Solange ich mich erinnern kann, hängt dieses Glasbild im Haus meiner Großmutter. Und solange ich mich erinnern kann, ist es von dünnen Rissen durchzogen. Irgendwann habe ich erfahren, dass es Franz von Assisi zeigt, der gerade den Vögeln predigt. In meiner kindlichen Weltsicht war das damals sofort eingängig. Auch Vögel sind Teil von Gottes Schöpfung, warum soll man ihnen keine Predigt halten? So liebevoll wie zu den Vögeln sprach Franziskus auch über Sonne und Mond, Feuer und Wasser – eine ganze Welt, die Gottes Liebe widerspiegelt und selbst geliebt wird. Erst später habe ich mich mit den feinen Rissen im Bild beschäftigt: Durch einen Unfall ist das Bild der heilen Welt ein Stück weit „in die Brüche gegangen“. Ein unbeabsichtigtes, aber doch irgendwie passendes Motiv: Die Beziehung von Mensch und Natur ist gestört – im wahrsten Sinne brüchig. Und diese Brüche zeichnen sich auf dem Körper des Heiligen nach. Die zum Segen erhobenen Hände, die hier von haarfeinen Linien durchzogen sind, werden einmal Stigmata tragen, so erzählt es seine Legende. Ob das eine herausgebrochene Auge mehr oder weniger davon sieht, wie die Welt wirklich ist – und wie sie sein könnte? Immerhin: Franziskus musste in seinem Leben tatsächlich mit einigen Brüchen fertig werden und hinterließ in mancher Hinsicht wohl auch einiges an „zerbrochenem Porzellan“. Jetzt in der Beschäftigung mit Franz von Assisi zu seinem 800-Jahre-Jubiläum sehe ich das altbekannte Bild mit neuen Augen. Und ohne die feinen Risse, käme es mir inzwischen unvollständig vor.
In dieser Ausgabe von weit! nähern wir uns dem heiligen Franziskus von verschiedenen Perspektiven: Bruder Thomas Freidel berichtet aus Assisi, wo die Gebeine des Heiligen in diesem Jahr öffentlich ausgestellt waren und Scharen von Pilgern anzogen – ein Ereignis, das Freidel selbst unerwartet stark beschäftigte. Der Autor und Journalist Rocco Thiede besucht eine Ausstellung, die Franziskus’ Wirken künstlerisch reflektiert. Und Annette Jantzen schreibt über Klara von Assisi, die so viel mehr war als „nur“ die Gefährtin des Franziskus. Wir wünschen eine inspirierende Lektüre und ein schönes Franziskus-Jubiläum – trotz aller Brüche und Risse.