PRO UND CONTRA: Kalender im Advent?

Natürlich darf man sich die Wartezeit auf Weihnachten ein wenig versüßen, findet Simon Lukas. Wir feiern damit nur kommerzielle Abwege, meint dagegen Dirk Müller.

Ist es kindisch, sich im Advent jeden Morgen auf ein Stück Schokolade oder eine andere Kleinigkeit zu freuen? Allerdings – und zwar im besten Sinne! „Werdet wie die Kinder“, ruft uns Jesus im Evangelium zu. Und die Vorweihnachtszeit, die bei vielen ja auch mit Stress und Hektik verbunden ist, kann ein bisschen kindliche Freude und Unvernunft gut gebrauchen. Wer als Kind einen Adventskalender hatte – egal ob selbst gebastelt oder im Laden gekauft –, dürfte sich noch an das Gefühl der Vorfreude erinnern, das jeden Morgen geweckt wurde und wuchs, je näher die große 24 und das Weihnachtsfest rückten. Wie schön, wenn man diese Tradition der Vorfreude an die nächste Generation weitergeben oder mit einem ganz eigenen Kalender bei sich selbst reaktivieren kann!

Wer argumentiert, ein Schokoladenkalender verfehle den ursprünglichen Sinn der Adventswochen als Fastenzeit – die sie ganz katholisch-korrekt nach dem Codex iuris canonici von 1917/18 sowieso nicht mehr sind –, verkennt womöglich auch den Sinn einer Fastenzeit. Die muss nicht unbedingt strengen Verzicht bedeuten, sondern soll ein Bewusstsein und eine Dankbarkeit für das schaffen, was man im Trott des Alltags vielleicht nicht mehr wahrnimmt. Jeden Morgen mit einer kleinen Süßigkeit, einem kleinen Geschenk zu beginnen, und sich geduldig auf die nächsten Tage zu freuen, statt direkt den ganzen Kalender zu plündern, kann dieses Gefühl vielleicht sogar besser ausdrücken als eine strikte Nichts-Süßes-im-Advent-Politik, die Heiligabend dann im Plätzchen-Koma endet.

Wenn wir uns auf die Geburt Jesu hinfreuen, spricht nichts dagegen, uns ihn zum Vorbild zu nehmen. Und jemand, der gutem Essen so wenig abgeneigt war, dass er unter seinen Gegnern einen Ruf als „Fresser und Säufer“ (Lk 7,34) hatte, und es auch sonst mit der buchstabengetreuen Erfüllung von religiösen Zeitangaben nicht so streng nahm (vgl. Mk 2,27), hätte wohl nichts dagegen, dass wir uns die Wartezeit etwas versüßen. Über kapitalistische Auswüchse der Adventskalender-Industrie kann man selbstverständlich die Augen verdrehen. Aber wenn sie auch nur einem Kind helfen, die Vorfreude auf Weihnachten als eine besondere, im besten Sinne „geheiligte“ Zeit zu erleben, haben sie ihren Zweck erfüllt.

Simon Lukas

 

Morgen, Kinder, wird’s was geben! / Morgen werden wir uns freun! Welche Wonne, welches Leben / Wird in unserm Hause seyn; / Einmal werden wir noch wach, /Heysa, dann ist Weihnachtstag!“

Ja, so wie in diesem bekannten Kinderlied aus dem 18. Jahrhundert besungen, hat es einmal angefangen mit der Weihnachtsvorfreude der Kinder. Der Adventskalender ist jüngeren Datums. Der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern schuf 1839 wohl den ersten, und zwar für ein Kinderheim in Hamburg; in den Buddenbrocks erzählt Thomas Mann von einem Adventskalender des Jahres 1869, den die Kinderfrau dem kleinen Hanno als Abreißkalender bastelte. Schokoladen-Adventskalender gibt es erst seit 1958 im Handel.

Und heute? Haben die Dinger in all ihren Auswüchsen sehr viel mit Kommerz zu tun und sehr wenig mit Besinnung und Vorfreude. Und schon gar nichts mit Weihnachten im eigentlichen Sinne. Billige Schokolade als Countdown – wozu? Parfüm, Kosmetik, Bierdosen, Müsli, Socken, Schmuck, Werkzeug, Knabberzeug, Minisalamis, Schnaps, Gewürze oder ein Porsche 911-Modellauto mit 24 Teilen zum Zusammenbauen – Adventskalender sind heute vor allem eins: zusätzliches Geschäft der Industrie, ebenso wie Muttertag, Valentinstag oder „Black Friday“.

Advent jedoch steht für nichts anderes als adventus Domini, die Ankunft des Herrn, womit wir Christen uns zum einen auf die Geburt Jesu vorbereiten, zum anderen sein zweites Kommen erwarten. Muss das mit billigen Konsumgütern sein?

Der kleine Hanno hat das Christkind noch wirklich erwartet und die Tage anhand der abgerissenen Blätter gezählt. Heute zählen die Kinder mit Süßigkeiten und Spielzeug nur, um in der Heiligen Nacht mit noch mehr Süßigkeiten und Spielzeug eingedeckt zu werden. Der Adventskalender unserer Gegenwart steht ja geradezu sinnbildlich für diese Zeit des totalen Konsums, in der süßer die Kassen nie klingeln, in der die Hektik und die Völlerei am größten sind und leider auch die Streiterei.

Wenn wir unseren Kindern erklären wollen, dass die Erwartung der Ankunft vor allem stille Vorfreude bedeutet, ist ein mit Schokolade oder sonst etwas gefüllter Adventskalender so hilfreich wie eine ADHS-Diagnose.

Dirk Müller

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