Falsche GewissheitenTransidentität im Bischofspapier "Geschaffen, erlöst und geliebt"

Das Dokument über "sexuelle Vielfalt" in der Schule suggeriert, man könne im Jugendalter von einer abgeschlossenen Geschlechtsidentität und sexuellen Anziehung ausgehen. Das ist wissenschaftlich nicht haltbar – und hat problematische Folgen.

Trans-Flagge
© Unsplash

Verschiedene Stimmen haben in den letzten Monaten zum Dokument "Geschaffen, erlöst und geliebt" der Kommission für Erziehung und Schule der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) Stellung genommen. Als Psychiater und Psychotherapeut für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sehe ich in dem Dokument neben einigen guten Ansätzen eine Reihe von fachlichen Problemen. Die Umsetzung der ausgesprochenen Empfehlungen birgt die Gefahr, Kinder und Jugendliche innerhalb ihrer Entwicklung so zu beeinflussen, dass dies erhebliche Risiken für die seelische und körperliche Entwicklung mit sich bringt. Das betrifft insbesondere das Phänomen der Transidentität.

Transidentität ist aus verschiedenen Kulturen und Zeiten bekannt. Im westlichen Kulturraum blieb es ein seltenes Phänomen. Bis in die Achtzigerjahre gaben maximal 0,5 Prozent an, sich mit dem Gegengeschlecht zu identifizieren.1 Wesentlich geringer war die Anzahl derer, die das Gesundheitswesen konsultierten, weil sie an einer Geschlechtsdysphorie litten, also an einer schmerzhaften Diskrepanz zwischen dem biologischen Geschlecht und der subjektiven Selbstwahrnehmung.

Extreme Anstieg der Prävalenz

Seit  der Jahrtausendwende ist in der westlichen Welt ein exponentieller Anstieg der Prävalenz der Geschlechtsdysphorie zu verzeichnen, insbesondere in der Altersgruppe der unter 30-Jährigen. So kam es in Deutschland von 2013 bis 2022 bei den unter 25-Jährigen zu einem Anstieg um den Faktor 8, ermittelt anhand der Daten der gesetzlichen Krankenversicherungen.2 Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in Schweden3, wo die Zahl der Neudiagnosen (also die Inzidenz) unter 13- bis 17-jährigen Mädchen von 2008 bis 2018 um den Faktor 15 zunahm. In England stieg die Prävalenz unter den unter 19-Jährigen von 2011 bis 2021 um den Faktor 52 an.4

Mit diesem Anstieg zeigte sich ein neues Bild. Bis ungefähr 2000 wurden bei den entsprechenden Gesundheitsdiensten vor allem Menschen vorstellig, die bereits im Kindergarten- oder Grundschulalter konsequent die gegengeschlechtliche Rolle übernahmen, mit einem leichten Überhang biologischer Jungen (die hier implizierten, mitunter stereotypen Vorstellungen von Geschlechterrollen wären einer eigenen Erörterung wert). Dies hat sich verändert. In den letzten Jahren überwiegt deutlich der Anteil der Mädchen, wobei der größte Teil erst ab der Frühadoleszenz erstmalig Hinweise auf eine Geschlechtsinkongruenz präsentiert.5 In einer Umfrage im angelsächsischen Raum gaben 80 Prozent der Eltern an, dass das Coming-out ihrer adoleszenten Kinder aus blauem Himmel kam6, ein Phänomen, das als Rapid Onset Gender Dysphoria bezeichnet wird.

Kinder, die vor der Erstdiagnose jahrelang eine gegengeschlechtliche Rolle eingenommen haben, verlieren bei ergebnisoffener Begleitung in 85 Prozent der Fälle bis zum frühen Erwachsenenalter die Transidentität.

In aktuellen Untersuchungen wurden bei einer deutlichen Mehrheit der Betroffenen psychische Erkrankungen wie Depression, Angst- oder Essstörungen diagnostiziert. Auffallend ist der außerordentlich hohe Anteil von Betroffenen mit Autismusspektrumstörungen7, die in der Adoleszenz typischerweise mit einer erschwerten Suche nach der eigenen Identität einhergehen.

