Jüdische Identität nach dem 7. Oktober und dem Gaza-KriegEin hartes Ringen

„Die Verbindung zu Israel gründet seit der Staatsgründung für die überwiegende Mehrheit der amerikanischen Juden weitaus stärker auf einem Mythos, der größer als das Leben ist, als auf einer tatsächlichen Alltagsrealität“, schreibt Arnold Eisen, ehemaliger Kanzler des Jewish Theological Seminary, in dem vorliegenden Buch, das Stimmen jüdischer Intellektueller aus den USA mit Reaktionen auf den 7. Oktober und den folgenden Gaza-Krieg zusammenbringt. Eisen ist einer von neun Autorinnen und Autoren, die ihre Überlegungen einbringen: wie sich ihr jüdisches Selbstverständnis seit den Ereignissen auf individueller und auf kollektiver Ebene verändert hat, wie sie auf dem schmalen Grat zwischen Kritik an dem Vorgehen Israels bei gleichzeitiger Solidarität mit ebenjenem Staat balancieren – oder auch nicht –, wie sich der Blick auf das Judentum mit seinen langen und unterschiedlichen Traditionen gewandelt hat.

Dabei sind die Zugänge der beteiligten Personen sehr unterschiedlich, darunter die Harvard-Professoren Noah Feldman und Peter E. Gordon sowie die in Chicago beziehungsweise am Dartmuth College lehrenden Professorinnen Sarah Hammerschlag und Susannah Herschel. Gerade für eine deutsche Leserschaft, die mit dem Judentum vor allem mit den aus der Shoa resultierenden Konsequenzen vertraut ist, ist der Band mitunter keine leichte Kost. Auf jeden Fall verweist er auf eine intellektuelle und gelebte Tradition, die streitbar auf drängende Fragen eingeht – geleitet von der Frage, was jüdische Existenz heute ausmacht, wie sie gelingt, womit sie sich auseinandersetzt. Dabei werden die harten Themen Zionismus, Antisemitismus, Israels Selbstverständnis und der Vorwurf des Genozids in Gaza nicht ausgespart.

Nicht jeder These möchte man zustimmen, und doch ist jeder Essay in sich stimmig aufgebaut und argumentativ stark. Zum Nachdenken regt zudem an, dass jeder Beitrag unabhängig vom wissenschaftlichen Zugang von einem tiefen persönlichen, ja existenziellen Ringen geprägt ist. Und wenn man nach der Lektüre mit mehr neuen Fragen als alten Antworten zurückbleibt, ist das der Komplexität des Themas nur angemessen. Annika Schmitz

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Amir Eshel, Thomas Sparr (Hg.)

Jüdischer Verlag, Berlin 2026, 220 S., 24,00 € (D)