und insbesondere Islands wie die Sagaliteratur und die Eddas, aber auch Runeninschriften sehr gut und kann ihren Missbrauch umso besser beurteilen. Bloß als Germanist hätte ich dieses Buch nicht als Fachmann schreiben können. Und als bloßer Skandinavist hätte mir doch der wissenschaftliche Zugang zum Nibelungenlied gefehlt. Die Perspektive erweitert sich also erheblich, der Blick fasst mehr der sehr weiten germanischen Kulturgeschichte und ihrer Rezeption.
Was war ihr Lieblingsfundstück bei der Recherche?
Arnulf Krause: Mit vielem war ich natürlich bestens vertraut. Aber bei meiner Recherche für das Buch bin ich in Berlin und in Potsdamer Schlössern auf so manches faszinierende Detail der Germanenrezeption gestoßen. Wer ahnt schon im Tiergarten germanische Spuren? Und wer weiß, dass wenige Schritte von der berühmten Nofretete im Neuen Museum die früheste Darstellung altnordischer Mythologie zu finden ist?
Was werden Leser nach der Lektüre mit anderen Augen sehen?
Arnulf Krause: Ich glaube, dass Leserinnen und Leser unsere nationale Identität klarer wahrnehmen können. Und dazu kommt eine Fülle von Details zu Germanen und deutscher Geschichte. Erschreckendes wie die Erkenntnis, wie Alfred Rosenberg die Germanen in seiner Nazi-Schrift „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ zum tragenden Element seiner Irrlehre machte; Erfreuliches, zu sehen, wie moderne Autoren sich der alten Themen annehmen und Mythologie zum Stoff der Populärkultur wird.