Noch bläst er! Während diese Zeilen geschrieben werden, sitzt Buckelwal Timmy noch immer vor der Insel Poel fest, gestrandet, unfähig sich zu befreien. Manchmal gibt er Töne von sich, rudert mit den Flossen oder stößt eine Fontäne Wasser aus. Es ist ein grausamer und langwieriger, aber kein einsamer Kampf – denn Timmy wird rund um die Uhr von Expertenteams beobachtet, von Booten umkreist, von Kameras gefilmt. Online-Medien bieten Live-Blogs an, in denen jede Bewegung, jede Veränderung des Wasserstandes dokumentiert wird. Auf Social Media gibt es eigens gedichtete Lieder zu Ehren des Wals, den manche Fans inzwischen auf Hope („Hoffnung“) umgetauft haben. Im ganzen Land, so scheint es, fiebern die Menschen mit, ob es gelingen wird, den großen Meeressäuger zurück in den weiten Ozean zu geleiten.
Dass die Hoffnung auf eine erfolgreiche Rettung in solchen Fällen relativ gering ist, war den herbeigerufenen Expertinnen und Experten von Anfang an klar. Aber wie sehr sie mit ihrer Arbeit plötzlich im Fokus der Öffentlichkeit stehen würden, konnte wohl keiner absehen. Als es nach mehreren Wochen noch nicht gelungen war, den Wal zu befreien, war die Geduld für viele Beobachter erschöpft. Ein an der Rettung beteiligtes Forschungsinstitut wurde mit negativen Google-Bewertungen bombardiert, bei den Mitarbeitern gingen Hassnachrichten bis hin zu Morddrohungen ein. Anonyme Anrufer wünschten den Wissenschaftlern, sie mögen „so leiden wie der Wal und bei lebendigem Leibe totgepickt werden“, wie der Spiegel berichtet. Woher kommen diese Emotionen? Das tiefe Mitleiden mit einem Buckelwal einerseits und der offene Hass auf das Rettungsteam andererseits?
Zunächst lässt sich feststellen: Ein gestrandeter Wal ist ein herrlich „greifbares“ Problem. Jeder Laie sieht auf einen Blick, dass dieses Tier da nicht hingehört und weiß auch sofort, wie eine erfolgreiche Rettung aussehen würde. Das ist ein Gegensatz zu so vielen anderen Problemen, denen wir uns als Gesellschaft ausgesetzt sehen. Klimawandel, ein Krieg in Europa, die Krise der Demokratie – all das sind „gestrandete Wale“, die uns deutlich spürbar auf der Psyche liegen, auch wenn sie im Alltag oft unsichtbar bleiben, sich nur gelegentlich in neuen Schreckensmeldungen in Erinnerung zurückrufen. Im Vergleich zu diesen Menschheitsproblemen erscheint ein tatsächlicher physischer Buckelwal wie eine kleine Aufgabe. Dass es trotzdem in wochenlanger Arbeit nicht gelingt, den Wal „einfach ins Meer zurückzuschieben“, kann Angst machen. Selbst die Probleme, die scheinbar lösbar sein müssten, sind komplizierter als gedacht. Wie sollen wir da erst die wirklichen Krisen unserer Zeit angehen? Und wer Angst hat, sich ohnmächtig fühlt, wird schnell aggressiv – auch gegen ein Forscherteam, das nur helfen will.
Vielleicht kann der Fall dieses Wals – unabhängig davon, wie er konkret ausgeht – ein Lehrstück sein, wie wir als Gesellschaft mit Problemen umgehen sollten, und wie eher nicht. Ein Stück Vertrauen in die Experten und etwas Geduld, wenn die ersten Strategien nicht direkt zum Ziel führen. Aufgestaute Energien konstruktiv nutzen, statt gegen jene zu schießen, die Lösungen anbieten. Ist das zu viel verlangt? Die Bibel, bekanntlich das größte Hoffnungsbuch der Welt, macht auch hier Mut. Menschen können sich ändern – und das schnell, wenn es sein muss. Während wir seit Wochen versuchen, einem Wal ins Meer zu helfen, braucht der Wal (beziehungsweise „große Fisch“) der Jona-Geschichte nur drei Tage und drei Nächte, um den Menschen wieder auf Kurs zu bringen.