Was ist zu halten von einem Dokument, das vom „Sekretär für die doktrinäre Sektion“ unterschrieben ist? Das klingt zunächst einmal befremdlich, ist andererseits jedoch Teil der lateinisch geprägten Kommunikation der fast zwei Jahrtausende alten Institution Kirche und insofern nicht außergewöhnlich. Spannend ist indes der Inhalt dieses im vergangenen Oktober unter dem Titel „Lehrmäßige Note zu einigen marianischen Titeln, die sich auf das Mitwirken Marias am Heilswerk beziehen“ veröffentlichten Dokuments – und zwar nicht nur für aficionados der Marienverehrung, sondern auch für jene, die an der kulturwissenschaftlichen Bedeutung der Mariologie interessiert sind. Voller Sorge und mit päpstlicher Approbation schreibt der fürs Doktrinäre zuständige Sekretär, es gebe „einige mariologische Kreise, Veröffentlichungen, neue marianische Andachtsformen und Anfragen nach marianischen Dogmen, die nicht die gleichen Merkmale der Volksfrömmigkeit aufweisen“.
Dass die Mariologie außerhalb römischer Lehrschreiben auch, ja gerade für diejenigen von großem Interesse sein kann, die der christlichen Tradition und der Marienverehrung eher skeptisch gegenüberstehen, wird aus dem wenige Wochen nach dem päpstlichen Lehrschreiben veröffentlichten Buch Maria voll der Gnade. Geschichte und Gehalt eines Denkbildes des Heidelberger Romanisten Gerhard Poppenberg deutlich. „Was versucht die christlich konfigurierte Menschheit in der Figur Mariä zu denken“, fragt Poppenberg; statt sich, wie das päpstliche Lehrschreiben, um Abgrenzungen zu bemühen, skizziert er das „Denkbild Maria“ als „weibliche Seite der Gottheit und als vermittelndes Element zwischen Gott und der Schöpfung, ja als Figur seiner Anwesenheit in der Welt“.
Anders als der Theologe, dessen Referenz die Dogmatik ist, kann der Kulturwissenschaftler der Frage nachgehen, welche Bedeutung eine historische Wirklichkeit entfaltet hat – und dies keinesfalls in dekonstruktivistischer Weise, die sich nur am römischen Lehramt abarbeitet: Gerhard Poppenberg ist sich durchaus bewusst, dass eine unreflektierte Kulturkritik „zur Auflösung der Geschichte als Deutung der Ereignisse führen kann“, wie er in einem kurzen, aber sehr erhellenden Exkurs über die French Theory von Strukturalismus und Dekonstruktion darlegt: „Vom Gärungsprozess des relationalen Geistes aus Paris ist bei den Diadochen der durch ihn instruierten westlichen Welt zuletzt ein zäher ideologischer Trester zurückgeblieben.“ Vielmehr zeichnet Poppenberg sehr genau nach, wie das Bild der Immaculata entstand und wie sie zu einer Figur werden konnte, „in der die christliche Deutung der Geschichte als Heilsgeschichte Gestalt gewinnt“.
Aber gerade im Blick auf „Heilsgeschichte“ kollidiert dann die christliche Weltsicht mit der Skepsis der „Gebildeten unter den Verächtern der Religion“ (Friedrich Schleiermacher), an die sich das Buch offensichtlich richtet. Umso bemerkenswerter ist, was Poppenberg über die mit der Marienverehrung verbundenen Hoffnung schreibt: Diese beruhe darauf, „dass der Hoffende in gewisser Weise schon hat, was er erhofft, weil er den Keim des Erhofften in sich selbst hat“. Maria steht somit nicht in Konkurrenz zum Erlöser: Sie steht für „die Öffnung des Menschen auf das Göttliche, wie der Gottessohn die Öffnung des Göttlichen auf das Menschliche ist“. Wer in dem bürokratisch-regulierenden Tonfall des päpstlichen Lehrschreibens ein krasses Missverhältnis zu dem faszinierenden Ereignis der Menschwerdung durch das Wort sieht, für die Maria und die Marienverehrung ja letztlich stehen, der findet in Gerhard Poppenbergs Buch eine Untersuchung über die politische Dimension der Mariologie, und nicht zuletzt über den Zugang des modernen Individuums zu einem tief im Christentum verankerten Denkbild.