Ich lernte Hans-Jochen Vogel am Telefon kennen. Auf seiner Seite natürlich Festnetz. Ich stelle mir immer vor, dass es eines mit Wählscheibe war. Hans-Jochen Vogel war zu diesem Zeitpunkt schon hochbetagt. Ich kannte ihn natürlich, aber nur so, wie ich auch Helmut Schmidt oder Thomas Gottschalk kannte: aus Funk und Fernsehen meiner Kindheit und Jugend. Als ich zum ersten Mal wählen durfte, 1990, war Vogel noch Partei- und Fraktionsvorsitzender im Bundestag, aber öffentlich traten andere Sozialdemokraten stärker in den Vordergrund: ein Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine, der zwei Mal seine Person über das Wohl seiner Partei stellte; Björn Engholm, der 1991 den Parteivorsitz von Vogel übernahm – der freiwillig (!) nicht mehr antrat – und dann in einer Affäre scheiterte, die schon damals niemand wirklich verstand; Rudolf Scharping, der später wegen Badebildern als Verteidigungsminister zurücktreten musste – alles Dinge, die man sich bei Hans-Jochen Vogel noch nicht einmal vorstellen konnte. Vielleicht war mein Bild von ihm genau deshalb deutlich blasser. Fehltritte und Skandale bleiben im Gedächtnis offenbar besser hängen als Sachkunde und Bescheidenheit.
Der Anlass unseres Telefonats war ein Zeitungsartikel über Hans-Jochen Vogel, in dem er sich leidenschaftlich für eine große Bodenreform aussprach, ein Thema, das ihn seit seiner Zeit als Münchner Oberbürgermeister bewegte und ihn in seinen Jahren als Bundesbau- und Justizminister begleitet hatte. Mich beeindruckte tief, mit welchem Feuer ein über Neunzigjähriger für eine revolutionäre Veränderung der Besitzverhältnisse und eine bessere Zukunft stritt und sich für ein ureigenes Thema der Sozialdemokratie einsetzte: gute, bezahlbare Wohnungen für alle Menschen. Mein Herz hatte er nach der Lektüre dieses Artikels gewonnen. Was trieb ihn an, der doch einfach seine große Popularität in München hätte genießen können? Und ich dachte bei mir: Warum sehe ich dieses Feuer bei Jüngeren so selten? Ich glaube, Hans-Jochen Vogel hätte diese Frage nicht verstanden. Da gab es einen Missstand, der ihn ärgerte und den er für zutiefst ungerecht hielt. Natürlich musste er sich für dessen Behebung einsetzen. Entsprechend strenge Briefe schrieb er an amtierende Politikerinnen und Politiker aller Parteien. Einige diese Briefe habe ich gesehen und kann mir vorstellen, dass man sich vor seinen Anschreiben und Anrufen manchmal ein wenig gefürchtet hat.
Ich schrieb Vogel einen Brief, in dem ich ihn fragte, ob er seine Gedanken zu einer Bodenreform nicht in einem kleinen Buch zusammenfassen wolle. Er hatte zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Bücher bei Herder veröffentlicht. 2007 war die mit seinem Bruder Bernhard zusammen verfasste, autobiografisch gefärbte Geschichte der Bundesrepublik „Deutschland aus der Vogelperspektive“ erschienen – ein genialer Titel ihres damaligen Lektors Rudolf Walter, der beide auch bei einer Reihe anderer Projekte betreute. Einen Brief schrieb ich ihm deshalb, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, ihn einfach anzurufen. Einen Brief dagegen konnte ich mit „Sehr verehrter“ beginnen und mit „vorzüglicher Hochachtung“ enden lassen. Das schien mir angemessen. Hans-Jochen Vogel hatte sich auf unser Telefonat präzise vorbereitet mit einer Tagesordnung, die er vorab brieflich mit mir abstimmte – das war so auch bei allen folgenden Gesprächen.
Hans-Jochen Vogel war als Autor das, was ihn auch als Politiker auszeichnete: akribisch, sachorientiert, bestens im Thema, termintreu. Manchmal machte es ihm offenkundig Freude, mit den Klischees zu spielen, die man ihm wegen dieser leidenschaftlichen Sachorientierung zuschrieb. Etwa, indem er mit gespieltem Ernst darauf hinwies, dass er wieder alle Unterlagen zum Buchmanuskript nicht nur abgeheftet, sondern die Kapitel auch einzeln in Klarsichtfolien angeordnet habe. Er hörte zu und war guten Argumenten zugänglich, machte aber auch deutlich, wenn er etwas nicht wollte und wir uns eine Diskussion darüber sparen konnten – ein echter Profi. Ich habe ihn als einen ausgesprochen freundlichen Menschen erlebt. Was ihn auf die Palme brachte – das habe ich einmal erlebt –, war, wenn sich sein Gegenüber nicht in ähnlicher Weise gut vorbereitet hatte wie er. Hans-Jochen Vogel verstand einfach sein Handwerk und erwartete das auch von allen anderen.
Das letzte Mal gesehen habe ich Hans-Jochen Vogel im November 2019 bei der Vorstellung seines Buchs „Mehr Gerechtigkeit“ über eine neue Bodenordnung. Hunderte Menschen drängten sich im Münchner Café Luitpold, um ihren ehemaligen Oberbürgermeister noch einmal zu sehen. Als er den Raum verließ, wurde er mit stehendem Applaus verabschiedet. Der galt natürlich dem langjährigen Lenker der Stadt, die ihm viel zu verdanken hatte. Der Beifall war aber vor allem ein Dank dafür, dass Hans-Jochen Vogel auch bei seinem letzten Auftritt vollkommen dem entsprochen hatte, was man sich von einem guten Politiker wünscht: klar, uneitel, bestens informiert, das Gemeinwohl im Blick – leidenschaftlich und sachlich eben.