Kinder, die vor der Erstdiagnose jahrelang eine gegengeschlechtliche Rolle eingenommen haben, bei denen die Transidentität also stabil erscheint, verlieren bei ergebnisoffener Begleitung in 85 Prozent der Fälle bis zum frühen Erwachsenenalter die Transidentität8,9. Gerade unter den Jungen mündet eine Geschlechtdysphorie im Kindesalter im weiteren Verlauf deutlich häufiger in eine Homosexualität als in eine Transidentität10. Auch bei Erstmanifestation in der Adoleszenz verliert sich bei einer deutlichen Mehrheit die Geschlechtsdysphorie11. Ergänzend sei angemerkt, dass auch eine gleich- oder beidgeschlechtliche Anziehung in der Adoleszenz außerordentlich volatil ist und sich bei 55 Prozent der Mädchen bzw. 85 Prozent der Jungen bis zum jungen Erwachsenenalter hin zu einer gegengeschlechtlichen Anziehung entwickelt.12

Anders verhält es sich, wenn Kinder nicht ergebnisoffen, sondern affirmativ behandelt werden, ggf. unter Einsatz von Pubertätsblockern. Unter dieser Voraussetzung persistierte in einer niederländischen Stichprobe die Transidentität bei 44 Prozent der Jungen und 62 Prozent der Mädchen.13

Häufigeres Coming-out oder "soziale Ansteckung"?

Für die Ursachen der dramatischen Zunahme von Geschlechtsinkongruenzen werden vor allem zwei Faktoren diskutiert:

  • (1) Das häufigere Coming-out bei bereits bestehender Transidentität oder
  • (2) eine tatsächliche Zunahme, bedingt durch "soziale Ansteckung" in sozialen Medien.

Dass die höheren Zahlen alleine durch ein häufigeres Coming-out (z. B. durch ein liberaleres Gesellschaftsklima) entstanden sein sollen, erscheint deshalb nicht plausibel, weil in der gleichen Zeit der Anteil von Menschen mit homo- oder bisexuelle Selbstidentifikationen, die ebenfalls von einem liberaleren Klima profitieren, wesentlich weniger zunahm (z. B. in einer repräsentativen Erhebung im vereinigten Königreich von 2014 bis 2024 um den Faktor 2,7514,15).

Die höheren Zahlen kommen vor allem durch Mädchen in einem besonders sensiblen Alter zustande, die – viel häufiger als Jungen – eine Krise des Körperbildes und der körperlichen Selbstannahme erleben.

Für eine reale Zunahme der Geschlechtsinkongruenz spricht: Die höheren Zahlen kommen vor allem durch Mädchen in einem besonders sensiblen Alter zustande, die – viel häufiger als Jungen – eine Krise des Körperbildes und der körperlichen Selbstannahme erleben16 und für die das Erklärungsangebot, im falschen Körper zu leben, kurzfristig eine Entlastung mit sich bringt.

Außerdem zeigt die Erfahrung in spezialisierten Trans-Ambulanzen, dass "soziale Ansteckung", vor allem in Onlineforen und sozialen Netzwerken, häufig eine wesentliche Rolle spielt.

Leben mit den Folgen der Transition

Wie geht es langfristig den Menschen, die eine soziale, hormonelle und chirurgische Transition durchlaufen, also mit neuem Personenstand und äußerlich angepassten Körpermerkmalen leben? Bekannt ist, dass nach etwa 6 bis 12 Monaten gegengeschlechtlicher Hormonbehandlung eine irreversible Unfruchtbarkeit eintritt. Die Daten zu den psychologischen Effekten sind meist nicht tragfähig, da die Behandlungszentren oft nur 1 bis 3 Jahre nachbeobachten, viele Probanden nicht mehr zu Nachuntersuchungen erscheinen und kein Vergleich mit Menschen ohne Geschlechtsdysphorie stattfindet.

Mittlerweile liegen allerdings zwei hervorragende Studien vor, die im jeweiligen Land über lange Zeit alle einer größeren Altersgruppe erfasst haben, die Transitionsprozesse durchlaufen und einer Vergleichsgruppe gegenüberstellten. Die Mängel der oben erwähnten Studien sind hier also behoben.

Zum Ersten eine umfassende Studie aus Schweden.18 Hier wurden die Langzeitergebnisse aller Menschen, die zwischen 1973 und 2003 eine vollständige Transition durchlaufen haben, erhoben und einer soziodemografisch analogen Vergleichsgruppe gegenübergestellt. Das Ergebnis: Neben einer mehrfach höheren Rate psychischer Erkrankungen wies die transitionierte Gruppe eine 19,1-fach erhöhte Rate vollendeter Suizide auf. Die Daten lassen erkennen, dass die Suizidrate erst 5 bis 10 Jahre nach Transition drastisch ansteigt – offenbar nach einer Art Honeymoon-Phase, in der die Betroffenen froh über das lang ersehnte und nun erreichte Ziel sind.

