Das erste Aufeinandertreffen von Schwester Britta Müller-Schauenburg und Bernd Stegemann war eine Überraschung. Ihr Alltag verläuft derzeit normalerweise in sich wenig kreuzenden Bahnen. Plötzlich saßen beide auf einem Podium der Phil.Cologne und diskutierten über das neue Buch von Stegemann „Was vom Glauben bleibt. Wege aus der atheistischen Apokalypse.“ Und sie hatten sich viel zu sagen.
In der Berliner Theaterwelt von Stegemann ist Religion weitgehend verschwunden. Vielleicht leben wir in der gottlosesten Welt, die es jemals gab, schreibt er. Für ihn besteht der gefährliche Unglaube der Moderne darin, weiter auf absolute Wahrheiten zu setzen, doch die menschliche Willkür nicht einzudämmen. Das Individuum wird vergöttlicht, jede Demut der Existenz gegenüber verschwindet, so erklärt er. Es haben Glaubensfragmente überlebt, doch lässt sich mit diesen Splittern noch was anfangen, fragt Stegemann.
Schwester Britta, die Ordensfrau und habilitierte Theologin, nimmt den Faden von Stegemann auf und setzt zugleich einen ganz anderen Akzent. Sie betont die Fruchtbarkeit individueller Suchbewegungen. Glauben sei Kontakt und Kommunikation mit Gott. „Jede Beziehung hat eine Geschichte, man redet miteinander und man ist sich nicht immer einig – auch nicht mit Gott“, erklärte sie. Der Gefahr der Politisierung des Glaubens, die Stegemann sieht, hält sie entgegen, dass Vergegenwärtigung des Gottglaubens unerlässlich sei.
Aus dem Treffen in Köln ist ein Ringen um existenzielle Fragen geworden. Der Dialog und die Auseinandersetzung gehen weiter. Sie sind bereit, ihr Gespräch öffentlich zu führen, als Briefwechsel unter dem Titel „Narr und Nonne“, der nun wöchentlich im Christ in der Gegenwart weitergeht. Es wird eine aufrichtige Verhandlung von Fragen unserer Zeit.
Volker Resing
Lieber Bernd,
ein Satz aus Deinem Glaubensbuch ist so falsch, dass ich Dich darauf aufmerksam machen muss. Du schreibst: „Wer seine Predigt mit der Floskel begründet, was wohl Jesus getan hätte, der feiert keinen Gottesdienst, sondern will seine politische Meinung mit der höchsten Autorität ausstatten.“ Ein paar Seiten später hakst Du nochmal nach: „Die Spekulation, was wohl Jesus getan hätte, ist nicht nur der Religion, sondern auch der Rationalität gegenüber unlauter.“
Wahrscheinlich könnten wir über manches in dem Buch auch noch streiten, politisch. Obwohl ich mit vielem auch einverstanden war und es sogar bestaunt habe. Streckenweise ist das, gerade am Anfang, erste fundamentaltheologische Sahne. Du referierst im Detail auf Dogmatik und Religionsphilosophie ganz selbstverständlich, als wärst Du ungläubig nur zum Spiel, in Wirklichkeit aber doch Theologe.
Aber dieser Gedanke ist wirklich einfach falsch. Möglicherweise hast Du Dich irgendwo einmal geärgert über eine naive Weise, wie gefragt wurde, was Jesus getan hätte. Aber Du kannst deshalb nicht die ganze Frage lächerlich machen. Es ist überhaupt die einzige Frage, die weiterführt.
Es ist natürlich oft keine leicht zu beantwortende Frage. Man muss vielleicht ein Leben lang lernen, sie zu stellen und sich von ihr leiten zu lassen. Und mir ist bewusst, dass ich auch nicht einfach richtiger liege in dem, was ich als Antwort auf sie finde, als zum Beispiel Du selbst. Alles geschenkt. Trotzdem ist eminent wichtig, sie nicht zu ironisieren oder eben zu diffamieren.
Im Glauben musst Du in diese Augenhöhe mit Gott einsteigen und ihn so gut kennen lernen, dass Du genau diese Frage eben doch beantworten kannst. Du lehnst bislang ja wohl insgesamt die verantwortbare Möglichkeit dieser Art von Glauben irgendwie ab. Natürlich mit einem bestechenden Argument, dass man an Luzifer lernen könne, was einen erwartet, wenn man meint, mit Gott „auf Augenhöhe“ verhandeln zu können. Armer Luzifer: Wen sollte sein Beispiel nicht abschrecken? Das Argument überzeugt mich aber nicht, denn Luzifer hat, vor Gottes Angesicht, eben gerade nicht diese Frage gestellt. Es wäre seine Rettung gewesen.
