Sexualität

Sexualität als den Menschen in seiner Ganzheit prägende biologische Anlage ist Gegenstand vieler Wissenschaften.

In der Theologie befassen sich vor allem Moraltheologie (theologische Ethik) und Praktische Theologie mit der Sexualität. Sie haben zunächst dem Faktum Rechnung zu tragen, dass in den biblischen Offenbarungszeugnissen vielfältig in konkreten Erzählungen von Sexualität die Rede ist, dass aber nur insofern eine Sexualethik von überzeitlich gültigen Gesichtspunkten her biblisch begründbar ist, als der Umgang miteinander unter dem Primat des Liebesgebotes und damit der gegenseitigen Respektierung, unter dem Verbot, den andern Menschen zum bloßen „Objekt“ zu machen, steht.

Die biblische Paradies-Weisung, fruchtbar zu sein und sich zu mehren (Gen 1, 28), kann nicht als Begründung dafür dienen, die menschliche Sexualität überzeitlich-biologistisch von der Fortpflanzung und Arterhaltung her zu erklären. Das von Jesus unter dem Aspekt des Begehrens radikalisierte Verbot des Ehebruchs im Dekalog (Ex 20, 14; Mt 5, 27 f.) ist nicht als Verbot der Sinnlichkeit zu sehen, sondern steht im Kontext der Sorge um friedliches Zusammenleben, unter dem Vorzeichen des Schutzes der Frau (Mt 5, 31 f.). Die gebotene Beschränkung aktiver Sexualität auf die Ehe ist biblisch nicht begründbar, zumal Institutionalität und Gestaltung der Ehe einem erheblichen geschichtlichen Wandel unterlagen und eine notwendige Zusammengehörigkeit von Liebe, Sexualität und Ehe erst im 19. Jh. behauptet wurde. Sozio-kulturell bedingt sind die Verurteilungen abweichenden Sexualverhaltens bei Paulus.

Verhängnisvoll für das Verhältnis sehr vieler Menschen zur Kirche und damit auch zum christlichen Glauben war die kirchenamtliche Normierung des Sexualverhaltens an einem die Menschen („animal rationale“) und die Tierwelt umfassenden Verständnis des „Naturgemäßen“. Eine Seelsorge der Einschüchterung mit Höllendrohungen produzierte verhängnisvolle Schuldkonflikte und Neurosen.

Erst die Theologie des 20. Jh. erkannte die spezifisch menschliche Eigenart der Sexualität, die Gestaltungsfähigkeit der gerade beim Menschen nicht starr festgelegten „Natur“, die möglichen Steigerungen von Glück und Lebensgefühl, gerade auch durch Beglückung eines Partners, die Überwindung von Einsamkeit, auch in non-verbaler Kommunikation, die Schaffung oder Verstärkung des Wir-Gefühls.

Die Zerstörung aller Tabu-Schranken, die hemmungslose Vermarktung der Intimsphäre, die Forcierung sexueller Höchstleistungen u. a. sind zum Teil als exzessive Pendelausschläge gegen kirchlich und gesellschaftlich-konventionell produzierte Sündenangst zu verstehen. Ihnen gegenüber behalten die Ratschläge zur Beherrschung der Sexualität und zur Askese unter dem Primat der Liebe ihren Sinn.

Eine positive Wirkung der öffentlichen Diskussion der Sexualität ist die Erkenntnis der vor allem männlichen Herrschaft und Gewalt im Bereich der Sexualität mit Ausbeutung und Entwürdigung der Frauen (des in den 60er Jahren des 20. Jh. so genannten Sexismus, der sich freilich nicht auf die Sexualität beschränkt, sondern in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen virulent ist).

Quelle: Herbert Vorgrimler: Neues Theologisches Wörterbuch, Neuausgabe 2008 (6. Aufl. des Gesamtwerkes), Verlag Herder

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