In der Subgruppe, die eine medizinische Behandlung erhielt, zeigte sich eine deutliche Verschlechterung der psychischen Gesundheit.

Zum Zweiten eine im April dieses Jahres veröffentlichte Studie aus Finnland19, die alle Adoleszenten unter 23 Jahren erfasste, die zwischen 1996 und 2019 wegen einer Geschlechtsdysphorie vorstellig wurden. In der Subgruppe, die eine medizinische Behandlung (hormonell, evtl. chirurgisch) erhielt, zeigte sich eine deutliche Verschlechterung der psychischen Gesundheit: Die biologischen Männer, die eine geschlechtsangleichende Behandlung erhielten, suchten zwei Jahre nach Beginn der Behandlung mehr als doppelt so oft fachärztliche Hilfe wegen psychischer Störungen (21,6 Prozent vorher, 54,5 Prozent nachher), unter den biologischen Frauen stieg der Anteil auf mehr als das sechsfache (9,8 Prozent vorher, 60,7 Prozent nachher). In der transidenten Gruppe ohne geschlechtsangleichende Behandlung (und in der Vergleichsgruppe ohne Geschlechtsdysphorie) blieb der Anteil dagegen etwa gleich, die psychische Gesundheit veränderte sich dort also nicht signifikant.

Mängel und wissenschaftliche Fehler im Papier der Bischöfe

Nun zum DBK-Papier "Geschaffen, erlöst und geliebt".

Uneingeschränkt positiv zu bewerten ist – auch aus psychiatrisch-psychotherapeutischer Perspektive –, dass das Dokument zu einer Haltung aufruft, die "jedem Menschen Anerkennung und Respekt als Kind Gottes zollt und ihn seine Würde als Mensch und Gottes Ebenbild erfahren" lässt. Hinweise wie "Ein heterosexueller Cis-Jugendlicher, eine bisexuelle Trans-Frau sind unendlich mehr als diese ihre sexuelle Identität" bewahren davor, einen Menschen auf diese Aspekte zu reduzieren. Gewürdigt wird auch, dass betroffene Jugendliche einen "mitunter schmerzhaften Prozess" durchlaufen, dass sich diese Entwicklung "einer fertigen Prognose entzieht und offen ist für überraschend neue Wendungen und Entwicklungspfade". Das trägt der oben geschilderten Fluidität von Transidentität und gleichgeschlechtlicher Anziehung Rechnung.

So sehr die Betroffenen von ihrer Wahrnehmung überzeugt sein mögen, so sehr zeigen Längsschnittuntersuchungen, wie volatil diese Merkmale sind.

Leider wird jedoch an zahlreichen anderen Stellen suggeriert, dass man im Jugendalter von einer abgeschlossenen Geschlechtsidentität und sexuellen Anziehung ausgehen könne. Zitat: "Manche gelangen schon früh, etwa zu Beginn der Pubertät, zu einer inneren Gewissheit über ihre sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität."

So sehr die Betroffenen von ihrer Wahrnehmung überzeugt sein mögen, so sehr zeigen Längsschnittuntersuchungen, wie volatil diese Merkmale sind – selbst, wenn sie schon als Kinder jahrelang eine gegengeschlechtliche soziale Rolle eingenommen haben.

Auch an zahlreichen anderen Stellen wird eine gefestigte Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung der Adoleszenten konstatiert: Erwähnt werden "queere Jugendliche, die zu einer inneren Gewissheit über ihre sexuelle Orientierung und Identität gelangt sind." Oder: "Manche Kinder entwickeln schon früh eine gefestigte Trans-Identität." Das widerspricht eindeutig den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Oder: "... entwickelt eine Minderheit eine homo- oder bisexuelle Orientierung und/oder eine geschlechtliche Identität als intergeschlechtliche, transgeschlechtliche oder nonbinäre Person."

Nebenbei stellt sich hier die Frage, wie jemand eine "Identität als intergeschlechtliche Person" entwickeln soll, handelt es sich doch bei Intersexualität um ein angeborenes biologisches Merkmal, was bei circa einem von 4500 Neugeborenen auftritt.

Aufgabe der Schule ist es, die Betroffenen annehmend und ergebnisoffen zu begleiten, indem man die inneren Konflikte, Spannungen und Ungewissheiten mit ihnen aushält. Der Betroffene benötigt einen "Felsen in der Brandung", der wohlwollend seinen Identitätsstürmen standhält.