Mit herzlichen Grüßen
Schwester Britta
Liebe Schwester Britta,
mit Deiner Kritik triffst Du, fast wäre ich verleitet zu sagen mit jesuitischer Intelligenz, ins Zentrum unseres Konflikts. Darüber freut sich mein Dramaturgen-Herz, und mein politischer Geist möchte darüber weinen. Was ich meine, wenn ich die Predigt ablehne, in der sich eine Meinung die höhere Weihe eines göttlichen Willens verleiht, ist Folgendes: Es wird gepredigt, als Christ solle man gegen den Klimawandel protestieren, da Jesus die Schöpfung bewahren wollte. Es wird gepredigt, als Christ solle man für offene Grenzen sein und jeden Flüchtling willkommen heißen, da Jesus die Geplagten dieser Welt mit offenen Armen empfangen habe. Und schließlich wird verkündet, man dürfe AfD-Mitgliedern kein Amt in der Kirche zugestehen und müsse die Brandmauer mitten durch die Kirchengemeinde ziehen.
Und hier fehlt dann plötzlich der Vergleich mit Jesus. Denn der ist bekanntlich zum Ärger seiner Zeitgenossen zu den verhassten Zöllnern und gefallenen Frauen gegangen. Man macht sich also Jesus passend für die eigene Weltanschauung. Die mich erschreckende Dimension der Anmaßung geht aber weit über die offensichtliche Willkür hinaus. Ich will zum Auftakt unseres Briefwechsels eine knappe Skizze dieses modernen Abgrunds versuchen.
Ich lebe, und ich möchte meinen, alle Menschen in den westlichen Demokratien mit Konsum und kapitalistischer Ökonomie leben so, dass wir in einer Klammer gefangen sind. Deren beide Seiten könnte ich so benennen: Auf der einen Seite der Klammer steht die Freiheit. Sie führt zu dem, was Soziologen Kontingenz nennen. Damit ist gemeint, dass alles, was möglich ist, auch anders möglich sein könnte.
Auf der anderen Seite der Klammer steht die menschliche Existenz. Wir alle sind geboren, leben und werden sterben. Das ist das Einzige, was wir sicher wissen können. Aber das reicht für das Leben zwischen Geburt und Tod als Wahrheit nicht aus. Darum suche ich nach anderen Gewissheiten, die mir Halt geben. Doch diese Gewissheiten sind je nach Glaubensrichtung vom Teufel, der Schlange im Paradies oder unserem Kontingenzbewusstsein vergiftet. Das Wirken des Alles-Verwirrers, wie der Diabolos auch übersetzt werden könnte, besteht darin, dass die menschengemachte Gewissheit, will sie zu einem sicheren Halt werden, sich verhärten muss. Eine solche Schweißarbeit im Labyrinth der Möglichkeiten führt aber leicht und oft auch ohne bösen Willen dazu, die selbstgemachte Wahrheit für sicherer zu nehmen, als sie es sein dürfte.
Was ich also an dem Kronzeugen Jesus für meine eigene Meinung kritisiere, ist leicht zu sehen. Ich bemängele, dass ein Mensch, und sei es auch ein Priester, für seine Worte in Anspruch nimmt, eine höhere Wahrheit auszusprechen. Damit wären wir im Zentrum des von Dir virtuos eingeleiteten Konflikts. Sind wir nach dem Rausschmiss aus dem Paradies noch im direkten Kontakt mit Gott, oder können wir nur die dünnen und leider verworrenen Fäden einer Bindung suchen, die Menschenwerk ist? Dürfen wir in Anspruch nehmen, dass Gott durch uns spricht, oder ist dieser Anspruch nicht der erste Schritt zum Weg in die Hölle? Hätte Luzifer die Frage nach Jesu Tun gestellt, als er meinte, so sein zu können wie Gott, welche Antwort hätte er wohl bekommen?
Ich freue mich auf unseren Weg, der uns gemeinsam im Widerspruch begleiten wird.
Mit besten Grüßen
Bernd