Das kleine Buch des CDU-Politikers Ruprecht Polenz ist auf die Aktualität bezogen. Es setzt sich konkret mit den Medienstrategien der AfD und von Donald Trump auseinander. Gleichzeitig ist es ein thesenartig formulierter Beitrag zu einer gesellschaftlich-politischen Grundfrage: die zunehmende Bedrohung der Fähigkeit, „zwischen wahr und falsch, zwischen überprüfbarer Tatsache und bloßer Behauptung unterscheiden zu können“. Polenz verteidigt das Axiom, dass Demokratie Wahrheit braucht, und skizziert das „liberale Wahrheitsregime“, das sich aus drei Quellen speise: dem eigenen Verstand, kommunikativer Rationalität sowie der reflektierten Unterordnung unter die Einsichten der Wissenschaft und von Expertinnen beziehungsweise Experten.
Im zweiten Teil seiner Streitschrift geht es Polenz unter der programmatisch-plakativen Überschrift „Wie wir bei Verstand bleiben“ um Gegenstrategien, vom schlichten Ratschlag, sich zu informieren („Sich über das allgemeine Geschehen zu informieren, sollte zu Ihrem Tag gehören wie das Zähneputzen“), über den Widerstand gegen Verschwörungsmythen bis zum Vorschlag, öffentliche digitale Räume als Alternative zu schaffen. Er bricht in diesem Zusammenhang auch eine Lanze für unabhängigen Qualitätsjournalismus und betont, dieser sei unverzichtbar, „damit wir uns ein zutreffendes Bild von der Welt machen können“. Es ließen sich etwa strukturelle Förderungen von Qualitätsjournalismus über Medienfonds denken, die staatsfern verwaltet werden müssten. Auch die unverzichtbare Rolle eines kompetenten Lokaljournalismus hebt er hervor.
Das Buch mündet in die Mahnung, eine Demokratie verliere ihren Verstand nicht an einem Tag, wohl aber dann, wenn sich zu viele Menschen daran gewöhnten, dass Wahrheit keine Rolle mehr spiele. Sie gewinne ihn zurück, „wenn genügend Menschen darauf bestehen, dass sie es doch tut.“ Über manche Einschätzung von Ruprecht Polenz kann man diskutieren. Das ändert nichts an der Dringlichkeit und Angemessenheit seines Plädoyers für praktische Vernunft und damit für Aufklärung im besten Sinn.