Indem die zuständige Kommission nicht ein offen-begleitendes, sondern ein affirmatives Vorgehen empfiehlt, bietet sie den Jugendlichen in einer Identitätskrise aktiv das Narrativ an, im falschen Körper zu stecken.

Dieses notwendige Aushalten scheint das Dokument vermeiden zu wollen, indem es empfiehlt: "Verantwortliche […] unterstützen Jugendliche darin, Klarheit über ihre sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität zu erlangen." Die Schule soll "einen Raum eröffnen, in dem Kinder und Jugendliche Gewissheit über ihre sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität erlangen können" – eine Klarheit und Gewissheit, die es in dieser Situation objektiv nicht gibt!

Indem die zuständige Kommission nicht ein offen-begleitendes, sondern ein affirmatives Vorgehen empfiehlt, bis hin zur Veranstaltung von "Diversitätstagen", bietet sie den Jugendlichen in einer Identitätskrise aktiv das Narrativ an, im falschen Körper zu stecken. Sie agiert damit mit seinen Stürmen mit und forciert mit Macht eine soziale Ansteckung, wobei sie "Widerstände skeptisch-fragender Eltern gemeinsam überwinden" will (was nach Überwältigung der Eltern klingt).

Indem die Schule auf diese Weise "soziale Ansteckung" fördert und aktiv affirmiert, wird sie mehr Jugendliche in Identitätskrisen dazu bringen, den Weg der Transition zu beschreiten und damit einen Weg einzuschlagen, der mit dauerhafter Unfruchtbarkeit und lebenslanger Abhängigkeit von nebenwirkungsreichen Hormonpräparaten einhergeht und zudem mit einer drastisch erhöhten Suizidrate assoziiert ist.

Außerdem: Wenn sich die Schule anmaßt, Jugendlichen eine Geschlechtsidentität zuzuschreiben, wird sie unvermeidlich in die Unverfügbarkeit des anderen eingreifen, eigene Kompetenzgrenzen missachten und damit, wenn auch in guter Absicht, ihre Macht missbrauchen. Statt den Jugendlichen unterstützend zu begleiten, ihn bedingungslos anzunehmen und zugleich eine wohlwollende Distanz zur fluiden Selbstinterpretation des Jugendlichen als trans oder homosexuell zu wahren, sagt sie dem Jugendlichen: "Ich weiß, wer du bist." In Anbetracht der Fluidität der Empfindungen des Jugendlichen und deren Interpretation ist das übergriffig – auch dann, wenn der Jugendliche sich selbst so sieht. Ziel ist es, den Entwicklungsraum offenzuhalten und nicht vorzeitig durch Festlegungen zu schließen.

Selbstverständlich wäre es aus den gleichen Gründen ebenfalls ein übergriffiger Machtmissbrauch, wenn die Schule versuchen würde, den Jugendlichen in die Gegenrichtung zu drängen, ihm seine Selbstwahrnehmung auszureden und damit sein Vertrauen zu beschädigen.

Die Betroffenen werden in ihrer Transidentität fixiert und letztlich zum Weg der medizinisch-sozialen Transition ermutigt. Dafür zahlen sie lebenslang einen hohen medizinischen und psychologischen Preis.

Fazit

Die Empfehlungen von "Geschaffen, erlöst und geliebt" laufen darauf hinaus, Schüler in einer Geschlechtsinkongruenz aktiv zu bestärken und bei den häufig auftretenden psychosexuellen Entwicklungskrisen eine trans-affirmative Haltung einzunehmen. Damit werden die Betroffenen in ihrer Transidentität fixiert und letztlich zum Weg der medizinisch-sozialen Transition ermutigt.

Dafür zahlen sie lebenslang einen hohen medizinischen und psychologischen Preis, wie Unfruchtbarkeit, Abhängigkeit von nebenwirkungsreichen Hormonpräparaten, Operationen mit Einschränkungen der sexuellen Erlebnisfähigkeit, häufigeren psychischen Erkrankungen und einer dramatisch erhöhten Suizidrate.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht besteht ein positiver Umgang mit Jugendlichen in einem Geschlechtsidentitätskonflikt hingegen darin, sie wohlwollend und ergebnisoffen zu begleiten, zu ihren inneren Stürmen eine ruhige Distanz zu wahren und sie weder in die eine noch in die andere Richtung zu drängen.

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen