Anlässlich des 800. Todestages des heiligen Franz waren Anfang des Jahres in Assisi die sterblichen Überreste von zwei Heiligen zu sehen: In der Kirche Santa Maria Maggiore liegt der Körper des jugendlichen Carlo Acutis, verborgen unter einem unversehrten Körper aus Silikon. Und in einem Sarg aus Plexiglas, als menschliches Skelett geordnet, lagen in der Basilika San Francesco für kurze Zeit die dunklen Knochen des Franziskus, ungeschönt und ungeschmückt. Hier hat der Tod sichtbar ganze Arbeit geleistet.
In Assisi ließen sich also zwei Weisen der Darstellung dessen betrachten, was unvorstellbar bleibt: das Geheimnis des Todes. Im einen Fall präsentiert er sich als sanfter Schlaf, in dem der Verstorbene auf seine Auferstehung wartet. Der Tod hat seinen Schrecken verloren. Der unversehrte Körper, scheinbar schlafend wie Schneewittchen im Glassarg, strahle als Zeichen der Heiligkeit, so (miss-)verstehen manche Pilger die Lebendigkeit und Schönheit der Silikonfigur. Im andern Fall zeigt sich der grausame und unerbittliche Tod, der den irdischen Körper vernichtet. Das ist der Feind des Lebens, dem „kein Mensch lebend entrinnen kann“, wie es im Sonnengesang des Franziskus heißt.
Der zweite Tod
Gerade der Heilige, dessen schwarze Knochen die Pilger mit der Unausweichlichkeit des Sterbens konfrontieren, hat vom Tod in bestürzender Vertrautheit gesprochen: sora morte, Schwester Tod. Die letzte Strophe, die Franziskus kurz vor seinem Sterben seinem Sonnengesang hinzufügte, lautet: „Gelobt seist du, mein Herr, / durch unsere Schwester, den leiblichen Tod; / ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. / Wehe jenen, die in tödlichen Sünden sterben. / Selig jene, die er findet in deinem heiligen Willen, / denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.“
Kein Leid – so endet diese Strophe. Das malum bezieht sich jedoch nicht auf den leiblichen Tod, sondern auf den „zweiten Tod“, wie Franziskus im Rückgriff auf die Johannesoffenbarung die ewige Trennung von Gott und seiner Liebe nennt, also die Verdammnis. Diese Verdammnis fürchtete der Mensch des Mittelalters mehr als den Tod. Auch Franziskus hatte sein geistliches Leben als Bußprediger begonnen, um die Menschen zu einem Leben nach dem Willen Gottes aufzurufen. Doch bleibt von solcher mittelalterlichen Höllenpredigt in seinem Lied nichts mehr übrig. Franziskus greift zwar zum „Wehe“ der Drohung, doch die Seligpreisung und die Verheißung folgen unmittelbar. Gesagt werden aber muss es doch im Angesicht des Todes: Der eigentliche Feind des Lebens ist nicht dieser Tod, sondern die Sünde, die zum zweiten, dem „ewigen“ Tod führt.
Sinnbild Gottes in der Schöpfung
Wer ist für Franziskus sora morte, die Schwester Tod? Sie ist Teil der geschwisterlichen Welt, die für den Armen aus Assisi, den Bruder aller Menschen, auch alle übrigen Geschöpfe umfasste. Im symbolischen Weltbild des Mittelalters sind die Geschöpfe Sinnbild für Gott. Durch eine spekulative Mystik konnte man sich über sie zu Gott erheben, oder sich über sie in ihn hineinversenken. Für Franziskus findet sich das Sinnbild Gottes unmittelbar in der Schöpfung selbst, für und durch (das italienische per kann beides bedeuten) die er den Schöpfer preist: Die Schönheit der Gestirne ist für ihn Ausdruck der Schönheit und Güte Gottes und führt bereits durch ihren Anblick unmittelbar zum Lobpreis. Bei den Elementen bewirkt ihr Sein für andere den Lobpreis: der im Wetter (den Lebens-)Unterhalt gebende Bruder Wind, die nützliche Schwester Wasser, die Helligkeit des Bruders Feuer in der Nacht, die nährende, dadurch auch mütterliche Schwester Erde. Im geschwisterlichen Sein der Elemente machen sie Gott sichtbar, den Ursprung des liebenden Seins. Und Schwester Tod? Die letzte Strophe des Sonnenliedes will zu diesem kosmischen Lobpreis nicht so recht passen. In welcher Weise ist der Tod ein Sinnbild Gottes, für oder durch den Gott gepriesen werden kann?
