PRO UND CONTRA EVANGELISIERUNGWelche Haltung?

Bischof Gerhard Feige lehnt „bestimmte Methoden der Evangelisierung“ ab. Lisa Quarch stimmt ihm zu. Für eine missionarische Kirche wirbt Christian Ceconi.

In der Kirche darf es, wie Bischof Feige sagt, „nie darum gehen, Menschen das Evangelium überzustülpen“. Leider passiert dies aber auch heute immer wieder. Glaube und Spiritualität können Menschen helfen, erfüllter, stärker und freier durchs Leben zu gehen. Diese Kraft können sie aber nicht entfalten, wenn sie unter Zwang oder Druck entstehen. Solch eine „Spiritualität“ verdient den Namen nicht, sondern ebnet den Weg zu spiritueller Gewalt.

Die Theologin Doris Reisinger beschreibt spirituellen Missbrauch als Verletzung des spirituellen Selbstbestimmungsrechts eines Menschen. Diese kann schon dort beginnen, wo Menschen nicht darin unterstützt werden, eine eigene, zu ihrem Leben und ihrer Person passende Spiritualität zu entwickeln. Wer sich spirituellem Missbrauch entgegenstellen will, muss deshalb vor allem eines fördern: spirituelle Autonomie. Sie entsteht dort, wo Menschen Spiritualität in einem geschützten und gleichzeitig freien Rahmen kennenlernen und ausprobieren können; so erleben sie unterschiedliche Zugänge zu Gott.

Darin sehe ich als Seelsorgerin meine Aufgabe: Ich möchte anderen dabei helfen, herauszufinden, was ihr eigener Glaube, ihr eigener Weg zu Gott sein kann. Dabei kann ich sie an meinem Weg teilhaben lassen, davon erzählen, wie ich aus der christlichen Tradition Kraft und Freiheit schöpfe und wo ich Gott finde. Gleichzeitig kann ich deutlich machen, dass es noch viele andere Möglichkeiten gibt, Gott zu finden. Und ich darf die Zuversicht haben, dass sich unsere Wege bisweilen treffen.

Diese Perspektive auf die Weitergabe des Evangeliums kann unterschiedlich genannt werden. Manche nennen sie Mission. Andere verbinden mit diesem Wort rassistische Gewalt, die unter ihrem Deckmantel stattgefunden hat. Wie sie genannt wird, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass ich weiß, dass es nicht in meiner Macht liegt, ob und wie Gott Menschen begegnet. In meiner Macht liegt aber, wie ich Menschen begegne und ob diese Begegnungen mehr Freiheit, mehr Leben und mehr Hoffnung ermöglichen oder weniger.

Lisa Quarch

 

Wenn ich bei uns auf dem Gelände der Berliner Stadtmission eine Gruppe willkommen heiße, erzähle ich immer: „Wissen Sie, bei uns beginnt alles mit der biblischen Tageslosung. Oft tauschen wir uns dazu spontan aus. Schön, dass Sie heute hier sind. Ich nehme sie mit hinein in unsere Kultur.“ Anfangs war ich überrascht, wie viele Menschen Lust haben, ihre Gedanken beizusteuern, und nicht selten teilen die Besuchenden dann ihre Einsichten zum Text – unabhängig davon, ob sie gläubig sind.

Menschen, die wir öfter treffen, wie unseren Wirtschaftsprüfer, freuen sich darauf. Anderen, wie dem Chef eines Großkonzerns, schenken wir ein Losungsheft fürs ganze Jahr. Ist das missionarisch? Ja. Unbedingt. Denn wir wollen etwas teilen von unserer christlichen Lebenshaltung. Gastfreundlich, nicht übergriffig. Und ich glaube: Die Welt braucht das. Wir haben so viel Hoffnung in unserem Glauben an den dreieinigen Gott, dass wir davon mit Herz und Hand reichlich weitergeben können.

Die Berliner Stadtmission ist dabei immer schon missionarisch und diakonisch zugleich. Auch in unserer aktuellen Strategie setzen wir Mission an die erste Stelle und leben das in unterschiedlichen Formen: indem wir unseren Nachbarschaften dienen, indem wir einladen, christliche Lebensformen auszuprobieren, indem wir gastfreundlich sind, Zugänge zum christlichen Glauben eröffnen und lebendige Gemeinschaft bieten.

In einer säkularen Stadt wie Berlin, wo mehr als 70 Prozent der Menschen sich keiner Religion zugehörig fühlen, gibt es reichlich Gelegenheit, Menschen in die Welt des Glaubens einzuladen. Am besten, indem wir gemeinsam etwas tun, zum Beispiel in der Notunterkunft. Dabei starten wir mit einem geistlichen Impuls, manchmal auch nur einem Moment der Stille. Wir beten, weil das eine Kraftquelle ist. Kirche sein heißt für mich immer, missionarisch sein. Entscheidend ist die Haltung, in der wir es tun: demütig und auf Augenhöhe, ohne den anderen zu überrumpeln. Welche Früchte das trägt, liegt in der Macht des Heiligen Geistes.

Christian Ceconi

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