BUCHBESPRECHUNG: Ehrenamt? Ehrensache!

Mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland engagiert sich ehrenamtlich. Ein neues Buch beleuchtet das Konzept. VON HEINRIKE PAULUS

Kaum eine Dokuserie hat mich in der letzten Zeit so beeindruckt wie In höchster Not. Die Folgen (zu finden in der ARD-Mediathek) gewähren Einblick in den Alltag von Bergrettern während der Rettungseinsätze. Rund 4500 Einsatzkräfte gibt es in Bayern. Sie sind in ihrer Freizeit aktiv – ehrenamtlich. Wenn Menschen entkräftet am Gipfel ankommen oder sich am Steilhang den Fuß brechen, dann rücken die Einsatzkräfte aus. Mitunter geraten sie dabei selbst in brenzliche Situationen, wenn sie etwa bei Starkregen in Steinschlag geraten. In Österreich und Deutschland wird bei Rettung, Feuerwehr und Katastrophenschutz ohnehin auf viel Freiwilligkeit gesetzt. „Infrastruktur in Menschengestalt“ nennt das Autorin Antonia Hilkenmeier in ihrem perspektivreichen Essay, in dem sie sich am Ehrenamt regelrecht abarbeitet.

Dabei betrachtet Hilkenmeier die ambivalenten und vielfältigen Dimensionen des Ehrenamts aus verschiedenen Blickwinkeln: Was motiviert Menschen, sich regelmäßig freiwillig zu engagieren? Was wird von ihnen erwartet? Wer profitiert von ihrem Engagement? Wie wird die Arbeit wertgeschätzt? Ist das Ehrenamt zukunftsfähig? Hoffentlich, denn inzwischen ist es vielerorts „zentraler Pfeiler des gesellschaftlichen Zusammenhalts“, wie die Autorin betont. „Es ermöglicht Begegnung, schafft Kompetenzen, bietet Sinn und eröffnet neue Perspektiven – sowohl für die Einzelnen, die sich engagieren, als auch für eine Gesellschaft, die davon profitiert.“ Manche Ehrenamtliche fühlen sich verpflichtet, manche füllen Lücken, die der Staat nicht abdeckt, bei anderen gleicht das Ehrenamt einem unbezahlten Nebenjob, der auch zum Knochenjob werden kann. Manchmal sind die Engagierten so gefordert, dass sie darauf achten müssen, dass nicht „zwischen Job, Familie und Ehrenamt irgendwann der eigene Akku leerläuft“. Und noch etwas gilt es zuzugeben: Kirchliches und religiöses Leben wären im deutschsprachigen Raum ohne Ehrenamt verloren. Jugend- und Ministrantengruppen, Telefonseelsorge oder die Organisation von wöchentlichen Seniorennachmittagen.

Die Autorin sprach mit vielen Ehrenamtlichen, las sich aber auch in Studien und Statistiken ein. Der Band hält nicht nur eine komplexe Situationsanalyse bereit, sondern animiert auch dazu, eine eigene, vielleicht selbstkritische und weniger romantisierende Haltung zu Hilfsbereitschaft und gesellschaftlichem Zusammenhalt einzunehmen. Engagierte lädt Hilkenmeier dazu ein, sich selbst zu hinterfragen: Wo kann der eigene Einsatz nützlich sein? Wo schadet er mitunter vielleicht auch? Und wo werden Ehrenamtliche vielleicht sogar „als kostengünstige Wunderlösung“ gesehen, die dem Staat Investitionen ersparen?

Als Tirolerin kennt die Autorin Ehrenämter aus ihrer eigenen Familie von Kindesbeinen an, ob Bergwacht, Kirchenchor oder Sportverein. Als junge Erwachsene ging sie selbst nach dem Schulabschluss im Rahmen eines internationalen Freiwilligendienstes nach Ghana. Rückblickend sieht sie diese Zeit des Volontariats heute zwiespältig und reflektiert umfangreich darüber: „Helfen muss sich an den realen Bedürfnissen der Menschen orientieren, nicht an den Vorstellungen und Wünschen von Freiwilligen oder den Entsendegesellschaften.“ Unbequeme Wahrheiten wie diese anzusprechen, bedeutet nicht, dass der ehrenamtliche Einsatz nicht wertgeschätzt wird. Doch dadurch werden Denkanstöße geliefert, mit denen Sinn und Zweck dieses in vielen gesellschaftlichen Bereichen so essenziellen und existenziellen Handelns für die Gemeinschaft hinterfragt werden. Auch um den individuellen und gesellschaftlichen Mehrwert nicht aus den Augen zu verlieren.

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Hilkenmeier, Alexandra

Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2026 113 Seiten, 19 €