Man geht davon aus, dass Franziskus die letzte wie auch die vorletzte Strophe des Cantico erst in einer späten Fassung hinzugefügt hat. Beide sprechen vom Menschen, während der ursprüngliche Lobpreis ohne ihn auskommt. Die vorletzte Strophe nimmt ihn jedoch nicht in seiner Größe und Schönheit in den Blick, sondern in den größten Herausforderungen seines Lebens: Unfrieden, Krankheit und Not. Gepriesen wird Gott durch jene, die verzeihen, ertragen und ausharren und auf diese Weise Frieden stiften und zum Frieden finden. Per lo tuo amore – um deiner Liebe Willen: Hier fällt zum einzigen Mal das Schlüsselwort Liebe, das implizit auch die Strophen über Gestirne und Elemente bestimmt hat. Der Mensch wird laut Franz von Assisi Gott dadurch ähnlich, dass er verzeiht und erträgt. Dies macht ihn zum Sinnbild für die Liebe Gottes, wie es auf ihre Weise die Gestirne durch ihre Schönheit und die Elemente durch ihr Sein-für sind. Dieses Menschenbild mag heute zu negativ klingen; wo sind die Freude und das gelingende, gesunde, glückliche Leben? Man muss sich jedoch vor Augen führen, dass das Leben der meisten Menschen im Mittelalter von der Allgegenwart des Todes in seinen unterschiedlichsten Formen geprägt war und die Herausforderung darin bestand, unter diesen Bedingungen das Glück und die Freude eines oft kurzen Lebens zu finden. Religiöse Menschen suchten und fanden dies in der Hinwendung zu Gott. Die Heiligen wurden ihnen dabei zum Vorbild. Nach einem Bericht seiner Gefährten gelang es Franziskus noch kurz vor seinem Tod, mit der Hilfe seines Sonnengesangs einen Streit zwischen dem Bischof und dem Bürgermeister von Assisi zu schlichten.
Hinter der vorletzten Strophe steht eine weitere biografische Erfahrung, die noch näher an sora morte heranführt: die Gottesbegegnung auf dem Berg La Verna in der Nähe von Arezzo im September 1224. Die Jahre 1223 und 1224 waren für Franziskus eine Zeit der Krise. Neben vielen schmerzhaften Krankheiten litt er auch innerlich, was seine Biografen mit dem Begriff der Versuchung beschreiben. Die Historiker bringen dies in Zusammenhang mit dem Richtungsstreit im wachsenden und erfolgreicher werdenden Orden, der sich stets an Fragen der Armut entzündete, aber tiefer reichte. Der Gründer spürte, dass ihm sein Lebensideal – arm dem armen Christus zu folgen – aus den Händen glitt. Harte Worte des Heiligen sind aus dieser Zeit überliefert, aber auch tiefe spirituelle Einsichten wie im Diktat über die vollkommene Freude. Franziskus sucht gerade im geduldigen Ertragen der unverschämten und skandalösen Zurückweisung durch die eigenen Brüder die Freude, vielleicht findet er sie auch immer wieder. Die vorletzte Strophe des Sonnengesangs klingt bereits an.
Das Geschehen im September 1224 auf dem Berg La Verna wurde nicht durch die Begegnung mit Brüdern oder generell mit Menschen ausgelöst. Franziskus widerfuhr dort eine Berührung mit dem Göttlichen, über die er selbst schwieg, und er verpflichtete diejenigen, die darum wussten, bis zu seinem Tod darüber zu schweigen. Erst nach dem Tod von Franziskus in der Nacht zum 4. Oktober 1226 erfuhr der Orden durch Bruder Elias vom Empfang der Wundmale Christi, die der Ordensgründer kurz vor seinem Tod erhalten habe. Der Biograf Thomas von Celano bringt 1229 dieses Wunder mit der Vision eines gekreuzigten Seraphs, also einer sechsflügligen Engelsgestalt, auf dem Berg La Verna in Zusammenhang, beschreibt die Wundmale jedoch deutlich anders als Bruder Elias. Nach ihm waren es nicht die Einstiche der Nägel, sondern die aus Fleischwucherungen gebildeten Nägel selbst, die am Körper des Heiligen sichtbar wurden.
Eine andere frühe Quelle – die Sammlung von Perugia, die mit Bruder Leo in Zusammenhang gebracht wird – erwähnt die Wunden nicht. Sie spricht stattdessen über die Wirkung, die die Erscheinung des Seraphs auf Franziskus hatte, der im Gebet darum rang, den Willen Gottes zu erkennen: Dass er nämlich „in seiner Seele für die Beziehung zwischen sich und dem Herrn für die ganze Zeit seines Lebens viel Trost schöpfte“. Die später sogenannte Stigmatisation des Franziskus wurde zum Ausgangspunkt vieler und sich stetig übertreffender Deutungen: Für manch einen wird Franziskus infolge der Wundmale gar zu einem anderen Christus. Die skeptische Moderne hat ihre physische Echtheit bis heute immer wieder angezweifelt. Das Ereignis einer tiefgreifenden, trostvollen und den Empfänger verwandelnden Berührung durch Gott auf dem Berg, die nicht nur Franziskus’ Seele, sondern auch seinen Körper betraf, kann kaum infrage gestellt werden. Die Quellen verschweigen nicht, dass auch nach diesem mystischen Ereignis die Versuchungen und Dunkelheiten im Leben des von Gott Gezeichneten nicht aufhörten. Erst kurz vor seinem Tod scheint er zu dem inneren Frieden gefunden zu haben, von dem der 1225 entstandene Sonnengesang in seiner ersten Fassung zeugt.
Wie also ist das Geschehen auf dem Berg La Verna zu deuten? Vielleicht bietet das Stichwort des Trostes in Verbindung mit der Erscheinung des Seraphs einen Schlüssel. Im 22. Kapitel des Lukasevangeliums wird das Ringen Jesu mit dem Willen Gottes in Getsemani dramatischer als bei den anderen Synoptikern geschildert. Nach seiner Einwilligung in den Willen Gottes heißt es: „Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und tröstete ihn. Und er geriet in Todesangst und betete noch inständiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fallen.“ Zumindest die frühe „Sammlung von Perugia“ scheint nicht so sehr Golgota als vielmehr Getsemani mit dem Ereignis auf dem Berg La Verna in Verbindung zu bringen. Franziskus, der darum ringt, den Orden als sein Lebenswerk aus der Hand und in den Willen Gottes zu geben, wird es durch die Erscheinung des Seraphs geschenkt, seinem Leiden durch die Verbindung mit dem Leiden Christi einen Sinn zu verleihen. Vielleicht hat er sich in seinem Gebetskampf mit dem von seinen Freunden verleugneten und verratenen, um die Annahme des Kelches ringenden Christus verbunden. Er hat dann auf unsagbare und von ihm selbst nie enthüllte Weise göttliche Nähe und tiefen Trost gefunden. Die vorletzte Strophe des Cantico enthält in dieser Lesart einen Reflex auf das geheimnisvolle Widerfahrnis von La Verna: Es umfasste Verzeihen, Ertragen und Seligkeit des Friedens und ließ Franziskus verwundet und christusförmiger zugleich zurück. Die letzte Stufe der Christusförmigkeit ist für ihn der leibliche Tod, der ihn im „heiligsten Willen“ Gottes findet.
Sora morte, Schwester Tod, ist im Sonnengesang der leibliche Tod als Teil der Schöpfung, in der sich Gott offenbart. Diese Transparenz für Gott, die den Geschöpfen durch ihr Sein gegeben ist, ist beim Menschen Frucht eines lebenslangen Ringens um die Nachfolge des menschgewordenen Christus. Im Gehorsam gegen den Willen Gottes, so Franziskus, wird der wahre Feind des Lebens, die Sünde, bezwungen. Der irdische Tod wird zum transitus, zum Durchgang in das neue Leben. Das Verzeihen um der Liebe Gottes willen und das Ertragen von Krankheit und Not in Frieden sind die bevorzugten Wege, um zu dieser Vollendung des Menschen als ein anderer Christus zu gelangen und bereits irdisch und vorwegnehmend den transitus zu erfahren. Das besingt er in den beiden letzten Strophen seines Schöpfungsliedes.
Die Schöpfung als der vollendete Christus
Damit verändert sich das ursprüngliche Lied. Jetzt ist der Mensch zur Schar der Geschöpfe hinzugetreten. Dieser Mensch ist es nun, der den Schöpfer durch die Geschöpfe preist. Als bereits durch den Tod Hindurchgegangener sieht der Mensch die Schöpfung mit neuen Augen. Manche Interpreten weisen darauf hin, dass die Nähe des Franz zur Schöpfung, insbesondere auch zu den Tieren, die des Adam im Paradies sei. Doch hier ist es nicht der Adam vor dem Sündenfall, der spricht, sondern der neue Adam, der schon in diesem Leben zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes gelangt ist (vgl. Röm 8,21). Er preist Gott durch seine Christusförmigkeit, die er in Christus durch die Erlösung erlangt hat. Insofern ist das Schöpfungslied das Gedicht der neuen Schöpfung, die vom Himmel her auf die Erde kommt, und für die die irdische Schöpfung durchsichtig werden kann. Die neue Schöpfung ist keine andere, sondern die verwandelte irdische, denn Gott macht keine neuen Dinge, sondern alle Dinge neu (vgl. Offb 21,5).
