25 Jahre altkatholische Priesterinnen - Interview mit Angela Berlis„Ich war oft die erste Frau“

Vor 25 Jahren wurden die ersten beiden Priesterinnen der altkatholischen Kirche in Deutschland geweiht. Die Theologin Angela Berlis war eine von ihnen. Ein Gespräch über kirchliche Umbruchzeiten.

CHRIST IN DER GEGENWART: Frau Professorin Berlis, konnten Sie damit rechnen, einmal Pfarrerin zu werden, als Sie Ihr Theologiestudium begonnen haben?

Angela Berlis: Ich hatte mich 1981 ehrlich gesagt mit einem gewissen jugendlichen Leichtsinn für das Studium entschieden – und bin noch heute froh darüber. Ich wollte Pfarrerin werden, aber offiziell war das in meiner Kirche noch nicht möglich, als ich an die Uni ging. Bei meiner Entscheidung hat auch mein Pfarrer eine Rolle gespielt. Er hatte mich bestärkt. Es lagen Umbruch und Veränderung in der Luft. Zum Beispiel war gerade belegt worden, dass der Apostel Junias in Wahrheit eine Frau namens Junia war. Frauen hatten also Führungsrollen in der frühen Kirche.

Auf der Synode der deutschen Altkatholiken stimmten im Mai 1994 130 von 136 Stimmberechtigten für die Priesterweihe von Frauen. Das klingt, als wäre man sich sehr einig gewesen.

Ja, in den westeuropäischen Kirchen schon. Es gab auch Gegner der Entscheidung, etwa in der altkatholischen Kirche der USA. Auch in Polen war man zögerlich. Der gesamtgesellschaftliche und ökumenische Kontext spielt immer eine große Rolle. In Deutschland war ich damals die Einzige, die alle Voraussetzungen erfüllt hatte. Zu Pfingsten 1996 wurden Regina Pickel-Bossau und ich dann geweiht – am Fest des Heiligen Geistes, der Entstehung der Kirche. Ich war tatsächlich oft die erste Frau, auch schon in meinen Jahren als Diakonin. Da habe ich so meine Erfahrungen gemacht. Es gab immer wieder Aussagen, bei denen ich mir klarmachen musste: Da geht es jetzt nicht um mich persönlich. Die sind es nur nicht gewohnt, dass eine Frau den Gottesdienst leitet.

Welche Ähnlichkeiten zu den Debatten, die heute in der römisch-katholischen Kirche geführt werden, sehen Sie?

Heute ist der Kontext ein anderer als vor 30, 40 Jahren. Damals waren manche Argumente neu. Heute liegen sie schon sehr, sehr lange auf dem Tisch. Und der Wind weht heute nochmal schärfer, das sieht man an Bewegungen wie Maria 2.0, aber auch beim Synodalen Weg. Die Missbrauchsfrage wurde damals zum Beispiel nicht in der Öffentlichkeit diskutiert, obwohl manche natürlich davon wussten. Ich merke, dass die Geduld vieler aktiver Mitglieder der römisch-katholischen Kirche sehr strapaziert ist.

Als Kirchenhistorikerin wissen Sie, wie lang sich theologische Debatten hinziehen können. Wie realistisch ist es, dass es auf absehbare Zeit eine echte Veränderung in der römisch-katholischen Kirche gibt?

Ich würde mich natürlich freuen, wenn es in den allernächsten Jahren zumindest Diakoninnen gibt. Viele Gemeinden, etwa hier in der Schweiz, werden schon von Frauen geleitet, da würde sich nicht so viel ändern. Und vieles, was heute gefordert wird, ist gar nicht so neu. Die Frauenordinationsfrage ist immer nur die Spitze eines Eisbergs. Meistens geht es einfach um mehr strukturell verankerte Mitspracherechte für Laien. Rom hat allerdings eine gewisse Übung darin, die Ohren zu verschließen vor Menschen oder Gruppen, die „zu laut“ werden.

Manche wenden sich von ihrer Kirche ab und schließen sich den Altkatholiken an. In den letzten Jahren hat die Zahl der Übertritte zugenommen.

Die altkatholische Kirche ist schon lange ein „Auffangbecken“ für vormals römisch-katholische Gläubige. Wobei viele nicht direkt übertreten, sie ziehen sich erstmal zurück und schauen dann, welchen Weg sie weitergehen. Das ist auch richtig so. Kirchenzugehörigkeit ist etwas Wichtiges. Oft sind es gerade die Engagierten, die sehr enttäuscht sind und sich abwenden. Das ist natürlich ein Riesenverlust.

Ist der Prozess der Einbindung von Frauen in der altkatholischen Kirche nach 25 Jahren abgeschlossen?

Für Kirche gibt es immer ein Ziel am Horizont. Wir können uns nicht einfach sagen: Wir haben jetzt die Frauenordination und damit ist alles erledigt. Diese Entscheidung muss immer wieder verwirklicht werden. Frauen fallen immer noch auf. Weil sie natürlich ihre eigenen Charismen einbringen, ihre eigenen Gedanken, ihre eigenen Erfahrungen. Dass Frauen in der Kirche sichtbar werden, insbesondere im Amt, darf kein Bonus sein, den man gnädigerweise gewährt. Es gehört einfach dazu.

 

 

 

 

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