BuchbesprechungRosenkranz-Rehabilitation

In seinem neuen Buch über den Rosenkranz bietet Jan Frerichs einen neuen Blick auf diese alte Gebets- und Meditationspraxis.

Kürzlich stieß ich auf ein neuerschienenes Buch mit dem Titel Sieben Geheimnisse. Ein franziskanischer Rosenkranz von Jan Frerichs, dessen Bestseller Wilde Kirche ich bereits vor einiger Zeit verschlungen hatte. Ein Rosenkranzbuch? Mit gemischten Gefühlen nahm ich es in die Hand. Ich habe meine Kindheit und Jugend im Dunstkreis einer traditionalistischen Gruppierung verbracht, in der der tägliche Rosenkranz zum absoluten Pflichtprogramm gehörte. Viele hunderte Male habe ich ihn in meinen ersten vierzehn Lebensjahren – unfreiwillig – herunterbeten müssen. Überdies wurde diese alte spirituelle Praxis dort zum Vehikel für ein altertümliches, unterwürfiges Frauenbild instrumentalisiert. So ist es wohl nicht verwunderlich, dass ich später ein paar Jahre Abstand von allem Katholischen benötigte, um mein System etwas zu „entgiften“. Dann durfte ich die Kirche, ihre Symbole, ihre Liturgie und ihre Theologie noch einmal ganz neu und anders kennenlernen. Eines der wenigen katholischen Elemente, mit dem ich allerdings nach wie vor haderte, war und blieb der Rosenkranz: zu kontaminiert, ein zu problematisches Frauenbild, zu „frömmlerisch“… Aber gleichzeitig hegte ich in mir die Hoffnung, dass ich auch diese Gebetsform eines Tages wieder neu für mich entdecken würde – wie und wo auch immer.

Ich begann, in Sieben Geheimnisse zu blättern und schon im ersten Kapitel erfuhr ich, dass dem Autor der Rosenkranz lange zu fromm und zu sehr „von traditionalistisch eingestellten Katholiken ‚okkupiert‘“ erschien, er aber in seinen Vierzigern mittels der franziskanischen Variante eine ganz andere Seite daran erleben durfte – demokratischer, feministischer und inkarnatorischer. Ganz offenbar hatte ich die perfekte Lektüre für mich gefunden, kaufte das Buch umgehend und packte es mir bald darauf für eine längere Zugfahrt ein. Ich sollte nicht enttäuscht werden: Jan Frerichs nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine persönliche, facettenreiche und sehr inspirierende spirituelle Rosenkranz-Entdeckungsreise. Der Autor, der selbst für mehrere Jahre Franziskanerbruder war, heute zu deren dritten Orden gehört und die franziskanische Lebensschule barfuß & wild leitet, orientiert sich dabei primär an der franziskanischen Version, in der sich die Betenden in sieben Gesätzen Jesu Leben annähern:

1. Jesus, der mit uns nackt geboren wurde.

2. …der mit uns in dieser Welt gelebt hat.

3. …der mit uns gelitten hat.

4. …der mit uns am Kreuz gestorben ist.

5. …der mit uns im Grab gelegen hat.

6. …der mit uns auferstanden ist.

7. …der mit uns in den Himmel aufgefahren ist.

In dieser Variante des Rosenkranzes meditiert man den ganzen Weg Jesu, quasi das Evangelium in Kurzform. Man taucht – ganz im Sinne der inkarnatorischen Spiritualität des heiligen Franziskus – tief ein in das Geschehen der Menschwerdung Gottes und wird selbst eingeladen, Christus im eigenen Herzen einwohnen zu lassen.

Doch Frerichs zeigt noch weitere spannende Dimensionen des Rosenkranzes auf: Zum einen führt er den Leserinnen und Lesern vor Augen, dass dieses Gebet eben gerade keine Manifestation eines unterwürfigen Frauenbildes darstellt, sondern an die weibliche Seite Gottes sowie die zentrale, selbstbestimmte, ja „ungezähmte“ Rolle Marias in der Bibel und im Inkarnationsgeschehen erinnert. Somit bildet der Rosenkranz vielmehr einen „Stachel im Fleisch des Patriarchats“. Zum anderen spannt Frerichs den Bogen von der kreisförmigen Gebetskette zum indigenen Medizinrad, zum Rad des Lebens sowie zur Kosmologie der Hildegard von Bingen und deutet ihn so als Symbol eines kosmischen Christus. Auf diese Weise kann der Rosenkranz zu einem hilfreichen „Kompass für die Seele“ und „spirituellen Geländer“ – gerade in krisenhaften und turbulenten Zeiten – werden. Zudem erfährt man im Buch interessante Details über die jahrhundertealte Geschichte dieses traditionellen Gebets, von der mittelalterlichen „Paternoster-Schnur“ über das „rosen crenzlin“ bis hin zu jüngsten Neuerungen. Am Ende folgt noch eine hilfreiche konkrete Gebrauchsanweisung inklusive Interpretationen und alternativen Textstellen. Jan Frerichs ist mit Sieben Geheimnisse durch eine geschickte Mischung von informativen Texten, meditativen Gebeten, anschaulichen Bildern und praktischen Tipps ein wunderbarer und vielseitiger Gebetsbegleiter gelungen. Rosenkranz-Skeptikern kann er eine neue, entstaubte, entgiftete und befreite Perspektive auf dieses alte Gebet eröffnen und bereits zufriedenen Rosenkranz-Routiniers kann er eine tiefgründige und facettenreiche weitere Spielart bieten.

Die Lektüre von Sieben Geheimnisse ist jedenfalls so inspirierend, lehrreich und zugleich unterhaltsam, dass ich die 144 Seiten während einer Zugfahrt in einem Rutsch durchgelesen habe. Und jetzt raten Sie einmal, was ich in der mir noch verbliebenen halben Stunde im ICE getan habe? Richtig: mit Freude den fanziskanischen Rosenkranz (flüsternd) gebetet.

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Frerichs, Jan

Patmos Verlag, Ostfildern 2026 144 Seiten, 19 €