Die Spiritualität des Franziskus ist geprägt von der Erfahrung, dass Gott auf die Erde herabkommt: im Aussätzigen, im Bruder und der Schwester, im Kind in der Krippe, im Gekreuzigten, in der Kirche, in der Eucharistie. Und herab kam er auch im Seraph, der ihm in großer Not erschien und trostvoll diese Verbindung zwischen Himmel und Erde besiegelt hat. Die Verbindung und Berührung zwischen Himmel und Erde geschieht in besonderer Weise im Verzeihen und im Ertragen von Krankheit und Not, und letztlich in der Annahme des leiblichen Todes, der dadurch zur Schwester wird. Insofern ist es richtig, den Punkt der Berührung in den Wunden zu sehen und die menschlichen Wunden, auch die Wunde des Todes, mit den Wundmalen Christi in Verbindung zu bringen. So zeigen es unzählige Bilder des geheimnisvollen Geschehens auf La Verna seit dem Maler Giotto di Bondone.
Mit dieser Deutung ist weder eine Spiritualisierung des Leidens noch der Erfahrung von La Verna gemeint. Im Körper des Franziskus wurde am Ende seines Lebens auf einzigartige und geheimnisvolle Weise etwas sichtbar, was den Menschen als die Besiegelung seiner Christusförmigkeit erschien. Der Schlüssel ist per lo tuo amore – um deiner Liebe willen.
Im Sonnengesang des Franziskus wird Christus nicht ausdrücklich erwähnt. Die neue Schöpfung, durch die der Beter Gott preist, weist jedoch auf die Johannesoffenbarung hin, das letzte Buch der Bibel. Es endet mit der Schau der himmlischen Stadt Jerusalem, dem als Architektur visualisierten vollendeten Miteinander der Menschen, mithin der franziskanischen Vision der universalen Geschwisterlichkeit. Die nicht-menschliche Schöpfung ist mit dem Strom und dem Heilgarten, den dieser bewässert, in dieser Stadt enthalten. Der irdische Tod wird in ihr nicht mehr sein, der zweite Tod ist entmachtet. Diese Vision der Heiligen Stadt ist die letzte Christusgestalt der Johannesoffenbarung, die der Vollendung. So lese ich den Sonnengesang, den Franziskus kurz vor seiner endgültigen Begegnung mit Schwester Tod vollendete, als eine im Licht der Ewigkeit vorweggenommene Schau der Schöpfung als des vollendeten Christus.
Die Grenze unserer Sprache und Welt
In Franziskus begegnen wir einem Menschen des Mittelalters. Sein Weltbild, auch seine Schau der Schöpfung als Sinnbild Gottes ist heutigen Menschen nicht mehr unmittelbar zugänglich. Und Schwester Tod? Der französische Schriftsteller Christian Bobin fällte ein hartes Urteil: „Ich wurde in eine Zeit hineingeboren, die damit begann, vom Tod nichts mehr hören zu wollen, und die heute an ihre Grenzen gestoßen ist, ohne zu verstehen, dass sie sich aus diesem Grund dazu verurteilt hat, nichts mehr von der Gnade zu hören.“ Für die meisten Menschen werden die bleibenden Erfahrungen von Krankheit und Tod in die Einsamkeit einer immer weiter hinausgeschobenen, langen Phase des Alters verschoben.
Transhumanistische Bewegungen arbeiten an der Abschaffung des Todes. Er wird als Problem gesehen, dessen technische Lösung in greifbare Nähe gerückt zu sein scheint. Das ist weit entfernt von der biblischen Überzeugung, dass die „Tötung des Todes“ nur in der Überwindung der Sünde geschehen kann. Dies wird durch die Gnade geschenkt und dann in einem lebenslangen Weg der Umformung des Menschen konkretisiert. Für den Dichter des Sonnengesangs wird alles, was menschliches Leben ausmachen kann, selbst Krankheit, Not und Tod, zum Weg, auf dem der Mensch in seine Christusgestalt hineinfindet. Diese ist mit seinem vollendeten Menschsein identisch, in das Gott sich ganz hinab- und hineingibt, um es in Schwester Tod zu vollenden.
Franziskus war der Mensch, der wie kein anderer im Christentum für diesen Weg ein konkretes Beispiel geworden ist. Vielleicht spüren das jene Menschen, die in Assisi unaufhörlich zu seinem Grab strömen und die im Gedenkjahr seines Todes vor dem Anblick seiner nackten, dunklen Gebeine standen: verwundert, bestürzt, achselzuckend, peinlich berührt oder auch ahnungsvoll von etwas getroffen, was die Grenze unserer Sprache und unserer Welt berührt.